Automatisierung Die Roboter kommen

In der Autobranche sind sie schon lange selbstverständlich: Industrieroboter bei Toyota.

(Foto: Kazuhiro Nogi/AFP)

Maschinen übernehmen immer mehr Jobs. Bislang verloren durch Automatisierung eher die Geringqualifizierten ihre Arbeit - nun trifft es auch die gut Ausgebildeten.

Von Varinia Bernau

Nicht einmal smarte Business-School-Absolventen können sich noch sicher sein. Ihr ärgster Konkurrent ist eine Maschine. Sie fragt den Anleger, wie viel er mit seinem Geld verdienen will - und wie viel Geduld er dazu mitbringt. Nach diesen Anforderungen durchforstet die Maschine den Kapitalmarkt: Sie stößt Aktien ab, die an Wert verlieren, sucht den Ausgleich bei steigenden Aktien - und zwar so, dass auch die Steuerlast auf dem Gewinn möglichst gering bleibt. Diese Maschine ist nicht nur schnell. Sie reduziert alle Fragen zur Geldanlage auf eine nüchterne Kosten-Nutzen-Kalkulation. Frei von Emotionen. Frei von Fehlern, wie sie nur Menschen machen.

290 Millionen Dollar Risikokapital gingen im vergangenen Jahr an Start-ups, die auf solche Maschinen setzen, um das zu erledigen, was einst nur Absolventen von Business Schools schafften. Das ist etwa doppelt so viel wie im Jahr zuvor.

Die hohen Summen, mit denen die Robo-Berater herangezüchtet werden, lassen ahnen, wo die Zukunft liegt. In den Fabriken haben die Maschinen schon viele Jobs übernommen. Nun drängen sie in die Büros. Sie treten an gegen all die Dienstleister, die ihr Fachwissen und ihre soziale Intelligenz immer als Jobgarantie verstanden. Anwälte konkurrieren mit Algorithmen; Controller mit schneller Software. Köche werden von Maschinen herausgefordert, die aus Datenbanken zusammengewürfelte Rezepte zubereiten; Journalisten von Maschinen, die in ähnlicher Weise mit Textbausteinen jonglieren.

Bislang verloren im Zuge der Automatisierung die gering Qualifizierten ihre Jobs. Nun trifft es auch die gut Ausgebildeten.

Jeder zweite Beruf hochgradig gefährdet

SZ-Grafik

Carl Benedikt Frey und Michael Osborne von der Universität Oxford haben in einer Studie mehr als 700 Berufe darauf untersucht, wie stark sie durch den Computer bedroht sind. Ihr Ergebnis: Fast jeder zweite Beruf ist hochgradig gefährdet (siehe Grafik). Versicherungs- und Immobilienmakler ebenso wie Busfahrer und Piloten - und: Kreditanalysten.

Wenn die Roboter immer mehr und immer bessere Aufgaben übernehmen, welchen Wert hat dann noch Arbeit? Und wie wird der Wohlstand, den diese neue Welle der Automatisierung schafft, verteilt?

Ende des 18. Jahrhunderts verdrängten die Maschinen die Menschen aus der Fabrik. Muskelkraft wurde durch Dampf ersetzt - und zugleich entstanden neue, bessere Jobs. Allerdings nicht von heute auf morgen: Wie der britische Ökonom Robert C. Allen gezeigt hat, blieben in Großbritannien, dem Mutterland der industriellen Revolution, die Löhne in den ersten 60 Jahren der Industrialisierung niedrig - obwohl die Produktivität deutlich stieg. Doch davon hatten zunächst nur wenige Bereiche der Wirtschaft etwas. Erst im späten 19. Jahrhundert zog auch die allgemeine Lohnentwicklung an. Und soziale Reformen, die mitunter gegen den Widerstand der Fabrikbesitzer durchgesetzt werden mussten, sorgten dafür, dass die Profite nicht nur in der Hand weniger blieb.

Dass der Wohlstand, den die erste Welle der Industrialisierung schaffte, allen zugute kam, war somit keine Selbstverständlichkeit, sondern eine gesellschaftliche Errungenschaft. Und es gab durchaus auch Verlierer: In England zertrümmerten die Ludditen die Maschinen, die ihnen die Arbeit wegnahmen. Deutschland erlebte später seine Weberaufstände.

