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Mögliche Übernahme von Opel:Das droht Opel, wenn Peugeot seine Kaufpläne wahr macht

  • Schon seit 1929 gehört Opel zum amerikanischen Autokonzern General Motors (GM). Nun erwägt GM einen Verkauf an Peugeot.
  • Verlierer eines solchen Zusammenschluss dürfte der deutsche Hersteller sein: Die Kooperation könnte zum Abbau von Arbeitsplätzen führen.

Von Thomas Fromm und Jan Schmidbauer

Das Ziel für 2016 war klar. Opel sollte endlich wieder schwarze Zahlen schreiben. Es wäre ein Zeichen gewesen, dass sich der Traditionshersteller langsam erholt hat von seiner schweren Krise. Doch wieder wurde daraus nichts. Opel machte einen Verlust von 240 Millionen Euro. Dieses Mal soll der bevorstehende Brexit schuld gewesen sein. Doch woran auch immer es am Ende gelegen hat: Beim Mutterkonzern General Motors (GM) scheinen sie die Geduld mit Opel zu verlieren.

GM, das wurde am Dienstag bekannt, könnte den deutschen Autohersteller schon bald verkaufen, und zwar nach Frankreich. Der Konzern befinde sich in fortgeschrittenen Gesprächen über eine Zusammenlegung von Opel mit dem Konkurrenten Peugeot. So berichteten es zunächst mehrere Nachrichtenagenturen. Die Franzosen erwägen demnach auch eine Übernahme des britischen Opel-Ablegers Vauxhall. Inzwischen bestätigen GM und PSA, dass Gespräche über einen Zusammenschluss laufen.

Opel wäre bei einem solchen Zusammenschluss der Verlierer

Bisher kooperieren die Konzerne nur bei ausgewählten Modellen. Sollten sie sich nun auf einen vollständigen Zusammenschluss einigen, wäre das wohl der nächste schwere Schlag für die Opel-Belegschaft. "Opel würde in einer solchen Konstellation am seidenen Faden hängen und könnte seine Interessen kaum durchsetzen", sagt ein Insider der Autobranche. Im Klartext: Opel wäre der Verlierer eines Zusammenschlusses.

Ohnehin ist das Unternehmen gegenüber den Franzosen in einer sehr schlechten Verhandlungslage. Peugeot ist inzwischen ein Unternehmen mit politischen Abhängigkeiten. Der französische Staat hält 14 Prozent an dem Autokonzern, auch das chinesische Staatsunternehmen Dongfeng besitzt Anteile. Hinzu kommt: Frankreich hat besonders starke Gewerkschaften und steht kurz vor der Präsidentschaftswahl. Ein Wegfall französischer Arbeitsplätze durch den Zusammenschluss mit Opel dürfte für PSA nur schwer zu vermitteln sein.

Könnten also wieder einmal Arbeitsplätze an deutschen Opel-Standorten wegfallen, so wie im Jahr 2014, als das Unternehmen den Standort Bochum dicht machen musste? Ausgeschlossen ist das nicht. Denn ein Zusammenschluss dürfte für PSA vor allem einem Zweck dienen: Geld sparen. "Eine vertiefte Zusammenarbeit würde die Kosten reduzieren", sagt Autoexperte Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management (CAM). PSA könnte etwa Plattformen für bestimmte Autotypen gemeinsam mit Opel nutzen oder auf vorhandene Technik von Opel zugreifen. Eine Entwicklung, die in der gesamten Autobranche immer weiter voranschreitet.

Bislang gibt es erst zwei Modell-Kooperationen zwischen PSA und Opel, eine davon ist der "Crossland X". Bei einem Zusammenschluss der beiden aber würde es zu "riesigen Überschneidungen" kommen, sagt ein Insider. Beide sind zum allergrößten Teil europäische Anbieter, und beide bauen Massenautos, keine Premiumfahrzeuge. Der Zusammenschluss ergäbe nur dann Sinn, wenn Fabriken geschlossen und Arbeitsplätze abgebaut würden. Nach dem Bochumer Werk könnte es das Eisenacher Corsa-Werk treffen. Die Corsa-Fertigung könnte ins spanische Opel-Werk in Saragossa verlagert werden.

