Ernährung Mit der Vielfalt geht auch der Genuss verloren

Der Verlust der Pflanzenvielfalt ist deshalb auch ein Verlust von Genuss und Lebensart. Wer sich wehmütig an Omas Tomatensauce mit Früchten aus dem eigenen Garten erinnert und deren unvergleichlichen Geschmack, bildet sich den Wohlgeschmack vermutlich nicht nur ein. Wer jemals alte fruchtige Tomatensorten gekostet hat, erkennt sofort den Unterschied zu einer industriell angebauten Gewächshaustomate. Das hat seinen Grund. Denn entscheidend für Hersteller und Handel ist nicht der Geschmack der Tomate, sondern ihre Wirtschaftlichkeit. Die Früchte müssen reichlich und schnell wachsen, gut aussehen und lange lagerfähig sein.

Vor einem massiven Rückgang der Artenvielfalt warnt auch die Welternährungsorganisation FAO. 75 Prozent der pflanzengenetischen Vielfalt sind nach ihren Angaben seit Anfang des 20. Jahrhunderts verloren gegangen. Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Durch die Landflucht in vielen Gegenden dieser Erde verschwinden altes Wissen und alte Sorten. Hinzu kommt, dass sich in manchen Regionen die Anbaubedingungen durch den Klimawandel so stark ändern, dass traditionell angebaute Pflanzen nicht mehr gedeihen. Eine weitaus größere Bedrohung für die Vielfalt von Nahrungsmitteln geht jedoch von wirtschaftlichen Interessen und politischer Ignoranz aus.

Die frühe Globalisierungswelle hat die Speisepläne bereichert

Die Globalisierung spielt dabei eine zentrale Rolle, im positiven wie negativen Sinn. Große Seefahrer und Entdecker wie Christoph Kolumbus brachten in den vergangenen Jahrhunderten unbekannte Früchte und Pflanzen aus allen Erdteilen nach Europa. Diese frühe Welle der Globalisierung bereicherte die Speisepläne in ganz Europa. An den Umgang mit so exotischen Früchten wie Kakao oder Kaffee mussten sich die Europäer zwar erst gewöhnen, dafür schätzten sie diese dann umso mehr.

Ernährung Obst ist nicht gleich Obst
Ernährung

Obst ist nicht gleich Obst

Pflanzliche Ernährung ist gesund - vorausgesetzt, die richtige Auswahl landet auf dem Teller. Wer viele verarbeitete Produkte zu sich nimmt, erhöht sein Diabetesrisiko.   Von Werner Bartens

Als die ersten Kartoffeln Mitte des 16. Jahrhunderts aus Südamerika ankamen, wurden sie zunächst wegen ihrer hübschen Blüten in Blumengärten gepflanzt. Bis zur Erkenntnis, dass man sie auch essen kann, vergingen noch einmal fast hundert Jahre. Danach war der Siegeszug der unscheinbaren Knolle nicht mehr aufzuhalten. Ohne sie wäre das folgende Bevölkerungswachstum in Europa kaum möglich gewesen. Einzelne Sorten wurden von den Bauern weiterentwickelt und den jeweiligen Standortbedingungen angepasst. Auch in Europa entwickelte sich so eine breites Spektrum an Kartoffeln.

In der durchrationalisierten Landwirtschaft ist für Abwechslung kein Platz

Heute ist von diesem Reichtum nicht mehr viel übrig. Die Globalisierung der Neuzeit hat den Speiseplan ärmer gemacht. Für ein abwechslungsreiches Angebot bleibt in einer durchrationalisierten Landwirtschaft kein Platz mehr. Weizen und Mais etwa sind international gehandelte Rohstoffe, die von möglichst einheitlicher Qualität sein müssen.

Kartoffelbauern wollen robuste Pflanzen, die in Kombination mit Pflanzenschutzmitteln und künstlichem Dünger hohe Erträge liefern. Abnehmer, zum Beispiel Hersteller von Chips, legen Wert auf große Kartoffeln mit einem bestimmten Stärkegehalt. Das soll eine reibungslose Verarbeitung garantieren. Was aus der Norm fällt, ist unerwünscht, der Geschmack spielt kaum eine Rolle. So kann kostengünstig produziert werden, ein wichtiges Kriterium auch für Lebensmittelhersteller, deren Kundschaft gern billig einkauft.

Was von der früheren genetischen Pflanzenvielfalt noch übrig ist, verschwindet in fest verschlossenen Tresoren. Einer davon steht auf dem Weg von Norwegen zum Nordpol, auf Spitzbergen. Der Svalbard Global Seed Vault gleicht einer in den Berg gebauten Festung aus Stahlbeton. Angeblich soll sie sogar Atomkriegen und Erdbeben standhalten. Svalbard ist eine Art Arche Noah für die wichtigsten Nahrungsmittelpflanzen der Welt. 4,5 Millionen Samenproben werden hier aufbewahrt. Auch in anderen Ländern gibt es solche Einrichtungen. Die Millenium Seed Bank in Großbritannien konzentriert sich vor allem auf vom Aussterben bedrohte Wildpflanzen. Im deutschen Gatersleben lagert das Leibniz-Institut 150 000 verschiedene Kulturpflanzenmuster, darunter viele Heilkräuter. Die einstiege Vielfalt der Natur, hier wird sie fein säuberlich erfasst und katalogisiert - und vor dem Untergang bewahrt.