Und nun kommen die Roboter. Seit den Achtzigerjahren haben sie eine atemberaubende Entwicklung genommen. Computerchips wurden leistungsfähiger, digitale Sensoren klüger - und die Geschwindigkeit der Netze, über die sie sich austauschen, stieg stetig. Watson, der vom Technologiekonzern IBM entwickelte Computer, der vor vier Jahren in der Quizshow "Jeopardy!" zwei ziemlich schlaue Menschen besiegt hat, ist inzwischen auch als Koch und als Assistent im Krankenhaus im Einsatz. Doch die Roboter werden nicht nur smarter. Sie werden auch billiger - und so als preiswerte Arbeitskraft immer attraktiver. Baxter, ein am Massachusetts Institute of Technology (MIT) entwickelter Roboter mit zwei Armen, der Bewegungsabläufe erlernt, indem er sein menschliches Gegenüber beobachtet, war vor zehn Jahren noch undenkbar. Heute ist er für 25 000 Dollar zu haben.

So steigern die Roboter heutzutage die Produktivität ähnlich wie einst die Dampfmaschine zu Zeiten der Industrialisierung. Dass dieser Wohlstand nun aber wieder allen zugute kommt, ist keineswegs sicher. In den USA, dem Mutterland der digitalen Revolution, stagniert die Lohnentwicklung seit den Achtzigern, dem Beginn des Computerzeitalters. Der Ökonom Paul Krugman warnt vor einer "Gesellschaft, die zwar immer reicher wird, in der alle Wohlstandsgewinne aber an diejenigen gehen, denen die Roboter gehören."

Sind die Taxifahrer, die heute gegen Uber auf die Straße gehen, das Pendant zu den Weberaufständen im 19. Jahrhundert? Menschen, die sich sorgen, dass das, was sie auf dem Arbeitsmarkt zu bieten haben, bald ein selbstfahrendes Auto erledigt - und sie dabei auf der Strecke bleiben? Müsste die Gesellschaft all jenen, bei denen die Profite des digitalisierten Wohlstandes landen, nicht einen Beitrag für die Allgemeinheit abtrotzen?

Menschen definieren sich über ihren Job

Auf den ersten Blick erscheint es absurd, dass Menschen demonstrieren, weil eine Maschine ihren kräftezehrenden und langweiligen Job übernimmt. Aber auf den zweiten Blick wird das Dilemma deutlich: Die Menschen gehen auf die Straße, weil sie sich über ihren Job, so anstrengend und öde er auch sein mag, definieren. Und weil sie sich selbst nicht zutrauen, jene Fähigkeiten zu erwerben, die in einer automatisierten Arbeitswelt noch gefragt sind.

Watson, Baxter und all die Robo-Berater sind leistungsfähiger als Menschen. Sie können enorme Mengen an Wissen in weitaus kürzerer Zeit durchforsten - und daraus die richtige Antwort finden. Ohne Pause. Was sie aber nicht können: Etwas Neues schaffen. Kreativität bleibt den Menschen vorbehalten. Selbst Experten zweifeln, dass Maschinen diese jemals erwerben werden. Doch die Grenze dessen, was ein kreativer und was ein Routinejob ist, verschiebt sich, wie Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee in ihrem Buch "Das zweite Maschinenzeitalter" darlegen: Im Schachspielen schlägt der Roboter den Menschen bereits. Bald könnte es auch bei der Diagnose von Krankheiten so weit sein.

Brynjolfsson und McAfee, Ökonomen am MIT, halten Massenarbeitslosigkeit in diesem zweiten Maschinenzeitalter als Übergangsphänomen für unausweichlich. Sicher seien nur jene Jobs, die auf Kreativität basieren, wie etwa Architekten oder Künstler, und schlecht bezahlte Aushilfsjobs, wie etwa Kellner. Denn Gästen in einem Restaurant behagt es nun einmal nicht, dass ein Roboter um sie herumsurrt und das dreckige Geschirr abräumt.

Damit wird Bildung zur wichtigsten Absicherung vor dem sozialen Abstieg. Und zwar lebenslang. Sich jene Fähigkeiten anzueignen, die im 21. Jahrhundert gebraucht werden, ist allerdings deutlich schwieriger, als es im 19. Jahrhundert war: Damals ging es darum, den Arbeiterkindern Lesen und Schreiben beizubringen. Heute geht es um eine weitaus höhere Bildung. Und das ist auch deutlich teurer. Auch deshalb muss der digitalisierte Wohlstand anders verteilt werden. Sonst droht die Schere zwischen Gewinnern und Verlierern noch weiter auseinander zu klaffen.

Wenn Maschinen das Gros der Arbeit erledigen, wieso sind es dann die Menschen, die mit ihren Steuern und Sozialabgaben den Sozialstaat finanzieren? Und wie realistisch ist es, dass Maschinen diese Kosten übernehmen - wo doch ausgerechnet Technologiekonzerne wie Amazon oder Google, die mit den Robotern die Arbeitskräfte der Zukunft heranzüchten, zu den Unternehmen gehören, die ihre üppigen Gewinne über Ländergrenzen schieben, so dass die Steuerlast schließlich gen Null tendiert? Auf diese drängenden Fragen gilt es Antworten zu finden.