Meta:Bitte keine Politik am Arbeitsplatz

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Meta: Meta-Chef Mark Zuckerberg legt viel Wert auf Redefreiheit auf seinen öffentlichen Plattformen. Konzernintern gilt das nicht.

Meta-Chef Mark Zuckerberg legt viel Wert auf Redefreiheit auf seinen öffentlichen Plattformen. Konzernintern gilt das nicht.

(Foto: Josh Edelson/AFP)

Schwangerschaftsabbruch, Waffenbesitz, Impfungen - das sind "störende" Themen, findet der Facebook-Eigentümer. Deswegen sollen die Mitarbeiter darüber auf der internen Kommunikationsplattform nicht mehr diskutieren.

Von Simon Hurtz

Auf Facebook und Instagram darf man sehr vieles sagen. Man könnte zum Beispiel schreiben, dass Frauen kein Recht darauf haben sollten, ihre Schwangerschaft abzubrechen, es aber erlaubt sein muss, Schnellfeuerwaffen zu tragen. Der Betreiber Meta lässt Nutzerinnen und Nutzer über fast alles diskutieren, auch kontrovers und polemisch. Mark Zuckerberg hält es für eine seiner wichtigsten Aufgaben, Menschen eine Stimme zu geben.

Auf seinen öffentlichen Plattformen legt Meta die Redefreiheit großzügig aus, intern setzt der Konzern künftig jedoch enge Grenzen. "Wie Mark kürzlich erwähnte, müssen wir eine Reihe kultureller Veränderungen vornehmen", schrieb Personalchefin Lori Goler in einer internen Unternehmensmitteilung, über die das Magazin Fortune berichtet. Deshalb führe Meta neue Verhaltensregeln ein, damit Angestellte sich auf die "Mission" des Konzerns konzentrieren können.

Konkret bedeutet das: Am Arbeitsplatz sind ab sofort eine Reihe an Themen tabu. Dazu zählen etwa politische Wahlen und Bewegungen, das Recht auf Waffenbesitz und Gesundheitsfragen wie Schwangerschaftsabbrüche oder die Wirksamkeit von Impfstoffen. Diese Themen hätten sich als "sehr störend" erwiesen, so die Begründung. Ein Meta-Sprecher bestätigte der Süddeutschen Zeitung die Richtlinien, es handle sich um ein "Update für unsere internen Kommunikationsplattformen". Das sei nötig, um Ablenkungen zu reduzieren und gleichzeitig ein respektvolles und inklusives Umfeld zu gewährleisten.

Es entstehe ein "hohes Risiko, ein feindseliges Arbeitsumfeld zu schaffen"

"Wir legen großen Wert auf freie Meinungsäußerungen und offene Diskussionen", teilt Meta mit. Zumindest als Konzern will man sich aus solchen Diskussionen aber lieber heraushalten, solange sie nicht unmittelbar mit Meta selbst zu tun haben. Künftig werde man nur noch öffentliche Erklärungen zu Themen abgeben, die "von zentraler Bedeutung für unser Geschäft" sind, kündigt Personalchefin Goler an.

Mit den neuen Vorgaben verschärft das Unternehmen seine bestehenden Verhaltensregeln. Als 2020 ein weißer Polizist den Schwarzen George Floyd tötete, löste das hitzige Debatten auf Metas internen Kommunikationsplattformen aus. Daraufhin verbot der Konzern Mitarbeitenden weiter darüber zu streiten. Im vergangenen Mai landete ein weiteres Thema auf der Tabuliste: Schwangerschaftsabbrüche. Damals wies Meta Angestellte an, betriebsintern nicht über das Urteil des Supreme Court zu diskutieren.

Dieses Thema berge ein "hohes Risiko, ein feindseliges Arbeitsumfeld zu schaffen", erklärte Meta die Entscheidung. Deshalb habe man "die Position eingenommen, keine offenen Diskussionen zu erlauben". Wer mit Kolleginnen oder Kollegen über das Thema sprechen wolle, soll das nur in kleineren Gruppen tun. Wenn das Thema in Chats erwähnt wird, bei denen mehr Menschen mitlesen, werden die Beiträge entfernt.

Anderen Unternehmen gehen ähnlich vor

Man könnte den Maulkorb für Mitarbeitende als Zeichen für den Druck deuten, unter dem Meta gerade steht: Die Aktie ist abgestürzt, Zuckerbergs Milliardenwette auf das Metaverse verschreckt Investoren, mehr als zehntausend Menschen wurden entlassen. In dieser Situation sollen alle Störfaktoren ausgeblendet werden - oder jedenfalls alles, was Meta für störend hält. Nach dem Motto: Entscheidend ist das Produkt, nicht die Politik.

Das ist aber höchstens ein Teil der Wahrheit. Tatsächlich sagt die Entscheidung mindestens so viel über die politische Kultur in den USA wie über Meta. Lange Zeit dominierten im Silicon Valley liberale Stimmen; Konzerne und Angestellte bezogen offen Stellung zu gesellschaftlichen Fragen. Doch in den vergangenen Jahren setzte eine Gegenbewegung ein. Die Gesellschaft ist tief gespalten, an politischen Fragen zerbrechen Freundschaften. Wer sich öffentlich auf eine Seite stellt, bringt die Hälfte des Landes gegen sich auf.

Manche Unternehmen versuchen deshalb, sich zu entpolitisieren, um interne und externe Kontroversen zu vermeiden. Vor gut zwei Jahren schrieb der Chef der Kryptobörse Coinbase, im Silicon Valley sei es üblich geworden, sich sozial zu engagieren, selbst wenn es nichts mit der Tätigkeit des Unternehmens zu tun habe. Er habe sich für einen anderen Ansatz entschieden, da Aktivismus das Potenzial habe, "eine Menge Wert zu zerstören, sowohl durch Ablenkung als auch durch interne Spaltung". Man wolle deshalb eine "intensive, aber apolitische Unternehmenskultur" fördern. Das sei im Interesse aller Angestellten und Aktionäre.

Im vergangenen Jahr wählten die Gründer des Software-Entwicklers Basecamp einen ähnlichen Weg und verboten "gesellschaftliche und politische Diskussionen am Arbeitsplatz". Wer darüber mit Kollegen debattieren wolle, könne das gern über Signal oder andere Messenger tun, aber bitte nicht auf der Kommunikationsplattform des Unternehmens.

Was aus deutscher Perspektive befremdlich erscheinen mag, ist in den USA also längst üblich. Metas Verhaltensregeln kennen allerdings keine Ländergrenzen: Sie gelten global und auch für Angestellte in Deutschland.

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