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Sozialstaat:Die Rente ist sicher - nur wie lange noch?

Senioren auf einer Parkbank

Noch ist Altersarmut in Deutschland kein Massenphänomen, die Politik muss jetzt aber handeln, wenn es so bleiben soll.

(Foto: picture alliance / Arno Burgi/dp)

Das Thema Rente betrifft alle - auch wenn die meisten es langweilig finden. In der Politik herrscht derweil erschreckende und gefährliche Ideenlosigkeit.

Dies ist eine Geschichte großer Irrtümer. Sie beginnt damit, dass die meisten Menschen alles fad finden, was mit dem Wort Rente zu tun hat. Missmutig müssen sie nun auch noch zur Kenntnis nehmen, dass die Politik ihnen einen "Rentenwahlkampf" servieren will. Langweilig! Wie Kaugummi klebt dieses Etikett am ungeliebten Wort. Dabei ist es kurz, schnell, hat sogar zwei helle Vokale, und auch sonst alle Bezüge, die das Thema spannend machen sollten. Denn das Leben im Alter betrifft, wenn es gut geht, alle: Es sollte also jeden interessieren.

Aber der Mensch ist im Hier und Heute verhaftet, er glaubt besser zu leben, wenn er nicht genau weiß, was da noch auf ihn zukommt. Das ist der zweite Irrtum, ein besonders verhängnisvoller. Denn wer nicht vorsorgt, hat am Ende keine großen Gestaltungsmöglichkeiten; er wird zum Spielball der Verhältnisse. Wie will ein 65-Jähriger oder eine 70-Jährige das Leben noch finanziell verbessern? Wäre doch besser, sich beizeiten zu informieren: über die persönlichen Möglichkeiten und über das, was die Parteien mit einem vorhaben.

Hier geht es nicht um Ideologie, sondern um Mathematik

Der Politik wiederum beliebt es, den Bürger mit Halbwahrheiten zu verunsichern. Die Merkel-CDU etwa verweist darauf, dass es bis 2030 keinen Handlungsbedarf gebe (was rechtlich stimmt). Nur keine Eile also mit unangenehmen Wahrheiten, schon gar nicht vor der Wahl. Die Schulz-SPD wiederum schlägt Alarm, als stünde die Verelendung des Landes unmittelbar bevor. Beides geht so nicht. Der CDU sei gesagt: Die Rente ist ein langfristiges Geschäft, wer 2030 umsteuern will, muss das heute vorbereiten. Umgekehrt ist die Lage längst nicht so dramatisch, wie SPD, Linke und Gewerkschaften dies jetzt formulieren.

Noch ist die Rente sicher, um ein belächeltes Wort des langjährigen CDU-Sozialministers Norbert Blüm aufzugreifen. Es gibt auch noch keine verbreitete Altersarmut. Jeder Mensch, dem es im Alter schlecht geht, ist einer zu viel, gewiss; aber es sind eben immer noch viel weniger Bürger betroffen, als gerne behauptet wird. Nur drei Prozent der über 65-Jährigen beziehen Grundsicherung. Das sind deutlich weniger als in der Gesamtbevölkerung (neun Prozent) oder gar bei den Alleinerziehenden (25 Prozent).

Nächster Irrtum: Die Rente ist kompliziert, heißt es. In den Details stimmt das sicher. Aber das grundlegende Renten-Einmaleins ist überschaubar, es kreist um drei Begriffe: Rentenniveau, Rentenbeitrag und Rentenalter. Das Rentenniveau (also das Verhältnis der Rente zum Arbeitseinkommen) ist ein Durchschnittswert, er liegt derzeit bei 48 Prozent. Der Rentenbeitrag, der je zur Hälfte von Arbeitgeber und Arbeitnehmer gezahlt wird, beträgt 18,7 Prozent. Das Rentenalter steigt gerade schrittweise auf 67 Jahre. Wenn aber künftig - und so wird es kommen - immer weniger Junge für immer mehr Alte zahlen sollen, geht die Rechnung nicht mehr auf. Das Rentenniveau wird fallen und der Beitrag klettern. Pure Mathematik ist das.

Die Politik traut sich nicht, grundsätzlich neu zu denken

Wenn die SPD nun das Rentenniveau bei 48 Prozent halten, den Beitragssatz nicht über 22 Prozent klettern lassen und die Lebensarbeitszeit nicht weiter verlängern will, kann sie das nur durch immer neue zusätzliche Milliarden aus Steuern finanzieren. Die herbeizuschaffen, ist schon jetzt schwierig genug - aber was ist erst, wenn die Wirtschaft nicht mehr so boomt wie heute? Seriös finanziert ist das nicht. Besser wäre es deshalb, wenn man die Menschen im Prinzip länger arbeiten lässt. Die SPD will das nicht; die CDU will das, wagt aber nicht, das zu sagen. Als das heutige System 1957 erfunden wurde, dauerte es vom Ruhestand bis zum Tod noch neun Jahre. Heute sind es bald 20 Jahre, bei deutlich besserer Gesundheit. Dies muss das System berücksichtigen, inklusive Ausnahmen für Härtefälle.

Bleibt die Altersarmut, die noch kein großes Problem ist, dies aber auf längere Sicht werden wird. Nur wer einen normalen sozialversicherungspflichtigen Job hat und ordentlich bezahlt wird, ist auf der sicheren Seite. In Zukunft wird es aber - unter anderem wegen der Digitalisierung - immer mehr fragmentierte Arbeitsverhältnisse geben, Teilzeitarbeit, vorübergehende Arbeit, knapp kalkulierte Selbständigkeit. Diese Menschen darf der Staat nicht mit dem Hinweis auf private Vorsorge abspeisen, er muss sie zusätzlich absichern.

Und warum nicht einen Fonds aufsetzen, in den der Staat in guten Zeiten - also heute - viele Milliarden Euro Startkapital einzahlt? Binnen 20 Jahren käme da, Börsenschwankungen eingerechnet, richtig viel zusammen, mit den Überschüssen ließen sich die Verlierer des Systems zusätzlich finanzieren. Wo sind die Politiker, die so grundsätzlich neu zu denken wagen?

© SZ vom 27.06.2017/sry

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