Großbritannien und der EU-Austritt Brexit-Gewinner Deutschland

Die Frankfurter Skyline - bald im Blick Londoner Banker?

(Foto: dpa)
  • Einer Umfrage von Ernst & Young zufolge gilt Deutschland als bester Ausweichstandort für britische Geschäftsbereiche.
  • Demnach erwägt jedes siebte Unternehmen, wegen des Brexit Abteilungen aus Großbritannien abzuziehen.
  • Die deutsche Finanzaufsicht Bafin in Frankfurt klärt Manager über die Voraussetzungen für eine deutsche Banklizenz auf.
Von Björn Finke, London, und Meike Schreiber, Frankfurt

Da gab es einiges zu besprechen: Etwa 50 Vertreter ausländischer Banken haben am Montag die deutsche Finanzaufsicht Bafin in Frankfurt besucht. Die Kontrolleure erklärten den Managern die Voraussetzungen für eine Banklizenz. Anlass war natürlich der Brexit. Geldhäuser könnten wegen des EU-Austritts Zehntausende Arbeitsplätze von Europas größtem Finanzplatz London in Euro-Staaten verlagern. Davon würde auch Frankfurt profitieren.

Immerhin ergab eine Umfrage, dass Deutschland als bester Ausweichstandort für britische Geschäftsbereiche gilt. Die Unternehmensberater von Ernst & Young befragten im November 254 Top-Manager von europäischen, amerikanischen und asiatischen Konzernen aus verschiedenen Branchen zu den Folgen des Brexit. Demnach erwägt jedes siebte Unternehmen, Abteilungen aus Großbritannien abzuziehen. Beliebtestes Zielland ist Deutschland vor den Niederlanden und Frankreich.

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Die Berater untersuchen jedes Jahr, was aus Sicht von Managern die attraktivsten Standorte für Investitionen sind. In Europa liegt Deutschland stets vorne, aber seit dem Brexit-Referendum im vergangenen Juni ist der Abstand zu Großbritannien, der Nummer zwei bei den Umfragewerten, noch größer geworden. Hubert Barth, Chef von Ernst & Young in Deutschland, sagt, die Bundesrepublik könne für die ausländischen Konzerne zu einem Stabilitätsanker werden "in einem volatilen Umfeld, in dem auch in Nachbarländern Populisten nach der Macht greifen und der Nationalismus sich ausbreitet". Solide, sicher, deutsch.

Wenig überraschend erhält Großbritannien schlechte Noten. Vor zwei Jahren noch sagten 54 Prozent der Manager, dass sich die Bedingungen für Investitionen dort ihrer Einschätzung nach verbessern werden. Jetzt glauben das nur noch 29 Prozent. Dafür sehen 34 Prozent eine Verschlechterung voraus. So mies schnitten die Briten noch nie ab in dieser Umfrage.

Besonders misslich ist der Brexit für die Banken und Versicherer. Viele Finanzkonzerne aus Asien und Amerika nutzen ihre Büros in Londons Glastürmen, um Kunden auf dem ganzen Kontinent zu bedienen. Dank des gemeinsamen Binnenmarktes der EU können sie in allen Mitgliedsstaaten Geschäfte tätigen und Filialen eröffnen. Eine Genehmigung vor Ort müssen sie nicht einholen, die britische wird überall anerkannt. Fachleute sprechen davon, dass die Konzerne einen "EU-Pass" haben. Doch den verlieren sie 2019, wenn das Königreich die Union verlässt. Premierministerin Theresa May hat klargemacht, dass das Land nach dem Austritt nicht am Binnenmarkt oder der Zollunion teilnimmt.

May strebt lediglich ein Freihandelsabkommen mit der EU an, um zu verhindern, dass Zölle eingeführt werden. Für wichtige Branchen wie die Finanz- und Autoindustrie will die Konservative Sonderregeln aushandeln. Sie will damit Vorteile des Binnenmarktes und der Zollunion für diese Sparten retten. Ob May das gelingt, ist offen.

Londons Banken können es sich nicht erlauben, zu warten und zu hoffen, dass sie auch nach 2019 irgendwie Kunden auf dem Festland bedienen können. Darum werden die ersten Geldinstitute wohl bis Sommer damit beginnen, Abteilungen in Euro-Staaten zu verlagern. Beantragen sie dort eine Lizenz, können sie weiter in der ganzen EU Unternehmen bei Börsengängen, Fusionen und Anleihenverkäufen beraten oder mit Wertpapieren handeln.