In Europa würde ein neuer Autoriese entstehen

Autoexperte Bratzel sieht dennoch eine Chance, wie die Arbeitsplätze bei Opel erhalten bleiben könnten. Durch eine günstigere Produktion könnte PSA schließlich auch mehr Autos verkaufen als bislang. Dann wären zusätzliche Kapazitäten nötig. Fest steht: Durch eine Übernahme von Opel würde ein neuer großer Hersteller in Europa entstehen. Nach Angaben von Bratzel hätte der Konzern in Europa einen Marktanteil von 17 Prozent und wäre nicht mehr weit entfernt von Marktführer Volkswagen (24 Prozent).

Für den Autoexperten gibt es allerdings noch einige offene Fragen. Was würde etwa mit all der Technologie passieren, die sich Opel bislang mit GM teilt? Die Amerikaner haben in der Vergangenheit etliche Patente angemeldet - für Teile, die auch in den Opel-Fahrzeugen verbaut werden. Durch eine Übernahme würde PSA sich das Know-how der Amerikaner sichern. Bratzel hält es deshalb auch für vorstellbar, das PSA und GM über wechselseitige Beteiligungen verhandeln.

Die Opel-Überlebensgarantie wäre aufgekündigt

Bei Opel dürften sich bei einem Zusammenschluss mit Peugeot die bewegten Jahre fortsetzen, die nach der Weltwirtschaftskrise ihren Anfang nahmen. Kein Wunder also, dass die Betriebsräte von Opel und Vauxhall umgehend reagierten. Sollte es Gespräche mit dem Ziel geben, Opel und Vauxhall zu verkaufen, sei dies "eine beispiellose Verletzung sämtlicher deutscher wie europäischer Mitbestimmungsrechte", hieß es dort. Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) - das größte Opel-Werk steht in seinem Bundesland - warnte ebenfalls vor einem Arbeitsplatzabbau: "Mögliche Veränderung dürften nicht zu Lasten des Standorts und der Arbeitsplätze in Rüsselsheim gehen."

Bei der Opel-Belegschaft wecken allein die Gespräche Erinnerungen an das Jahr 2009. GM stand damals am Abgrund. Das Unternehmen hatte etliche Probleme, Opel war nur eines davon. Die Amerikaner legten schließlich eine Blitzinsolvenz hin. Erst die Milliardengelder der US-Regierung konnten GM retten. Opel arbeitete damals an einem Konzept zur Trennung von GM. Bund, Länder und das US-Finanzministerium einigten sich schließlich mit dem österreichisch-kanadischen Zulieferer Magna auf ein Rettungspaket. Magna sollte Opel übernehmen. Doch dazu kam es nicht. Die Amerikaner behielten den Opel-Konzern und sanierten den Autohersteller. Auch durch schmerzhafte Einsparungen. Belegschaften, ganze Fabriken - die Amerikaner waren knallhart. Selbst das alte Bochumer Werk, in den 60er-Jahren mitten in der Kohlenkrise noch das Hoffnungs-Autowerk einer ganzen Region, musste dran glauben.

Als GM-Chefin Mary Barra im Januar 2014 zum Antrittsbesuch nach Rüsselsheim kam, versuchte sie die verunsicherten Opel-Mitarbeiter zu beruhigen. Sie kündigte Milliardeninvestitionen an - und neue Modelle. "Sie können sicher sein, dass dies Hand in Hand gehen wird mit zusätzlichen Investitionen in Deutschland", sagte sie. Die Opelaner verstanden dies als eine Art Überlebensgarantie. Die wäre mit dem Verkauf nach Frankreich nun aufgekündigt.

© SZ.de/vit
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