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Real-Zerschlagung:Der Mann, der die Real-Märkte übernimmt

Supermarktkette Real

Blick in einen Real-Markt. Der Verkauf rückt in greifbare Nähe. Der Mutterkonzern Metro hat sich mit einem Konsortium geeinigt. Dennoch ist die Zukunft der Märkte ungewiss.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)
  • Felix Jewtuschenkow ist 41 Jahre alt und hat in Moskau internationales Recht und Wirtschaft studiert.
  • Vor allem aber ist er der Sohn von Wladimir Petrowitsch Jewtuschenkow, laut Forbes einer der reichsten Russen, der den Mischkonzern AFK Sistema gründete.

Fragt man Verkäufer in einem der Märkte von Real, zum Beispiel in dem letzten, der in München noch verblieben ist, dann sprechen sie von "dem Russen", der bald die bundesweit 276 Märkte mit ihren Lebensmittel-, Autozubehör- und Bekleidungsabteilungen übernimmt. Unisono scheinen sie sich darauf zu freuen. Klar, der Eindruck kann täuschen. Andererseits haben die 34 000 Real-Mitarbeiter einiges mitgemacht, und was da gerade vor sich geht, ist nicht leicht zu durchschauen. Da mögen manche denken, viel schlimmer kann es eigentlich nicht kommen.

Aber wer ist eigentlich "dieser Russe"? Er heißt Felix Jewtuschenkow, er ist 41 Jahre alt und hat in Moskau internationales Recht und Wirtschaft studiert. Danach machte er eine Ausbildung zum Manager eines Öl- und Gasunternehmens, aber, wie sich später herausstellen sollte, war das wohl umsonst.

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Er heiratete eine Frau, die er liebte, schreiben russische Medien geheimnisumwittert, deren Name aber geheim bleiben soll. Vor allem aber ist er der Sohn von Wladimir Petrowitsch Jewtuschenkow, laut Forbes einer der reichsten Russen, der den Mischkonzern AFK Sistema gründete. In der weitverzweigten Unternehmensgruppe hat Felix Jewtuschenkow mehrere Führungsaufgaben. Eine seiner wichtigsten Funktionen ist derzeit jedoch die Rolle als Chairman der SCP Group, früher Sistema Capital Partners. SCP will im Konsortium mit dem Immobilienentwickler X+Bricks alle 276 Real-Märkte vom Düsseldorfer Handelskonzern Metro kaufen.

Versuche, etwas mehr über Jewtuschenkows Pläne zu erfahren, oder mit ihm persönlich zu sprechen, bleiben erfolglos. Jewtuschenkow sei ein "seriöser Geschäftsmann und Investor", der Begriff Oligarch treffe auf ihn nicht zu, sagt ein Sprecher. des Konsortiums.

An wen das Konsortium die Märkte weiterreicht, wirkt sich direkt auf die Konkurrenz aus

Öffentliches Interesse, mehr über SCP zu erfahren, besteht durchaus, auch wenn er sich, solange über die Kaufmodalitäten verhandelt wird, nicht äußern mag. Denn mindestens 10 000 Arbeitsplätze stehen mittelfristig auf dem Spiel. Warum? Weil SCP und X+Bricks Real nach dem Kauf zerschlagen werden. Das heißt, das Konsortium schließt einen Teil der 276 Märkte, behält vorübergehend einen anderen und verkauft die meisten voraussichtlich in Paketen meistbietend an andere Handelskonzerne: Kaufland, Edeka und Globus sind einige der Interessenten.

An wen das Konsortium die Märkte weiterreicht, wirkt sich direkt auf andere Supermärkte aus. Wer den Zuschlag bekommt, steigert seine Einkaufsmacht gegenüber Landwirten und Markenherstellern, was sich auf die Lebensmittelpreise für Verbraucher auswirkt.

Wenn schon über Jewtuschenkows Vorhaben so gut wie nichts bekannt ist, weiß man doch etwas über SCP. Die Immobilienzeitung bezeichnete die Firma 2016 als "Mini-Blackstone für Russen" und beugte Vorurteilen vor: "Russisches Geld für deutsche Immobilien, da läuten bei vielen Deutschen die Alarmglocken." Das sei unnötig, so der Tenor. Denn da gibt es noch die Französin Marjorie Brabet-Friel. Der Familie Jewtuschenkow gehört die Investmentfirma zwar fast zu Hälfte, die Französin leitet sie aber und "lächelt das Klischee weg". Sie kenne die Russen und ihr Anlageverhalten ganz gut. SCP gebe Anteile an interessierte Investoren ab, die nach Darstellung von Brabet-Friel zwar einen russischen Pass haben, ihr Geld aber im Ausland verdienen.

SCP ist ein Neuling in der Immobilienbranche. Gegründet hat Jewtuschenkow die Firma 2015 in Luxemburg. Dort und in London hat sie ihre Büros. Seitdem sondiert sie den europäischen Immobilienmarkt nach Joint-Venture-Partnern, die Expertise in bestimmten Bereichen haben. In Deutschland ist das der auf Supermärkte spezialisierte Immobilieninvestor X+Bricks. Das meiste Kapital, mit dem SCP die Aufkäufe vorfinanziert, stammt von dem in Moskau und London börsennotierten Mischkonzern des Vaters, der ein breites Spektrum von Telekommunikation über Pharma bis Holzhandel abdeckt.

Der Börsenwert von Sistema geriet unter Druck. Das lag an einem Deal Ende März 2010

Die Ursprünge Sistemas liegen in den postsowjetischen Neunzigerjahren. Damals soll Jewtuschenkow senior geschäftlich und persönlich eng mit dem früheren Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow verbunden gewesen sein und die Privatisierung von Staatsbetrieben für sich genutzt haben. Von 1990 an hatte er das Moskauer Städtische Komitee für Wissenschaft und Technik geleitet und die kommunale Einrichtung 1993 in eine Privatfirma umgewandelt. Jewtuschenkow ist zwar nach wie vor sehr vermögend, der Börsenwert von Sistema geriet aber unter Druck. Das lag an einem Deal Ende März 2010.

Damals übernahm der Mischkonzern laut russischen Medien 49 Prozent des Ölkonzerns Bashneft, angeblich für 2,5 Milliarden US-Dollar und damit offenbar weit unter dem Marktwert. Im September 2014 wurde Jewtuschenkow aufgrund dieses Geschäfts wegen Geldwäscheverdachts unter Hausarrest gestellt. Im Dezember desselben Jahres wurde er allerdings wieder entlassen. Am Tag darauf, so die Berichte, habe der russische Präsident Wladimir Putin auf einer Pressekonferenz bekanntgegeben, die Ermittlungen gegen Jewtuschenkow seien eingestellt. Zuvor soll Sistema seine Anteile an Bashneft an den Staat übertragen haben. Fast drei Jahre später, im August 2017, verurteilte ein Gericht Sistema zu einer Zahlung von etwa 1,8 Milliarden Euro an den neuen Käufer des Bashneft-Aktienpakets, den staatlichen Ölkonzern Rosneft, dessen Aufsichtsratsvorsitzender seit Ende September 2017 übrigens Altkanzler Gerhard Schröder ist. Der Aktienkurs von Sistema halbierte sich nach dem Urteil innerhalb kürzester Zeit, erholte sich seither aber langsam wieder etwas.

Und Sohn Felix? Eine Moskauer Zeitung schreibt, er habe die Verstaatlichung von Bashneft und auch das Gerichtsverfahren unbeschädigt überstanden. Er suche nun "neue Herausforderungen". Dazu gehört ganz offensichtlich die Suche nach Investitionsmöglichkeiten in Deutschland. Ende 2018 sortierte er die Finanzen der SCP neu. Das Unternehmen und seine Tochtergesellschaften seien von der Liste der mit Sistema verbundenen Unternehmen des Vaters gestrichen worden. Felix Jewtuschenkow, auf Englisch: Evtushenkov, sei fortan der Haupteigentümer der SCP Group, die AFK Sistema nur noch mit 49 Prozent beteiligt. Es sieht ganz wie der Versuch aus, sich von der Vergangenheit zu lösen.

© SZ vom 14.02.2020/mxh
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