bedeckt München 21°

Arm im Alter:Wenn die Rente nicht zum Leben reicht

Poverty Among The Elderly

Das Risiko, im Alter arm zu sein, nimmt in den kommenden Jahren zu. Besonders Frauen sind davon betroffen.

(Foto: Getty Images)

Das Risiko, im Alter arm zu sein, wird in den kommenden Jahren steigen. Die drastischen Warnungen vieler Politiker und Gewerkschafter sind aber ziemlich übertrieben.

Das Risiko, im Alter arm zu sein, wird in den kommenden 20 Jahren weiter zunehmen. Das ist das Ergebnis einer Studie, die die Bertelsmann-Stiftung an diesem Montag vorstellen wird. Betroffen sind demnach vor allem alleinstehende Frauen, Menschen ohne Berufsausbildung, Langzeitarbeitslose sowie Zuwanderer. Besonders stark steigt das Armutsrisiko in Ostdeutschland an.

Die Berechnungen, die vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) gemacht wurden, legen aber auch folgenden Schluss nahe: Die drastischen Zahlen, mit denen manche Politiker und Gewerkschafter vor Altersarmut warnen, sind wohl völlig übertrieben. CSU-Chef Horst Seehofer hatte beispielsweise gesagt, "etwa die Hälfte der Bevölkerung" werde in der Sozialhilfe landen. Verdi-Chef Frank Bsirske warnte, dass die Altersarmut auf Millionen Menschen in Deutschland zukommen wird.

Die neue Studie gibt diesbezüglich Entwarnung. Dennoch zeigt sie, dass die Altersarmut sich weiterverbreiten wird, wenn keine Maßnahmen ergriffen werden. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten:

Gibt es in Deutschland bereits Altersarmut?

Im Dezember 2016 erhielten etwa 526  000 Menschen die Grundsicherung im Alter, sozusagen das Hartz IV für Senioren. Ihr Alterseinkommen ist so gering, dass sie auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Die Zahl dieser Grundsicherungsempfänger hat sich seit 2003 verdoppelt. Die Altersarmut steigt also bereits. Armut in der Altersgruppe 65 plus ist jedoch deutlich weniger verbreitet als in der Gesamtbevölkerung: 2015 waren mehr als acht Prozent aller Bürger in Deutschland auf die staatliche Grundsicherung angewiesen, bei 65-Jährigen und älteren waren es gut drei Prozent. Es gibt allerdings eine Dunkelziffer: Manche Rentner holen sich - aus Scham - kein Geld vom Sozialamt, obwohl ihnen die Grundsicherung zusteht. Diese belief sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes Ende 2016 auf durchschnittlich 786 Euro monatlich.

Warum wird die Altersarmut zulegen?

Nach der Jahrtausendwende einigten sich die Parteien auf einen Generationenausgleich: Die Rentenbeiträge für die Jüngeren sollen einigermaßen stabil bleiben, gleichzeitig wird das Rentenniveau gesenkt. So soll die Rentenversicherung stabil bleiben, obwohl künftig immer weniger junge Menschen immer mehr Alte finanzieren müssen. Durch die Senkung des Rentenniveaus werden die Löhne langfristig stärker steigen als die Altersbezüge.

Rente Zehn Wahrheiten über die Rente
Alterssicherung

Zehn Wahrheiten über die Rente

Wie lange müssen die Deutschen künftig arbeiten? Und: Reicht die Alterssicherung überhaupt? Die wichtigsten Fakten.   Von Thomas Öchsner

Was sind die Ergebnisse der neuen Studie?

Die geburtenstarken Jahrgänge, die sogenannten Babyboomer, gehen von 2022 an in Rente. Die Autoren der Studie prognostizieren, dass bis zum Jahr 2036 sieben Prozent dieser Neurentner auf die staatliche Grundsicherung angewiesen sein werden. Das ist ein Anstieg von mehr als 25 Prozent im Vergleich zum aktuellen Wert. Auch das reine Risiko, in Altersarmut zu geraten, steigt: Jeder fünfte deutsche Neurentner wird künftig davon bedroht sein. 2015 galten noch 16 Prozent als armutsgefährdet. Als arm gelten laut einer in der EU gängigen Definition die Haushalte, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügen. 2015 musste ein Rentner mehr als 958 Euro netto verdienen, um über diese Schwelle zu kommen. Wer darunter fällt, gilt nicht automatisch als arm, sondern als von Armut bedroht.

Wie hoch wird der Anteil der Frauen sein, die von Altersarmut bedroht sind?

Altersarmut wird in Zukunft vor allem Frauen treffen. Mehr als jede vierte alleinstehende Neurentnerin wird bis 2036 auf Hilfe angewiesen sein. "Damit ist das Risiko zur Altersarmut bei alleinstehenden Frauen rund viermal so hoch wie im Durchschnitt", heißt es bei der Bertelsmann-Stiftung.

Welche Bevölkerungsgruppen müssen sich noch Sorgen machen?

Die Simulationsrechnungen von DIW und ZEW zeigen, dass mehr als jeder zehnte Ostdeutsche zwischen 2031 und 2036 Anspruch auf die Grundsicherung im Alter haben wird. Das Risiko, sich die staatliche Hilfe holen zu müssen, wird sich damit verdoppeln. Das hat vor allem zwei Gründe: Im Osten wurde meist weniger verdient als im Westen. Außerdem waren viele nach der Wende vorübergehend oder länger arbeitslos. Folglich zahlten sie weniger in die Rentenkasse ein und erwarben auch weniger Rentenansprüche. Deutlich steigen wird außerdem das Armutsrisiko bei Langzeitarbeitslosen, Niedrigqualifizierten und Migranten.