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Weltwirtschaft:Der Aufschwung wurde mutwillig zerstört

Konjunktur

Um eine Weltwirtschaftskrise zu verhindern, müssten Länder mit niedrigen Schulden und funktionierenden Sozialsystemen jetzt handeln - Deutschland zum Beispiel.

(Foto: dpa/Christian Charisius)

Die Gefahr einer neuen Weltwirtschaftskrise wächst. Doch die Staatengemeinschaft könnte etwas dagegen tun - allen voran Deutschland.

Seit fast zehn Jahren läuft die Weltwirtschaft auf Hochtouren, manch junger Ökonomiestudent kennt Rezessionen und Wachstumseinbrüche gar nicht mehr aus bewusstem Erleben, sondern nur noch aus den Lehrbüchern. Das könnte sich bald ändern, denn die Konjunkturaussichten trüben sich gerade in einem Tempo ein, das man noch vor Monaten für undenkbar gehalten hätte. Noch ist nicht ausgemacht, dass am Ende der Entwicklung tatsächlich die nächste Weltwirtschaftskrise steht. Die Gefahr aber wächst.

Dabei ist es grundsätzlich ganz normal, dass auf den Boom auch wieder eine Flaute folgt: Wegen der niedrigen Arbeitslosigkeit steigen die Löhne, die Preise und schließlich die Zinsen, was den Aufschwung dämpft. Alles kein größeres Problem, solange Regierungen und Notenbanken der großen Volkswirtschaften die Wellenbewegung mit den richtigen, idealerweise abgestimmten Schritten begleiten.

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Der Internationale Währungsfonds mahnt, keine weiteren "schädlichen Barrieren" hochzuziehen - und warnt vor großen Risiken für die Weltwirtschaft.

Der jetzige Abschwung jedoch ist nicht nur zyklischer Natur, sondern auch das Ergebnis mutwilliger Zerstörung. Da ist der Handelskrieg, den US-Präsident Donald Trump vom Zaun gebrochen hat. Da sind das Brexit-Chaos, das irrlichternde Italien, die Angst vor einem Wiederaufflammen der Euro-Krise, der tönerne, weil vielfach auf Pump finanzierte Aufschwung in China. Hinzu kommen die hohe Verschuldung vieler Staaten und Firmen, die Wahlsiege radikaler Populisten in Ländern wie Brasilien und der Türkei, Ignoranz und Herdentrieb an den Finanzmärkten, der wochenlange teilweise Stillstand der Regierungsgeschäfte in den USA. Nichts davon ist naturgegeben, und nichts davon reicht allein, um den Konjunkturboom zu beenden. Die Summe der Zutaten jedoch ergibt ein wahrlich übles Gebräu, das mit seinen Ausdünstungen den Unternehmen zunehmend die Luft zum Atmen nimmt.

Die unteren und mittleren Einkommensgruppen werden die ersten sein, die mit Jobverlusten rechnen müssen

Dabei kann sich die Welt eine Rezession in der jetzigen Phase globaler Verwirrung noch weniger leisten als in früheren Zeiten. Kommt es zu einem Absturz, werden die unteren und mittleren Einkommensgruppen die ersten sein, die mit Jobverlusten dafür bezahlen müssen - just jene Schichten, die schon heute besonders anfällig für die Heilslehren selbsternannter starker Männer sind. Die nächste Weltwirtschaftskrise könnte die westlichen Demokratien endgültig implodieren lassen.

Das gilt umso mehr, als mit den Notenbanken die wichtigsten Rezessionsbekämpfer weitgehend ausfallen. Weltweit leiden die Währungshüter immer noch unter den Spätfolgen jenes gewaltigen Kraftakts, der ihnen während der Weltfinanzkrise von 2008 abverlangt wurde und ohne den der jüngste Konjunkturboom gar nicht möglich gewesen wäre. Vor allem die Europäische Zentralbank steht praktisch mit leeren Händen da.

So sehr die Konjunkturabkühlung hausgemacht ist, so sehr hätte es die Staatengemeinschaft in der Hand, den Abschwung abzuwenden oder zumindest abzufedern. Der Internationale Währungsfonds (IWF) nennt in seinem jüngsten Bericht ein halbes Dutzend sinnvoller Maßnahmen: bessere Bankenregeln, sozialer Schutz für Globalisierungsverlierer, Kampf gegen Korruption, Steuervermeidung, Klimawandel. Dazu der Verzicht auf neue Zölle - kurz: mehr Zusammenarbeit. Doch das ist das Gegenteil dessen, was Populisten wie Trump postulieren. Dass der US-Präsident ausgerechnet in einer Phase größter Unsicherheit seinen Ministern die Reise zum Weltwirtschaftsforum in Davos streicht, zeigt seine ganze Ignoranz. Bei allem, was man Kritisches über das Stelldichein in den Schweizer Bergen sagen kann: Es wäre der ideale Ort gewesen, um über gemeinsame Lösungen zu beraten.

Zu den Hauptleidtragenden der Konjunkturabkühlung zählt Deutschland, wo sich wieder einmal die Nachteile eines Wirtschaftskonzepts zeigen, das allzu einseitig auf den Export setzt. Umso größer ist die Verantwortung der Bundesregierung, sich am Kampf gegen eine mögliche globale Rezession zu beteiligen. Das sollte auf wirtschaftlichem Wege geschehen, indem Kanzlerin Angela Merkel die berechtigte Kritik der USA, Frankreichs, des IWF und vieler anderer an den deutschen Handelsüberschüssen endlich ernst nimmt und durch Investitionen gegensteuert, etwa in den Aufbau eines Hochgeschwindigkeitsdatennetzes. Und es sollte auf dem diplomatischen Parkett geschehen, indem sie sich als Mittlerin zwischen den USA und China anbietet und hilft, eine Eskalation des Handelsstreits zu verhindern.

Vor allem aber: Sollte es wirklich zum Konjunktureinbruch kommen, muss Merkel rasch und pragmatisch handeln, denn für Prinzipienreiterei bliebe ebenso wenig Zeit wie für den in Berlin so beliebten Grundsatzstreit darüber, ob der Staat mit dieser oder jener Maßnahme womöglich gegen eine Lebensweisheit Ludwig Erhards verstößt. Nicht dass sich die Welt mit ein paar Milliarden Euro Konjunkturhilfe aus Deutschland allein retten ließe. Wenn aber die wenigen, die es angesichts niedriger Schulden und funktionierender Sozialsysteme ohne Probleme können, nicht vorangehen, wer soll es dann tun?

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