bedeckt München
vgwortpixel

Luxemburg-Leaks:Warum ist Luxemburg ein "magisches Märchenland"?

"Eine Luxemburg-Struktur ist ein Weg, Einkommen der Steuer zu entziehen, egal woher es kommt", sagt Stephen E. Shay, Professor für Internationale Steuern an der amerikanischen Universität Harvard und zuvor Steuerexperte im US-Wirtschaftsministerium: "Luxemburg ist wie ein magisches Märchenland."

Das Leak wird das Land weiter in Bedrängnis bringen. Selbst hochrangige deutsche Politiker, die seit Jahren mit dem Gründungsmitglied der EU mehr Geduld zeigen als etwa mit der Schweiz, ringen inzwischen um Fassung. Wo die Luxemburger ihr Geschäftsprinzip Steuerkonkurrenz nennen, sprechen immer mehr EU-Politiker von kaum noch tolerierbarer Illoyalität. Klar: De facto profitiert das Land jedenfalls davon, die Steuerpolitik seiner Nachbarländer zu torpedieren, und schafft damit Umsätze im Luxemburger Finanzsektor.

Und wen sie alles ins Land gelockt haben! In den Unterlagen des Leaks finden sich neben den eingangs erwähnten Konzernen noch Dutzende weitere große internationale Akteure, die meisten von ihnen aus den USA: der Ketchup-Pionier Heinz, der Apple-Ableger iTunes, der Konsumgüterriese Procter & Gamble und der Tabakhersteller British American Tobacco. Ebenso die britische Modemarke Burberry oder die Besitzerfamilie des weltgrößten Bierkonzerns Stella Artois aus Belgien. Branchengrenzen sind nicht erkennbar, egal ob Investmentgesellschaften, Industriekonzerne oder Pharmafirmen, das Thema Steuern vereint sie alle auf Luxemburg.

Kredite und Lizenzen

So tricksen die Konzerne in Luxemburg

Die Dokumente zeigen auch, dass nicht nur private Investoren die Umgebung zu nutzen wissen: Auch eine staatliche Pensionskasse Kanadas und der nationale Pensionsfonds Südkoreas gründeten Firmen im Großherzogtum, um ihre Immobiliengeschäfte steuerlich zu optimieren. Ebenso der damals staatlich kontrollierte US-Versicherungskonzern AIG. Alle drei investierten in deutsche Immobilien.

Die Steuerdokumente einzelner Firmen - etwa des britischen Pharmariesen Glaxo-Smith-Kline - waren bereits Gegenstand von Veröffentlichungen des französischen Fernsehjournalisten Édouard Perrin. Die Mehrheit der Papiere aber wird durch Luxemburg-Leaks erstmals öffentlich.

Der Dokumentenschatz besteht zumeist aus sogenannten Advance Tax Agreements von fast 350 Unternehmen, angefertigt von den Beratern von PricewaterhouseCoopers. Damit wird im Voraus die Bestätigung für eine bestimmte steuerliche Behandlung eingeholt. Bei 86 Dokumenten ist ein Bezug zu Deutschland feststellbar.

Luxemburg-Leaks Klicken Sie sich durch die Geheimdokumente
Interaktiv
Luxemburg-Leaks

Klicken Sie sich durch die Geheimdokumente

Journalisten weltweit haben gemeinsam recherchiert. Nun sind mehr als 500 Steuerdeals öffentlich: die Aktenberge des Luxemburg-Leaks.

So findet man Luxemburger Firmen, die mit der Deutschen Bank verbunden sind. Die Unterlagen belegen, wie der Finanzkonzern jahrelang komplizierte Konstruktionen aufsetzte, mit deren Hilfe bei Immobiliengeschäften in halb Europa in Höhe von vielen Hundert Millionen Dollar Steuern weitgehend vermieden wurden. Zum anderen agierte die Deutsche Bank auch als Dienstleister und half etwa einem finnischen Unternehmen, Gewinne aus Geschäften in Russland nach Luxemburg umzuleiten. Dort wurden die Profite den Dokumenten zufolge kaum besteuert.

Der deutsche Energieversorger Eon leitete Milliardenbeträge von Luxemburg aus an andere Tochterunternehmen weltweit, meist als konzerninterne Darlehen. Im Gegenzug wurden Profite aus diesen Ländern als Zinsen abgeschöpft - und so offenbar die Gewinne und damit auch die Steuerlast in diesen Ländern reduziert. In Luxemburg wiederum wurden weder auf die Zinsgewinne in oft dreistelliger Millionenhöhe noch auf die Werte in Milliardenhöhe nennenswerte Steuern bezahlt.

Ähnlich operierte ein weiterer Dax-Vertreter: Fresenius Medical Care, deutscher Gesundheitskonzern mit Milliardenumsätzen. Auch Fresenius vermied durch interne Darlehen in dreistelliger Millionenhöhe, die über diverse Luxemburger Finanzierungsgesellschaften liefen, seit Jahren Steuern. Ein Sprecher von Fresenius bestätigte dies und erklärte, es sei unerlässlich, Firmenstrukturen "steuerlich möglichst optimal" zu wählen. Sprecher von Eon und Deutscher Bank betonen, beide Konzerne hätten nicht gegen Gesetze verstoßen.

Video Was Konzerne nach Luxemburg lockt Video
Animation
Steuerflucht

Was Konzerne nach Luxemburg lockt

Das Großherzogtum ist das zweitgrößte Investment-Zentrum der Welt. Warum zieht es so viele internationale Konzerne nach Luxemburg?