Soziales Netzwerk:Schwache Quartalszahlen für Twitter

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Soziales Netzwerk: Der vielleicht größte Twitter-Troll, dem bald Twitter gehören könnte: Elon Musk, hier 2020 bei einem Besuch in Berlin.

Der vielleicht größte Twitter-Troll, dem bald Twitter gehören könnte: Elon Musk, hier 2020 bei einem Besuch in Berlin.

(Foto: Hannibal Hanschke/REUTERS)

Das soziale Netzwerk legt magere Ergebnisse vor - für den neuen Eigentümer Elon Musk bleibt einiges zu tun.

Von Helmut Martin-Jung

Was für ein Schenkelklopfer: "Als nächstes kaufe ich Coca-Cola und tu das Kokain wieder rein." Hätte Elon Musk, der mutmaßlich reichste Mensch der Welt, am Montag einen Deal mit irgendeiner Tech-Firma abgeschlossen, wäre passiert, was immer passiert war zuletzt: Man hätte über den scherzhaften Tweet gelacht und auch ein bisschen bewundert, wie es Musk immer wieder in die Medien schafft. Nun hat er aber Twitter gekauft, das soziale Netzwerk, und ziemlichen vielen Leuten bleibt das Lachen im Hals stecken. Fürchten sie doch, dass der von Musk als Kaufgrund angeführte Meinungsfreiheit Hass und Hetze vor allem von rechts zu Twitter zurückbringen könnte.

In der schwarzen Community in den USA beispielsweise, einer traditionell auf Twitter stark vertretenen Minderheit, erwägt man durchaus ernsthaft, Twitter zu verlassen. Ohne die meist besonders engagierten Mitglieder von #BlackTwitter wäre ein gutes Stück weniger los auf der Plattform, und das kann der neue Eigentümer gar nicht gebrauchen. Der sagte zwar vor dem Deal, der wirtschaftliche Aspekt kümmere ihn gar nicht. Doch das ist die öffentliche Fassade.

In der harten Realität dahinter muss es Musk schon interessieren, dass Twitter wirtschaftlich weit weniger erfolgreich ist als andere soziale Netzwerke. Das bestätigen die jüngsten Quartalszahlen, die am Donnerstag veröffentlicht wurden. Twitter hat zwar bei der Zahl der täglich aktiven Nutzer im Vergleich zum ersten Quartal des Vorjahres zugelegt, um immerhin 16 Prozent auf nunmehr 229 Millionen. Das waren aber auch nur knapp drei Millionen mehr als Analysten erwartet hatten.

Auch andere soziale Netzwerke wuchsen beim Umsatz schwächer

Und bei den Einnahmen sieht es nach wie vor düster aus. Die ebenfalls 16-prozentige Steigerung beim Umsatz auf 1,2 Milliarden Dollar war die geringste seit sechs Quartalen und lag unter den Erwartungen. Nicht alles davon ist allein die Schuld des Twitter-Managements. Auch andere soziale Netzwerke wuchsen beim Umsatz schwächer, als Grund vermuten die Analysten allgemeine Zurückhaltung bei Werbeausgaben wegen Lieferkettenproblemen, der Inflation und des Kriegs in der Ukraine. Das ändert aber nichts daran, dass Twitter ganz im Gegensatz zu seiner herausgehobenen gesellschaftlich-politischen Bedeutung weitaus weniger Menschen erreicht als Konkurrenten wie Facebook, Whatsapp, Instagram, Snapchat und wie sie alle heißen.

Auf Musk und die Leute, die Twitter künftig führen werden, kommen also große Aufgaben zu. Allein für die Schulden, die Musk aufnehmen musste, um das Netzwerk kaufen zu können, muss er pro Jahr mehr als eine Milliarde Dollar aufbringen, und die wird Musk wohl nicht aus der eigenen Tasche nehmen wollen. Wofür er ohnehin Aktien von Tesla oder Space X verkaufen müsste - diese Papiere sind es schließlich, die Musks Reichtum ausmachen.

Dass Musk etwas vorhat mit Twitter, war schon vor der Entscheidung der Twitter-Oberen am Montag monatelang ein Thema gewesen. Schon eine geraume Zeit hat der charismatische Unternehmer Aktien zusammengekauft, zuletzt besaß er neun Prozent Anteile an Twitter. Dort wollte man ihn aber zunächst nicht haben. Der Vorstand setzte sogar eine Regelung namens poison pill (Giftpille) in Kraft. Hätte Musk mehr als 15 Prozent der Aktien in seinen Besitz gebracht, hätten andere Anteilseigner Aktien zu günstigeren Konditionen kaufen können.

Doch als Musk schließlich am vergangenen Wochenende mit einem ausgearbeiteten Finanzierungsplan um die Ecke kam, knickten Vorstand und Verwaltungsrat bei Twitter doch noch ein. Auch sie sind ja als Angestellte eines börsennotierten Unternehmens letztlich den Anteilseignern verpflichtet, und die bekommen von Musk nun rund sieben Dollar pro Aktie mehr als diese derzeit wert ist.

Um den Plan aufzustellen, hatte Musks Team in der Woche davor hektisch gearbeitet und mit Banken gesprochen, um das Geld für den Deal zusammenzubringen. Unter Führung der Großbank Morgan Stanley gelang es schließlich, auch andere Institute wie BNP Paribas oder Société Générale zu überzeugen, bei dem Deal mitzumachen.

Das größte Risiko aber trägt Elon Musk selbst. Scheitert die Übernahme, etwa weil Aktionäre sich weigern oder weil es wirtschaftlich nicht klappt, wäre sein Ruf als eine Art Superheld zumindest angeknackst. Dazu könnten auch eine Reihe von Prozessen beitragen, die auf Musks Idee zurückgehen, den von ihm geführten Autohersteller vor der Börse zu nehmen. Ein Richter hat einen seiner Tweets dazu - dass die Finanzierung gesichert sei - kürzlich als Lüge bezeichnet. Bei Tweets sollte sich Musk daher in nächster Zeit lieber zurückhalten.

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