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Familienunternehmen:Es lebe die Langeweile

Jahrelang galten Familienunternehmer als wenig prickelnd. In der Finanzkrise schlägt nun ihre Stunde, weil sie das mitbringen, was anderen fehlt: Eigenkapital und langfristige Perspektiven.

"Das war erst der Anfang." Arnold Weissman, Berater und Professor für Betriebswirtschaft an der Hochschule Regensburg, ist die Vorfreude deutlich anzumerken. "In der Finanzkrise schlägt die Stunde der Familienunternehmen", sagt er, und für die hegt er nun einmal ein besonderes Faible.

In vier Jahren könnten die Top 40 der Familienkonzerne größer sein als die Top 40 der Publikumsgesellschaften.

(Foto: Tabelle: Weissman)

Ob börsennotiert oder nicht, lange Zeit galten Firmen, in denen eine oder mehrere Familien einen dominierenden Einfluss nehmen, als langweilig, weil sie nicht ausschließlich auf schnelle und möglichst hohe Renditen schielen, sondern ihr Geschäft langfristig und nachhaltig ausrichten.

Schon nach dem Platzen der Internetblase Anfang dieses Jahrtausends seien sie die Triebkräfte der Volkswirtschaft gewesen, konstatiert Weissman in einer bislang unveröffentlichten Studie, in der er die größten Publikumskonzerne und Familienkonzerne miteinander vergleicht (Tabelle). Nun, da den Hedgefonds und Private-Equity-Gesellschaften das Geld ausgehe, schlüpften die Familien endgültig in die Rolle der Unternehmenskäufer. "Ich kenne eine Vielzahl von Familien, die kaufen wollen", sagt Weissman. Namen will er nicht nennen. Einige haben sich schon selbst geoutet. Die Aufholjagd der vermögenden Familien hat längst begonnen.

Während man den geplanten mehrheitlichen Einstieg von Porsche bei VW schon aus historischen Gründen noch als eine Art Familienzusammenführung werten kann - beide Hersteller haben mit dem Autopionier Ferdinand Porsche die gleichen Wurzeln -, ist die Offerte der Kugel- und Wälzlagergruppe Schaeffler für den Reifenhersteller Continental ein eindeutiger Beleg für weiter reichende Ambitionen.

Die Deals boomen

Die Avancen aus Franken bekommen schon deshalb so viel mediale Aufmerksamkeit, weil sie wie eine unternehmerische Inszenierung der biblischen Geschichte vom Kampf des Jünglings David gegen den riesigen Krieger Goliath wirkt. Während die Firma von Maria-Elisabeth und Sohn Georg Schaeffler mit 66.000 Mitarbeitern im vergangenen Jahr knapp neun Milliarden Euro umsetzte, brachte es der in Hannover beheimatete Dax-Konzern mit gut 150.000 Mitarbeitern auf 16,6 Milliarden Euro. Mehrere Milliarden Euro wird die Familie Schaeffler das Geschäft kosten, wie viel genau, ist noch offen. Der Kampf läuft noch.

Es ist nicht der einzige Deal, den sich vermögende Familien - direkt oder indirekt über ihre Vermögensverwaltungs- oder Beteiligungsgesellschaften - in den vergangenen Monaten geleistet haben: Die Tchibo-Erben Michael und Wolfgang Herz beteiligten sich für einen mittleren zweistelligen Millionen-Betrag mit knapp einem Viertel am Damenmodeschneider Escada. Die Familie Reimann, die ihr Vermögen über die Ludwigshafener Holding Joh. A. Benckiser kanalisiert, erwarb im April über die Tochter Labelux den Schweizer Lederkonzern Bally vom Finanzinvestor Texas Pacific Group. Der Kaufpreis wurde nicht genannt. Im Portfolio der Reimanns steckt auch der Kosmetik- und Parfumhersteller Coty mit Marken wie Calvin Klein, Jil Sander oder Chloé sowie ein Paket am Waschmittel- und Reinigungskonzern Reckitt Benckiser mit Marken wie Calgonit, Clearasil und Kukident. Quandt-Erbin und BMW-Großaktionärin Susanne Klatten erwarb im Juli aus den Beständen der Beteiligungsgesellschaft CMP und Goldman Sachs rund ein Fünftel der Aktien des Windkraftanlagenbauers Nordex. Die Liste ließe sich noch eine ganze Weile fortsetzen.