Touchscreens:Gebt den Autos die Knöpfe zurück

Touchscreens: VW hat immer mehr Funktionen von Knöpfen auf Touchscreens verlagert - und nun verärgerte Kunden. Selbst schuld?

VW hat immer mehr Funktionen von Knöpfen auf Touchscreens verlagert - und nun verärgerte Kunden. Selbst schuld?

(Foto: Ingo Barenschee/VW)

Moderne Autos sind quasi Tablets auf Rädern, doch die riesigen Touchscreens nerven viele Kunden. VW gibt jetzt zu, damit "definitiv viel Schaden angerichtet" zu haben - und bringt immerhin einen Knopf zurück.

Von Simon Hurtz, Berlin

Knöpfe sind eine grandiose Erfindung. Einmal drücken, an. Noch mal drücken, aus. Das Gleiche gilt für Wippschalter und Drehregler. Eine kleine Bewegung, schon geht der Scheibenwischer an, oder die Musik wird leiser. Das Konzept ist seit Jahrzehnten erprobt und wie gemacht für Autos: Man muss nicht mal hinschauen, um Licht oder Lautstärke zu steuern.

Diese Erkenntnis scheint allmählich auch bei VW anzukommen. Man habe "definitiv viel Schaden angerichtet", sagte Markenchef Thomas Schäfer der britischen Zeitschrift Autocar. "Wir hatten frustrierte Kunden, die nicht frustriert sein sollten." Für die Frustration gibt es einen Grund, der wortwörtlich auf der Hand liegt: VW hat immer mehr Funktionen von Knöpfen auf Touchscreens verlagert.

Beim neuen Tiguan dominiert weiter ein Bildschirm das Armaturenbrett, doch in die Mittelkonsole kehrt ein großer, runder Knopf zurück. Damit sollen sich etwa Fahrmodi und Lautstärke regeln lassen. Schäfer zufolge hat sich ein riesiges Team längere Zeit den Kopf über ein stimmiges Konzept zerbrochen und dabei Excel-Tabellen von der Größe eines ganzen Raumes erstellt. Das wenig überraschende Ergebnis: Touchscreens sind schick und modern, aber manche Funktionen gehören auf Knöpfe und Schalter.

Touchscreens lenken nur ab

Wer jemals selbst am Steuer eines Autos saß, könnte sich fragen: Warum erst jetzt? Aus gutem Grund ist das Handy am Steuer verboten - ein gigantisches Tablet mit Touch-Bedienung soll aber in Ordnung sein? Tatsächlich sehen das manche Gerichte anders. Ein Tesla-Fahrer musste seinen Führerschein für einen Monat abgeben, weil er von der Straße abkam, als er versuchte, das Intervall seines Scheibenwischers zu regeln. Bei Tesla geht das nicht am Lenkrad, sondern nur über den Touchscreen. Das habe den Fahrer abgelenkt, befand das OLG Karlsruhe, der "eingebaute Berührungsbildschirm" sei genauso zu bewerten wie ein Handy.

Der verunfallte und verurteilte Tesla-Fahrer zeigt, dass man seine Aufmerksamkeit am Steuer am besten auf einen besonders großen, hochauflösenden Bildschirm richtet. Er heißt Windschutzscheibe. Stattdessen drücken und wischen viele Autofahrerinnen auf einem Second Screen herum, der vieles zeigt, aber nicht die Umgebung. Seit Jahren kommen Studien zum Ergebnis, dass komplexe Infotainment-Systeme ablenken und zu Unfällen beitragen können.

Sowohl der ADAC als auch das schwedische Automagazin Vi Bilägare haben Bedienkonzepte mit Touchscreens und Knöpfen verglichen. Bei den schwedischen Testern gewann mit großem Abstand ein Volvo V70 aus dem Jahr 2005 - ganz ohne Touchscreen. Der ADAC straft das Tesla Model 3 mit dem letzten Platz ab: "Der Verzicht auf separate Tasten und Hebel für Fahrlicht/Nebelschlussleuchte und Scheibenwischer führt zu langen Bedien- und damit ebenfalls gefährlichen Ablenkungszeiten."

Kunden wünschen sich Knöpfe zurück

Die meisten Autohersteller halten am Konzept Tablet auf Rädern fest. Angeführt von Tesla setzten sie auf immer größere Displays. Für die Konzerne ist es bequem und günstig, Touchscreens zu überfrachten. Hardware- und Software-Designer können unabhängig voneinander arbeiten und müssen sich nicht abstimmen. Funktionen lassen sich umprogrammieren und noch nach der Auslieferung per Update nachrüsten.

Am Ende muss es aber Menschen geben, die das Auto kaufen - und zumindest bei VW war deren Wunsch eindeutig. Bereits im vergangenen Jahr schrieb Markenchef Schäfer auf Linkedin, dass man auf eine "neue Einfachheit bei der Bedienung unserer Autos" setzen wolle. Deshalb bringe man etwa die Knöpfe am Lenkrad zurück, das wünschten sich Kundinnen und Kunden von VW. Manches war früher offenbar doch besser.

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