bedeckt München

Landwirtschaft:Wenn resistente Keime im Gülletransport mitreisen

Luftbild Agrarlandschaft

Gülle ist wertvoller Dünger für die nächste Pflanzengeneration. Im Tank könnten sich zudem aber auch unerwünschte Keime und Antibiotikarückstände befinden.

(Foto: Uli Deck/dpa)

Mit Tanklastwägen gelangen Rückstände in weit entfernte Regionen, zeigt eine Greenpeace-Recherche. Strengere Düngeregeln könnten das Problem verschärfen.

Von Silvia Liebrich

Große Tierställe, das bedeutet auch jede Menge Gülle. In manchen Regionen Deutschlands, etwa in Niedersachsen, werden so viele Schweine gehalten, dass die Betriebe die Hinterlassenschaften ihrer Tiere nicht mehr in der näheren Umgebung loswerden. Auch dafür gibt es Lösungen, spezialisierte Firmen transportieren die Gülle in großen Tanklastwägen dorthin, wo sich Abnehmer finden. In Gegenden mit viel Ackerbau dient die braune Brühe als wichtiger Nährstofflieferant für die nächste Anbausaison. Bei diesen Transport sind jedoch häufig auch unerwünschte Rückstände an Bord, wie Recherchen von Greenpeace zeigen, die an diesem Mittwoch veröffentlicht werden.

Mit der Gülle werden laut der Umweltorganisation Antibiotika und resistente Keimen von Niedersachsen aus in andere Bundesländer verteilt und landen dort auf den Feldern. Insgesamt sei man für die Recherche 86 Gülletransporten gefolgt, die im Schnitt 220 Kilometer zurücklegten. In sieben von elf untersuchten Proben konnten insgesamt neun Stämme resistenter Keime nachgewiesen werden. Darunter fanden sich auch Erreger, die gegen das Reserveantibiotikum Colistin resistent sind, das häufig auch in Ställen eingesetzt wird. Rückstände der Medikamente selbst fanden sich ebenfalls in den Proben.

"Die Transporte aus den Schweinemastanlagen verbreiten Resistenzen gegen Antibiotika. Damit wächst die Gefahr, dass Infektionskrankheiten immer schwerer zu behandeln sind", warnt Greenpeace-Landwirtschaftsexperte Dirk Zimmermann. Die Greenpeace zugespielten Proben aus dem Mai und Juni 2020 stammen nach Angaben der Umweltschützer aus Ställen in Cappeln, Lastrup, Vahren Essen (Oldenburg) und weiteren Standorten im Nordwesten Niedersachsens.

Die enormen Mengen Gülle belasten das Grundwasser, Flüsse und Seen mit Nitrat

Zwar ist zuletzt der Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung insgesamt zurückgegangen, trotzdem werden die Medikamente nach wie vor häufig eingesetzt. "Nur wenn weniger Tiere besser gehalten werden, lässt sich die Gülleflut stoppen und der Einsatz von Antibiotika in den Mastanlagen weiter wirksam reduzieren", sagt Zimmermann. Die enormen Mengen Gülle aus der intensiven Tierhaltung belasten das Grundwasser, Flüsse und Seen mit Nitrat. An vielen Stellen in Deutschland mit intensiver Tierhaltung liegen die Messwerte über den EU-Vorgaben. Deutschland hat daher die Düngeregeln erneut verschärft. Umweltschützer befürchten nun, dass damit noch mehr Gülle auf andere Regionen verteilt wird.

Greenpeace fordert, in den Betrieben nur so viele Tiere zu halten, wie mit Futtermitteln von der eigenen Fläche ernährt werden könnten sowie ein Verbot von Reserve-Antibiotika in der Tierhaltung. Die Umweltorganisation sieht hier die Politik in der Pflicht. Zimmermann verlangt zudem, die Abgabe der Medikamente an Tierärzte strenger zu regulieren. Es ist gängige Praxis, dass große Tierarztpraxen Antibiotika deutlich billiger bekommen, wenn sie große Mengen abnehmen. Solche Rabattsysteme sollten untersagt und ein Mindestpreis eingeführt werden, sagt Zimmermann.

Auch die Krankenkassen fordern zum 18. November, dem Europäischen Antibiotikatag, einen verantwortungsvolleren Umgang mit den wichtigen Medikamenten. Bei den Versicherten der BBK Provita nimmt nach eigenen Angaben das Problem der Antibiotikaresistenzen zu. Als Hauptgründe nennt die Krankenkasse die häufige Einnahme durch Menschen, aber auch den sehr hohen Einsatz in der Massentierhaltung. Antibiotika gibt es seit mehr als 70 Jahren, bei schweren Infektionen können sie für Erkrankte lebenswichtig sein. Doch ihre Wirkung lässt nach, weil immer mehr Bakterien resistent gegen Antibiotika sind. Jedes Jahr sterben in Europa Tausende von Menschen, weil die Medikamente bei ihnen nicht mehr wirken.

© SZ/evg/vit
TEASER XYLELLA

SZ PlusSüditalien
:Das Sterben der Olivenhaine

In Apulien breitet sich seit Jahren ein Bakterium aus, das Olivenbäume tötet. Der Schaden für die lokale Wirtschaft ist enorm, auch andere Länder sind betroffen. Nun gilt es zu retten, was noch zu retten ist.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite