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Produktivität:Bahnbrechende Innovationen bleiben aus

Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Robert Gordon von der Northwestern University beschäftigt sich ein ganzes Forscherleben lang mit dem Thema und gilt als großer Skeptiker. Die Produktivitätsgewinne des Informationszeitalters hält er für einen Mythos. Mehr noch: Gordon ist überzeugt, dass bahnbrechende Innovationen schon seit langer Zeit ausbleiben. Seinen Höhepunkt habe das Produktivitätswachstum mit der großen Welle der Industrialisierung erreicht; seither herrsche in reichen Volkswirtschaften eher Produktivitätsflaute. Den ersten großen Innovationsschub verortet Gordon in den Jahren von 1750 bis 1830, als vollmechanische Webstühle, Dampfmaschinen, Eisenbahnen und Dampfschiffe entwickelt wurden, wobei es allerdings 100 Jahre gedauert habe, bis diese Innovationen ihre volle Wirkung entfalteten.

Den entscheidenden Fortschritt, argumentiert Gordon, brachte aber erst die zweite industrielle Revolution, ungefähr zwischen 1870 bis 1970. Sie bescherte den Menschen Elektrizität, fließendes Wasser, elektrisches Licht, Erdöl und Petrochemie, zudem Autos, Flugzeuge und Telefone. Und sie hatte einen viel stärkeren und länger anhaltenden Einfluss auf die Produktivität als die dritte industrielle - die digitale - Revolution, die ihren Anfang in den 1960er-Jahren nahm. Damals wurden bei General Motors die ersten Industrieroboter montiert, und Computer übernahmen standardisierbare Büroarbeiten.

"Computer finden sich überall - außer in den Produktivitätsstatistiken"

"Dieses Schreiben wurde maschinell erstellt und ist ohne Unterschrift gültig", stand bald auf vielen Verwaltungsbriefen. Investitionen in Elektronische Datenverarbeitung (EDV) würden die Büros leer fegen, befürchteten die Angestellten in den 70er-Jahren. Es kam anders: Einzelne Berufe wie die Stenotypistin verschwanden, andere Arbeitsplätze wurden mit Computern aufgerüstet; produktiver wurden sie dadurch nicht unbedingt. Die jahrelangen Milliardeninvestitionen in Hard- und Software hinterließen in den Wirtschaftsdaten der USA nicht die erwarteten Spuren. In der Zeit von 1891 bis 1972 wuchs die Produktivität unter dem Einfluss der zweiten industriellen Revolution noch um stattliche 2,3 Prozent im Jahr. Danach sank die Zahl auf 1,4 Prozent in den Jahren 1972 bis 1996. Ganz so, als habe die EDV-Einführung und die Anschaffung von PCs seit den frühen 80er-Jahren die Anwender nicht vorangebracht, sondern gebremst.

"Computer finden sich überall - außer in den Produktivitätsstatistiken", scherzte der amerikanische Ökonom Robert Solow im Jahr 1987, ein paar Monate später erhielt er für seine Wachstumstheorie den Nobelpreis. Damals wurde massiv in Computer und Telekommunikation investiert; nur wollten sich diese Ausgaben einfach nicht in einem höheren Produktivitätswachstum niederschlagen. Dieses "Versagen" der neuen Technologien wurde als Solow-Paradox bekannt.

Fed Eine Frau als Falke
US-Notenbankchefin Janet Yellen

Eine Frau als Falke

Die Ökonomin Janet Yellen löst Ben Bernanke als Chefin der amerikanischen Notenbank Fed ab. Bernankes Politik ist an ihre Grenze gestoßen - nun muss sich Yellen entgegen ihrer Überzeugung als "Falke" bewähren.   Von Nikolaus Piper

Die Produktivitätskurve machte Anfang der 70er-Jahre einen Knick nach unten, der bis heute anhält. Unterbrochen nur von einer relativ kurzen Episode in der Dotcom-Ära, als Internet und E-Commerce vorübergehend für Aufbruchstimmung sorgten. Das Produktivitätswachstum zog an und erreichte zwischen 1996 und 2004 durchschnittlich 2,5 Prozent im Jahr. In den folgenden Jahren, zwischen 2004 und 2012, schrumpfte das Produktivitätswunder der New Economy wieder auf eine jährliche Wachstumsrate von 1,3 Prozent zusammen. Seither wurde es nicht besser, im Gegenteil: Im ersten Quartal dieses Jahres ist die Arbeitsproduktivität in den USA aufs Jahr hochgerechnet sogar um 1,9 Prozent gesunken, dem war ein Minus von 2,1 Prozent vorausgegangen. Der Abwärtstrend ist alarmierend. Die amerikanische Notenbankchefin Janet Yellen sieht in den schwachen Produktivitätszahlen den Grund für die "verhaltenen Lohnzuwächse in den vergangenen Jahren". Es ist kein allein amerikanisches Problem, enttäuschendes Produktivitätswachstum plagt viele reiche Länder, darunter Deutschland, Japan und Großbritannien.