Dubioser Bluttest:Der Test sei als Diagnostikum ungeeignet, heißt es in einem internen Schreiben

Dass die Klinikverantwortlichen mitfeiern, leuchtet ein. Aber was haben Karl-Heinz Grasser und Kai Diekmann auf dieser Party zu suchen? Sind sie jene stillen Investoren, über deren Existenz Harder laut einem Klinik-internen Schreiben, das der SZ vorliegt, Andeutungen gemacht hat? Harder bestreitet auf Anfrage, dass es stille Beteiligungen gibt. Er sei mit Diekmann befreundet, lässt er mitteilen.

Diekmann ist offenkundig auch anwesend, als im April 2018 die Forscher in Heidelberg dem Investor Harder neue Forschungsergebnisse präsentieren. Es ist ein denkwürdiges Treffen. Christof Sohn hat schlechte Nachrichten. Der Test erreicht nur noch 70 bis 80 Prozent Treffsicherheit. Die angekündigten 100 Prozent ließen sich "nicht im Ansatz halten", heißt es später in einem internen Schreiben. An anderer Stelle heißt es auch, der Test sei als Diagnostikum ungeeignet.

Harder fühlt sich getäuscht, es gibt Streit, sogar Anwälte werden aktiv. In den darauffolgenden Monaten wird der Test nachjustiert, die Werte werden tatsächlich besser, aber bei weitem nicht so gut, wie einst angekündigt. Dennoch beschließt der Rat der Heidelberger Medizin-Fakultät am 30. Januar 2019, den Test bei dem Kongress in Düsseldorf vorzustellen. Mit der Vorbereitung der Pressekonferenz wird laut einem internen Schreiben, das der SZ vorliegt, Kai Diekmann betraut, Kommunikationsprofi - und Freund des Investors Harder.

Etwa zeitgleich mit der Entscheidung, an die Öffentlichkeit zu gehen, beginnt der Kurs der NKY Medical - jener Firma, die den Test auf den asiatischen Markt bringen soll - zu steigen. Es ist ein klares Zeichen, dass jemand verstärkt Aktien des chinesischen Unternehmens kauft.

Zur Vorbereitung der Pressekonferenz werden zwei Firmen angeheuert. Bei einer arbeitet die frühere Büroleiterin von Kai Diekmann, sie wird später auf der Pressekonferenz neben Chefarzt Sohn sitzen. Der Ex-Bild-Chefredakteur, die Ex-Bild-Büroleiterin - und wenig später weiß auch die Bild-Zeitung von der vermeintlichen medizinischen Sensation. Eine Journalistin des Blatts interviewt Sohn und schickt ihm das Interview zwei Wochen vor der Pressekonferenz zur Freigabe zu. Es macht im Klinikum die Runde, wird ergänzt, korrigiert - und bejubelt: "Prima, leicht verständlich und dennoch wissenschaftlich", zitiert die Rhein-Neckar-Zeitung später aus einer E-Mail.

Wer früh Aktien der Vertriebsfirma gekauft hat, konnte mit Gewinn verkaufen

Eine Pressekonferenz auf einer Fachtagung, dazu eine Titelstory in der auflagenstärksten deutschen Boulevardzeitung: Der 21. Februar 2019 scheint zunächst ein Erfolg zu sein. Zwar werden kurze Zeit später sieben ärztliche Fachgesellschaften die Veröffentlichung der Heidelberger Forscher heftig kritisieren, weil die Schlussfolgerungen "verfrüht" seien und "ohne Evidenzgrundlage Hoffnungen bei Betroffenen" geweckt würden. Doch das interessiert den Finanzmarkt zunächst nicht: Mit einem Schlag steigt der Kurs der an der Börse von Shenzhen gehandelten Aktien der NKY Medical stark. Die Rechnung scheint einfach: In China, Hongkong, Taiwan und Macau leben rund 700 Millionen Frauen, viele potenzielle Kundinnen.

Der Kurs der NKY Medical erreicht Ende März seinen bisherigen Höhepunkt. Wer am 30. Januar 2019 Aktien der Firma gekauft hat - am Tag, an dem der Fakultätsrat entschied, mit dem Krebstest an die Öffentlichkeit zu gehen -, kann diese nun mit gewaltigen 82 Prozent Gewinn verkaufen. Der einzige Haken: Sollte jemand das Wissen von der bevorstehenden Veröffentlichung genutzt und aus diesem Grund Aktien gekauft haben, wäre das illegal. Experten sprechen in solchen Fällen von Insiderhandel - und mit diesem Verdacht ermittelt laut Rhein-Neckar-Zeitung gerade die Staatsanwaltschaft.

Für Insiderhandel kommt jeder in Frage, der von der geplanten Veröffentlichung wusste. In Frage kämen alle, die eingeweiht waren. Jürgen Harder ließ mitteilen, er verfüge "über keinerlei Hinweise", die "auf Börsenmanipulation, Insiderhandel oder anderweitig illegale Handlungen im Zusammenhang mit der Ankündigung des Blutestests schließen lassen". Auch Kai Diekmann wies Spekulationen zurück: "Das ist der größte Quatsch der Welt." Er habe "zu keinem Zeitpunkt" direkt oder indirekt Anteile an irgendwelchen Firmen besessen, die etwas mit dem Heidelberger Bluttest zu tun haben.

Der ehemalige FPÖ-Politiker Grasser, der in Österreich in einem anderen Fall wegen des Vorwurfs der Untreue vor Gericht steht, berät laut Investor Harder die Beteiligungsgesellschaft, mit der Harder in Heiscreen investiert hat. Laut FAZ war Grasser sogar als Geschäftsführer im Gespräch. Grasser selbst ließ die SZ-Anfrage, ob er im Zusammenhang mit dem Heidelberger Bluttest an einer Firma beteiligt sei, bis Freitagnachmittag unbeantwortet.

© SZ vom 27.04.2019/vwu
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