Grünes Investment:Mit gutem Gewissen

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Grünes Investment: Windkraftanlagen bei Büsum an der Nordseeküste: Anleger wollen gerne nachhaltig investieren.

Windkraftanlagen bei Büsum an der Nordseeküste: Anleger wollen gerne nachhaltig investieren.

(Foto: Olaf Döring/IMAGO)

Viele Menschen wollen ihr Geld nachhaltig anlegen. Doch noch fehlen einheitliche Standards.

Von Benjamin Emonts

Der SZ-Nachhaltigkeitsgipfel

Hochkarätige Gäste aus Politik, Unternehmen, Start-ups und Wissenschaft diskutieren im SZ-Hochhaus, wie wir Wirtschaft nachhaltig denken können - und müssen. Alle Berichte über die Podiumsdiskussionen, Streitgespräche und Vorträge finden Sie auf dieser Sonderseite.

Das Dilemma zeigt sich derzeit am Beispiel der Atomkraft. Für manche Anleger gilt sie als nachhaltig, weil bei Atomkraft weniger CO₂ ausgestoßen wird als bei Kohlestrom, für andere ist sie völlig umweltfeindlich, da Endlager fehlen und Reaktorunfälle drohen. Auch in der Politik ist man sich in dieser Frage uneins. Hatte die EU-Kommission zu Jahresbeginn Investitionen in Atomstrom und Gaskraftwerke unter gewissen Voraussetzungen als nachhaltig eingestuft, lehnt das Europäische Parlament dies bislang ab.

Diese Diskussionen erzeugen bei manchen Anlegerinnen und Investoren Unsicherheit; mit nachhaltigen Geldanlagen wollen Menschen schließlich Gewinne mit gutem Gewissen erzielen, sie möchten mit ihrem Geld auch ihren Kindern und Enkeln eine bessere Welt hinterlassen. Experten wie Volker Weber halten unklare Linien wie bei der Atomkraft daher für nicht förderlich, weil der Trend seiner Meinung nach ohnehin nur in eine Richtung gehen kann: Auf dem SZ-Nachhaltigkeitsgipfel gibt sich der Vorstandsvorsitzende vom "Forum Nachhaltige Geldanlagen" überzeugt, dass solche Anlageformen noch deutlich an Bedeutung gewinnen werden. Allein im Vergleich zum Vorjahr hätten Privatanleger ihre nachhaltigen Investments fast verdreifacht.

Nach allgemeiner Branchendefinition sollen nachhaltige Geldanlagen insbesondere die sogenannten "ESG-Kriterien" erfüllen. Die drei Buchstaben stehen für environmental, social und governance. Mit diesen Geldanlagen setzt man also auf Unternehmen, die die Umwelt gut behandeln, sich sozial vorbildlich verhalten und auf eine gute Unternehmensführung achten.

Die Nachfrage nach solchen Anlagen war in den vergangenen Jahren drastisch gewachsen, zumal die Finanzindustrie den Markt damit geradezu flutete. Das hartnäckige Vorurteil, dass man mit nachhaltigen Investments auf Rendite verzichten müsse, wurde rasch entkräftet. Der beliebte MSCI World beispielsweise schnitt in den vergangenen fünf Jahren mit einer Rendite von etwa 35 Prozent deutlich schlechter ab als sein nachhaltiges Pendant, der MSCI World Socially Responsible Investing, der immerhin 46 Prozent brachte. Anleger folgten nicht bloß ihrem Gewissen, sondern wurden auch von Renditen gelockt.

Dieser Trend müsse sich angesichts des Ukraine-Krieges noch beschleunigen, davon ist Werner Schnappauf überzeugt. Der ehemalige bayerische Umweltminister sitzt im "Rat für Nachhaltige Entwicklung" und berät die Bundesregierung in Fragen der Nachhaltigkeit. Das Gremium habe der Bundesregierung empfohlen, die Transformationsprozesse hin zu Sonne, Wind und anderen grünen Technologien "maximal zu beschleunigen", um so "unabhängig und resilient" wie möglich zu werden. Nicht nur staatliche, auch private Investments seien für diesen Prozess wichtig.

Es fehlen immer noch einheitliche Mindeststandards

Doch wie sich bei der Atomkraft zeigt, hat das nachhaltige Investieren auch ein Problem: Es fehlen immer noch einheitliche Mindeststandards für Geldanlagen, die sich nachhaltig nennen. Und es gibt keine ausreichend überwachte gesetzliche Kennzeichnungspflicht oder gar ein weltweit anerkanntes Gütesiegel. Die Politik will in dieses Umfeld nun Ordnung bringen. Mit der sogenannten "EU-Taxonomie" hat sie ein umfangreiches Regelwerk geschaffen, das Standards für das ökologische Wirtschaften festlegt und dabei helfen soll, Unternehmen und auch Finanzprodukte besser auf ihre Nachhaltigkeit zu überprüfen.

Durch mehr Transparenz sollen Investoren dazu gebracht werden, in die Energiewende zu investieren. Daneben soll damit insbesondere das sogenannte "Greenwashing" verhindert werden, bei dem Unternehmen "grüne" Aktivitäten vortäuschen, um ihren Ruf zu polieren. Es sollen Verbraucherrechte gestärkt werden und mehr Kontrollen erfolgen. Erste Exempel wurden bereits statuiert. So durchsuchten Ende Mai 50 Ermittler von Staatsanwaltschaft, Polizei und Finanzaufsicht die Zentralen der Deutschen Bank und von deren Fondstochter DWS in Frankfurt am Main. Auch sie soll Fonds fälschlich als grün ausgewiesen haben.

Die Taxonomie wird von den Podiumsteilnehmern grundsätzlich begrüßt. Joachim von Schorlemer, seit 2017 stellvertretender Vorstandsvorsitzender der ING in Deutschland, betont, dass es "externe Einflüsse" brauche. Die Kunden seiner Bank wollten entsprechende Maßnahmen auch deutlich sehen. Die Gefahr, dass infolge der Taxonomie mehr Firmen Greenwashing betreiben wollen, sieht er nicht. "Es kann sich kein Unternehmen mehr leisten, sich nicht an die Taxonomie zu halten. Wer sich nicht daran hält, wird ins Aus gesetzt."

Auch für Banken gelten ab August neue Richtlinien. Ihre Mitarbeiter sind künftig angehalten, das Thema Nachhaltigkeit bei Kundengesprächen zu berücksichtigen und die Wünsche und Vorstellungen der Kunden festzuhalten. Auch das trifft auf dem Podium auf große Zustimmung. "Jeder Bürger und jeder Vermittler ist jetzt gefordert, sich mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen", sagt Uwe Mahrt, der Geschäftsführer von Pangaea Life, einer Tochter des Versicherers "Die Bayerische". Einig sind sich die Experten jedoch auch, dass die Taxonomie noch nicht zu Ende gedacht sei. "Regulierung ist gut, aber sie darf auch nicht zu detailliert sein, auch um Unternehmen aus dem Mittelstand zu schützen", sagt Ex-Umweltminister Schnappauf.

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