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Großbritannien: Abhöraffäre:Murdoch setzt auf Durchhalteparolen

Gestern gab er sich demütig, heute betreibt er Mitarbeiter-Motivation: Rupert Murdoch versichert seinen Angestellten, die Abhöraffäre um "News of the World" werde seinen Konzern stärker machen. Abermals bestreitet er, illegale Praktiken seiner Reporter toleriert zu haben. An diesem Mittwoch äußert sich David Cameron zu dem Skandal - ein parlamentarischer Bericht, der im Vorfeld des Termins veröffentlicht wurde, könnte den Druck auf den Premier erhöhen.

Am Dienstag, im Verhör der Abgeordneten, war für ihn noch "der Tag größter Demut". Am Mittwoch gibt sich Rupert Murdoch schon wieder selbstbewusst: Sein Medienkonzern News Corp wird seiner Meinung nach gestärkt aus der Abhöraffäre hervorgehen. Er vertraue darauf, "dass wir uns zu einem stärkeren Unternehmen entwickeln werden", sagte Murdoch in einer Botschaft an seine Angestellten auf der ganzen Welt.

"News of the World"-Skandal

Die Meister der dunklen Künste

Murdoch setzt damit auf Durchhalteparolen, denn er steht unter massivem Beschuss, weil Journalisten seines britischen Blattes News of the World im großen Stil Adlige, Prominente und andere Bürger abgehört hatten. Unter anderem hatten sie Polizisten bestochen und Handy-Mailboxen der Angehörigen von getöteten Soldaten sowie eines entführten Mädchens geknackt. Am Dienstag waren Murdoch und sein Sohn James vor einem Parlamentsausschuss erschienen. Dabei wiesen Vater und Sohn jede Verantwortung zurück.

Über die Enthüllungen zu den Abhöraktionen bei der inzwischen eingestellten Boulevardzeitung News of the World sei er "geschockt und erschüttert" gewesen, erklärt Rupert Murdoch in seiner neuen Botschaft. Er bedauere die Aktionen zutiefst. Er habe derartiges Verhalten aber "nie toleriert". "Es hat bei News Corporation keinen Platz", sagte er.

Der Auftritt des Multimillionärs vor dem Parlament wurde in Großbritannien als Sensation gewertet. Nach Angaben des Senders BBC war es das erste Mal in den etwa 40 Jahren, seit Murdoch Anteile an britischen Medien hält, dass er sich öffentlich verantworten musste. Der Australier mit US-Pass galt in Großbritannien bisher als nahezu unantastbar.

Schwere Vorwürfe gegen Murdoch in Komitee-Bericht

Trotz der Unschuldsbeteuerungen der Murdochs vor den Volksvertretern soll das Komitee des britischen Parlaments zu einem ganz anderen Ergebnis bezüglich der Rolle von Murdochs Verlag News International im Abhörskandal gekommen sein: "Absichtlich" habe News International die Ermittlungen behindert, so das harsche Urteil in dem Bericht des Komitees, der hier im Internet als Pdf-Dokument verfügbar ist. In den Jahren 2005 und 2006 habe der Verlag die Polizeiarbeit gestört. Das dürfte insbesondere ein pikantes Detail für den britischen Premier David Cameron sein: Denn zu dieser Zeit war sein früherer Kommunikationsberater Andy Coulson Chefredakteur der News of the World. Offiziell soll der Bericht der Parlamentarier an diesem Mittwochvormittag vorgestellt werden, also kurz bevor sich Cameron selbst dem Parlament stellt.

In einer außerordentlichen Sitzung beschäftigen sich die britischen Parlamentarier an diesem Mittwoch erneut mit den illegalen Recherchemethoden der mittlerweile eingestellten Zeitung News of the World. Mit Spannung wird inbesondere eine Stellungnahme von Premier Cameron erwartet, der am Dienstagabend aus diesem Grund vorzeitig von einer Afrika-Reise zurückgekehrt war. Der Regierungschef hatte die Abgeordneten gebeten, die Sitzungsperiode um einen Tag zu verlängern, damit er sich zu der Affäre äußern kann.

Cameron steht wegen seiner einst engen Kontakte zu britischen Murdoch-Medien selbst in der Kritik. So wurde beispielsweise erst am Dienstag bekannt, dass die News-International-Chefin Rebekah Brooks noch im Herbst 2010, also in Camerons Zeit als Premierminister, Gast auf dessen 44. Geburtstag gewesen war. Es war die 27. Begegnung Camerons mit Murdoch-Managern in nur 15 Monaten Amtszeit. Die Geburtstagseinladung war von der Downing Street zunächst verschwiegen worden.

Murdoch gab am Dienstag vor den Parlamentariern zu, dass er bei Besuchen am Regierungssitz Downing Street 10 häufiger durch die Hintertür hereingelassen worden sei. Mitarbeiter des jeweiligen Premierministers hätten das so arrangiert. Warum, wisse er nicht, aber vermutlich, um die Fotografen zu umgehen. Vom derzeitigen Premierminister David Cameron sei er nach dessen Wahlsieg "auf eine Tasse Tee" eingeladen worden - als Dank für die Unterstützung im Wahlkampf. "Es gab dabei kein anderes Gespräch", sagte Murdoch in dem Ausschuss.

Auch mit Rücktrittsforderungen sieht sich der britische Premier konfrontiert: So fragte der Labour-Abgeordnete Gerald Kaufman fragte: "Sollte der Premierminister nicht seine Position überdenken?" Oppositionsführer Ed Miliband attestierte Cameron einen "katastrophalen Einschätzungsfehler", als er den früheren News of the World-Chefredakteur Coulson zu seinem Regierungssprecher machte. Auch der zurückgetretene Londoner Polizeichef Paul Stephenson hatte in seiner Erklärung indirekt den Rücktritt des Premiers gefordert.