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Konjunktur:Deutschland - deine Rezessionen

Vom Wirtschaftswunder bis zur Internetblase: Bereits fünf Mal geriet die Bundesrepublik in die Krise. Ein historischer Abriss.

Das Wirtschaftswachstum in Deutschland wird 2009 nur noch 0,2 Prozent betragen, prognostizierte das Bundesfinanzministerium am Donnerstag. Immer häufiger taucht das R-Wort auf. Deutschland befindet sich am Rande oder womöglich sogar schon in einer Rezession. So schrecklich das Wort klingt - neu ist dieses Szenario nicht. In der Nachkriegsgeschichte hat die Bundesrepublik bereits fünf Rezessionen überstanden.

Deutschland reagierte auf den großen Ölschock im Jahr 1973 mit vier autofreien Sonntagen sowie Tempolimits.

(Foto: Foto: dpa)

"Aus der Geschichte kann man lernen, dass Rezessionen Anpassungsreaktionen im Konjunkturzyklus sind, die einen gestörten Markt wieder in Ordnung bringen", sagt Werner Abelshauser, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Bielefeld. "Gefährlich wird die Situation erst dann, wenn die Rezession in eine Depression umschlägt, aus der die Wirtschaft längere Zeit nicht mehr herausfindet. Und diese Gefahr besteht derzeit."

Gemeint ist eine "Liquiditätsfalle", also eine Situation, in der Konsumenten und vor allem Investoren ihr Geld sparen, anstatt es auszugeben, da sich Investitionen nicht zu lohnen scheinen. Wenn sie sich dann noch gegenseitig mit ihrer Unsicherheit anstecken, können die Folgen fatal sein, bis hin zur Massenarbeitslosigkeit, wie es sie in Deutschland Anfang der 30er Jahre gab. Die Rezessionen im Nachkriegsdeutschland verliefen im Vergleich dazu noch glimpflich.

Ende des Wirtschaftswunders

Die Jahre des deutschen Wirtschaftswunders waren Jahre der ungebrochenen Hochkonjunktur, bis hin zu jährlichen Wachstumsraten von 12 Prozent. 1966 endete das deutsche Wirtschaftswunder, erstmals seit 1949 brach das Wachstum ein. "Insgesamt war das aber nur eine Mini-Rezession, die nur deshalb so stark wahrgenommen wurde, weil man in der Nachkriegsgeschichte bis dahin kein negatives Wachstum kannte", sagt Wirtschaftshistoriker Abelshauser. "Der damalige Wirtschaftsminister Karl Schiller versuchte, mit seiner Politik die Zyklen der Konjunktur zu eliminieren und so weitere Rezessionen zu vermeiden. Die Geschichte hat aber gezeigt, dass das nicht klappt."

Die erste Rezession der Bundesrepublik führte zur Verabschiedung des Stabilitäts- und Wachstumsgesetzes, das ein gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht als Staatsziel definiert. Spätestens 1967 war die Phase des Wiederaufbaus abgeschlossen; von da an verlangsamte sich das Wachstum der Wirtschaft.

Erste Ölkrise

Anfang der 70er Jahre erlebte die deutsche Wirtschaft einen Aufschwung, in dem sie zeitweise sogar Vollbeschäftigung erreichte. Diese Phase nahm aber mit dem Ölpreisschock ein jähes Ende: Die erdölproduzierenden Länder hatten sich 1960 zur Opec zusammengeschlossen, damit wurde Erdöl zur politischen Waffe: Aus Protest gegen die Israel-freundliche Haltung der USA im Jom-Kippur-Krieg verhängten die arabischen Staaten 1973 ein Lieferembargo. Indem sie die Mengen des gelieferten Öls auch für Deutschland drosselten, vervierfachte sich der Ölpreis binnen fünf Monaten. Zu dieser Zeit förderten die Opec-Länder mehr als die Hälfte des weltweiten Erdöl-Bedarfs.

Vor allem die Automobilindustrie litt: 1974 konnte sie nur noch ein Viertel des Vorjahres absetzen. Die deutschen Exporte gingen deutlich zurück. Die Industrie drosselte die Produktion wegen der knappen Energievorräte, immer mehr Menschen wurden nur noch in Kurzarbeit beschäftigt. Erstmals erreichte die Arbeitslosigkeit die Million-Grenze.

"Die erste Ölkrise war die schwerwiegendste weltwirtschaftliche Krise in der Nachkriegsgeschichte", sagt Abelshauser. "Nach 1973 ist es der deutschen Wirtschaftspolitik aber mit hohem Aufwand gelungen, die negativen Auswirkungen dieser kleinen Weltwirtschaftskrise von Deutschland fernzuhalten." Mit Maßnahmen wie Sonntags-Fahrverboten, Tempolimits oder Einführung der Sommerzeit versuchte man die Abhängigkeit vom Öl zu mindern.

Zweite Ölkrise

Nachdem die Ölpreise zunächst wieder zurückgegangen waren, führten die Revolution im Iran und der erste Iran-Irak-Krieg 1980 erneut zu Versorgungsengpässen. Förderungsausfälle und die zunehmende Verunsicherung in den Industrieländern ließen die Preise kräftig steigen. "Dieser weltweiten Rezession konnte sich Deutschland nicht mehr entziehen", sagt Abelshauser. "Erstmals machte die Bundesrepublik die Erfahrung einer negativen Leistungsbilanz. Immerhin konnte man aber auf hohe angehäufte Devisenreserven zurückgreifen, um die Ölrechnung zu bezahlen."

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