Siemens:Die Strategie ist hoch ambitioniert und nicht ohne Risiko

Siemens HV

Die Zentrale der Siemens AG in München.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Siemens-Chef Joe Kaeser hat eine Vision: Nur wer stark ist, kann gewinnen. Dafür zerlegt er den Konzern zwar immer weiter, doch kauft er Stärke für Milliarden zu. Das ist der richtige Weg.

Kommentar von Thomas Fromm

Noch ist nicht ausgemacht, ob Siemens-Chef Joe Kaeser am Ende derjenige sein wird, der den 170 Jahre alten Konzern zerschlagen, in Teile zerlegt und damit auseinandergerissen, geschwächt, verzwergt und so den Niedergang eingeleitet hat. Oder ob er diesen riesigen Gemischtwarenladen, der so unterschiedliche Dinge wie Kraftwerke, Computertomografen, Züge und Industrieautomatisierungen im Angebot hat, vor dem Kollaps rettet, indem er ihn rechtzeitig auseinandernimmt.

Der Chef hat schon vor Jahren mit der Dekonstruktion des Konglomerats begonnen, weil er glaubt, dass sich mehr oder weniger selbständige Unternehmen wendiger am Markt behaupten und besser finanzieren können als unter der Obhut des Mutterkonzerns. Der Haken daran: Früher durfte eine Siemens-Sparte auch schon mal schwächeln. Sie wurde dann von stärkeren Einheiten mitgezogen.

Nur so läuft das nicht mehr in der neuen Siemens-Welt.

Kaesers Vision hat durchaus etwas Darwinistisches. Irgendwann, so der Manager, laufe es in jeder Branche auf ein Merger Endgame hinaus, ein Endspiel von Fusionen und Unternehmenszusammenschlüssen. Nur wer stark ist, kann dieses gewinnen, die anderen werden beim Endspiel vom Platz gefegt.

Wenn man die Wirtschaftswelt so sieht wie Joe Kaeser, dann ist die Ankündigung vom Sonntag konsequent. Die Medizintechnik-Tochter Healthineers, die 2018 an die Börse geschickt wurde und an der Siemens noch 85 Prozent hält, soll den US- Krebstherapie-Spezialisten Varian übernehmen - für 16,4 Milliarden Dollar. Es ist die bei Weitem größte Übernahme in der langen Siemens-Geschichte, und strategisch und technologisch gesehen ergänzen die Strahlentherapien der Amerikaner die Röntgenapparate und Computertomografen der Münchner. In der Welt des Joe Kaeser aber geht es auch darum: Healthineers, eine der traditionellen Siemens-Sparten und einer der weltweit führenden Medizintechnikanbieter, wird gerade auf das Endgame vorbereitet.

So gesehen hat man bei Siemens aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Vor Jahren hatte der Konzern seine Handysparte - einst das innovative Vorzeigegeschäft im Unternehmen - mit Tausenden Beschäftigten an den Ben-Q-Konzern aus Taiwan abgegeben. Das Spiel endete mit einer Pleite, der Reputationsschaden war groß. Auch aus der langjährigen Licht-Tochter Osram, 2013 von der Mutter an die Börse gebracht, wurde keine Erfolgsstory. Osram wird gerade von einem wesentlich kleineren Sensoren-Hersteller aus der Steiermark geschluckt.

Happy Ends sehen anders aus. Es sind Beispiele, die zeigen, dass es nicht genügt, Geschäftsbereiche zu kappen und in die große weite Welt zu entlassen. Sie brauchen auch große Strategien und eine starke Marktposition. Siemens Healthineers bekommt durch die Übernahme in den USA nicht nur Zugriff auf neue Märkte, sondern dürfte auf absehbare Zeit sogar in den Dax aufsteigen.

Auch Siemens Energy wird sich künftig als Solist durchschlagen müssen

Danach aber geht das Spiel weiter. Nach Healthineers soll im September die Siemens-Energiesparte abgespalten und an die Börse gebracht werden, ein Bereich mit 91 000 Mitarbeitern und 28,8 Milliarden Euro Umsatz. Dann muss sich auch der globale Anbieter von Kohle- und Gaskraftwerken, Windkraftanlagen und Stromübertragung alleine am Markt behaupten. Es wird der vermutlich größte Umbau in der Geschichte von Siemens.

Auch Siemens Energy, so der Name des Unternehmens, wird sich künftig dann als Solist am Markt durchschlagen müssen. Einfach wird das nicht, denn der Energiekonzern muss in den kommenden Jahren den Strukturwandel in der Energieversorgung hinbekommen: Allmähliche Abkehr von fossilen Energien, Kohleausstieg, hin zu mehr Nachhaltigkeit. Wie das alles genau gehen soll und vor allem in welchem Zeitraum, wissen sie auch bei Siemens nicht. Noch gibt es lang laufende Kundenverträge, zudem lassen sich alte Werke nicht einfach so von heute auf morgen schließen. Aber Kaesers Doktrin gilt auch hier; auch die Energiesparte soll sich gegen große Wettbewerber durchsetzen. Und, wenn sie dann irgendwann in einem Endspiel steht, möglichst gewinnen. Allerdings: Solche Spiele zu gewinnen, dürfte für das Energiegeschäft noch einmal um einiges schwieriger werden als für die Medizintechnik.

Die Strategie Kaesers ist hoch ambitioniert und nicht ohne Risiko. Klappt die Sache mit den Merger Endgames, dann könnte es in absehbarer Zeit drei erfolgreiche Siemens-Konzerne im Dax geben: Energie, Medizin, und das alte Siemens mit seinen Digitalgeschäften. Klappt sie nicht, könnte es ungemütlich werden. Es ist einfacher, einen Konzern auseinanderzunehmen, als ihn wieder zusammenzusetzen.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusSkandale
:Kontrollverlust in deutschen Unternehmen

Wirecard-Desaster, VW-Abgasskandal, schwarze Kassen bei Siemens: Aufsichtsräte sollen eigentlich aufpassen, ob Vorstände gute Arbeit leisten. Oft aber bekommen sie wenig oder gar nichts mit. Was ist da los?

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: