Arbeitnehmer:IG Metall drängt auf echtes Lohnplus

Lesezeit: 3 min

Arbeitnehmer: Personalprobleme: Die IG Metall fand lange keinen Nachfolger für DGB-Chef Reiner Hoffmann (links). Am Ende wurde es auch nicht IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis (zweiter von rechts) - aber seine Lebensgefährtin Yasmin Fahimi (rechts).

Personalprobleme: Die IG Metall fand lange keinen Nachfolger für DGB-Chef Reiner Hoffmann (links). Am Ende wurde es auch nicht IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis (zweiter von rechts) - aber seine Lebensgefährtin Yasmin Fahimi (rechts).

(Foto: Ulrich Stamm via www.imago-image/imago images/Future Image)

Heizen die Gewerkschaften die Inflation weiter an? Die größte deutsche Organisation geht kampfbereit in die Tarifrunde, gibt sich aber noch moderat.

Von Alexander Hagelüken und Benedikt Peters

Wie reagieren die deutschen Arbeitnehmer auf die hohe Inflation? Treiben sie sie durch starke Lohnforderungen weiter hoch? Der wichtigste Test dafür dieses Jahr steht bei der Tarifrunde für vier Millionen Beschäftigte der Metall- und Elektroindustrie an. Und das ist nur eines der Themen, die die größte deutsche Gewerkschaft gerade beschäftigt.

Inflation und Löhne

Die Verbraucherpreise kletterten 2021 um 3,1 Prozent, dieses Jahr erwartet die Bundesregierung sogar 3,3 Prozent. Da haben Beschäftigte trotz Lohnerhöhungen real, also nach Inflation, schnell weniger Geld zur Verfügung. Real schrumpften die Löhne bundesweit im vergangenen Jahr um 1,4 Prozent, rechnen Forscher vor. "Die Erwartungen unserer Mitglieder sind klar", sagt IG-Metall-Chef Jörg Hofmann. "Sie wollen steigende Löhne, die im Geldbeutel ankommen." Hofmann zeigt sich gewohnt kampfbereit: "Wer Aufschwung will, braucht stabile Realeinkommen. Wer Fachkräfte binden will, darf nicht nur auf die Rendite schauen."

Um die Löhne real zu steigern, müsste die IG Metall für 2022 einen Tarifabschluss von mehr als 3,3 Prozent herausschlagen. Und um das bei den Arbeitgebern durchzusetzen, vermutlich erst mal fünf oder sechs Prozent fordern - klingt wie ein Inflationstreiber. Wer Hofmann länger zuhört, bekommt ein differenzierteres Bild. Die IG Metall bemesse ihre Forderung traditionell nicht nur an aktuellen Inflationsdaten. Sondern an der Zielinflation der Europäischen Zentralbank von zwei Prozent - plus Steigerung der Produktivität und einer Beteiligung an dem, was die Firmen verdienen. Klingt sofort nach weniger Lohnforderung. Außerdem deckt der neue Tarifvertrag erst die Zeit ab Oktober dieses Jahres ab. Für ihn wird die vermutlich niedrigere Inflation 2023 also der wichtigere Maßstab sein als die Verbraucherpreise dieses Jahr.

Hofmann rechnet vor, die Metaller hätten durch die starke Lohnsteigerung für 2018 und 2019 trotz der jüngsten Preissteigerungen keinen Nachholbedarf. Demnach müssten die Bundesbürger nicht fürchten, dass die Gewerkschaften die Inflation hochtreiben. Auch die Chemie-Gewerkschaft, die die zweite große Tarifrunde austrägt, äußert sich moderat.

Klima-Umbau der Wirtschaft

Bevor er an mehr Lohn denkt, fragt sich mancher Metaller eher, ob er überhaupt seinen Job behält. 2021, im zweiten Corona-Jahr, gingen gut zwei Prozent der Stellen in der Industrie verloren. Hofmann klagt über eine "dunkle Triade aus Stellen abbauen, Fabriken schließen und Jobs verlagern". Damit Deutschland ein starkes Industrieland bleibe, müssten die Unternehmen massiv in die Zukunft investieren - aber auch der Staat. Konkret fordert er unter anderem bis 2030 zehn Milliarden Euro, um die Stahlindustrie klimafreundlich umzubauen.

Mitgliederschwund und Betriebsratswahlen

Während viele Gewerkschaften in den vergangenen zehn Jahren stetig Mitglieder verloren, hielt die IG Metall ihre Zahlen lange stabil. In den vergangenen beiden Jahren verlor nun auch die größte deutsche Gewerkschaft insgesamt 93 000 Mitglieder - 2,17 Millionen hat sie noch. Hofmann begründete den Schwund mit der Corona-Pandemie. Kurzarbeit, Kontaktbeschränkungen und Home-Office machten es Vertrauensleuten schwerer, Beschäftigte anzusprechen. Seine Stellvertreterin Christiane Benner begrüßte die Ankündigung der Bundesregierung, bald ein digitale Zugangsrecht von Gewerkschaftern zu Betrieben durchzusetzen. "Wir wissen von Unternehmen, die ihre IT-Administratoren damit beauftragen, gewerkschaftliche Informationen abzufangen." Die Arbeitgeber rief Benner auf, die ab März anstehenden Betriebsratswahlen nicht zu behindern. Alle Beschäftigten müssten trotz Pandemie ihre Stimme abgeben können. Angesichts der großen Umwälzungen forderte Benner gesetzliche Verbesserungen der Mitbestimmung. Die Beschäftigten müssten die strategische Ausrichtung ihrer Firmen mitgestalten, "sonst riskieren wir den Verlust von Hunderttausenden Stellen".

Wer führt künftig die IG Metall?

Interessant war, was Jörg Hofmann in einer knappen Stunde Jahrespressegespräch nicht sagte. Von ihm aus kein Wort darüber, dass sich die Gewerkschaften erst tags zuvor auf die Nachfolge von Reiner Hoffmann an der Spitze ihres Dachverbands Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB) geeinigt haben. Mit Yasmin Fahimi wird es erstmals eine Frau. Für Hofmann nicht der Erwähnung wert. Vielleicht wollte er Schweigen darüber breiten, dass die Nachfolgesuche sich über Monate hin quälte und weder DGB-Vorständin Anja Piel noch IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis eine Mehrheit fanden. Erst auf Nachfrage erklärte Hofmann etwas mürrisch, er befinde sich hier nicht auf der Pressekonferenz des DGB, "aber gut, zwei Sätze dazu."

Der IG Metall sei es trotz ihres Vorschlagsrechts nicht gelungen, einen eigenen Kandidaten zu präsentieren. "Das lag daran, dass sich kein Kollege und keine Kollegin überzeugen ließ." Hofmann dachte dabei sicher an seine Stellvertreterin Benner, die sich nicht für den DGB-Vorsitz erwärmte. Aber vielleicht entfiel ihm dabei gerade, dass er am Ende der Suche neben der Chemie-Gewerkschafterin Fahimi wohl einen Mann aus den eigenen Reihen für die DGB-Nachfolge in Stellung brachte: den Leiter Grundsatzfragen, Thorben Albrecht. In Gewerkschaftskreisen heißt es, neben der IG Metall sei auch Verdi für Albrecht gewesen - die übrigen sechs DGB-Gewerkschaften aber für Fahimi. Hinter ihr scharten sich schließlich alle Organisationen.

Den nächsten Personalfindungsprozess hat Hofmann noch vor der Brust. Im Herbst 2023 hört er auf, mehrere Metall-Gewichte liebäugeln mit der Nachfolge. Zum einen ist da seine Stellvertreterin Benner, die die DGB-Spitze mit der Begründung ausschlug, ihr Platz sei in der IG Metall. Zum anderen wird einflussreichen Regionalfürsten Ehrgeiz nachgesagt, allen voran Baden-Württembergs Bezirksleiter Roman Zitzelsberger. Gibt es einen Showdown zwischen zwei Kandidaten wie in den 2000er Jahren? Hofmann drückt es positiv aus: In der Nachfolgefrage gebe es "keinen Fachkräftemangel".

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