Süddeutsche Zeitung

Ernährung:Rettet die Vielfalt unseres Essens!

Die Auswahl an Lebensmitteln schien nie größer, aber der Schein trügt. Wir bekommen immer mehr Einheitsbrei vorgesetzt. Der Verlust von Pflanzenarten ist dramatisch - jetzt gilt es zu retten, was zu retten ist.

Essay von Silvia Liebrich

Als Charles Darwin vor 180 Jahren von seiner großen Weltreise zurückkam, hatte er mehr als 5400 Proben aller Art im Gepäck. Darunter viele unbekannte Pflanzen aus Südamerika, Australien, Neuseeland, Südafrika, von den Galapagos-Inseln und aus anderen Regionen der Erde. Darwin, der sich selbst für einen schlechten Botaniker hielt, schrieb damals einem Freund: "Ich wusste nicht mehr von den Pflanzen, die ich gesammelt hatte, als der Mann im Mond."

Die Sammlung, deren Auswertung mehr als zwei Jahrzehnte in Anspruch nahm, wurde zur Lebensaufgabe für den Naturforscher. Als Darwin schließlich sein Hauptwerk "Über die Entstehung der Arten" veröffentlichte, löste er zunächst eine Welle der Entrüstung aus. Heute steht fest, dass kaum ein Buch davor und danach das Verständnis der Evolution so grundlegend verändert hat.

Darwins Erbe ist brisanter und aktueller denn je - in einer Zeit, in der die biologische Artenvielfalt dramatisch schwindet. Denn es droht der Verlust eines einzigartigen Schatzes: ein Verlust, der sich inzwischen auch auf dem Teller bemerkbar macht. Verbraucher bekommen immer mehr Einheitsbrei vorgesetzt, ohne dass sie es überhaupt merken.

Nie schien die Auswahl größer - was für ein Trugschluss

Aber wie kann das sein? 30 000 Lebensmittelprodukte und mehr stehen in einem größeren Supermarkt. Bananen im Sortiment sind ein Muss, duftiger Basmatireis aus Indien gehört zum Standard, Erdbeeren sind meist sogar im Winter zu haben, und die Auswahl an Brotsorten, Süßwaren oder Tiefkühlkost ist riesig. Nie schien die Auswahl größer, es mangelt an nichts.

Erst bei genauerem Hinsehen erweist sich das vermeintliche Schlaraffenland als Trugbild. In vielen Verpackungen stecken die gleichen Zutaten. Hergestellt aus nur noch wenigen Pflanzenarten, die seit wenigen Jahrzehnten den weltweiten Anbau zunehmend dominieren. 50 000 Pflanzenarten gelten weltweit als essbar, doch nur 30 davon sichern die Welternährung, darunter Mais, Weizen, Reis und Kartoffeln.

Besonders bei Bananen ist die Lage besorgniserregend

Das allein wäre kein Problem, aber auch bei den einzelnen Nutzpflanzenarten sind immer weniger Sorten in Gebrauch. Allein 30 000 Maissorten gab es einst weltweit, doch nur ein paar Dutzend davon werden in größerem Stil angebaut, gentechnisch-veränderte Pflanzen dominieren.

Besorgniserregend ist die Lage bei Bananen. Fast die ganze Ernte rund um den Globus hängt von einer einzigen Sorte ab und die ist durch Schädlinge und Krankheiten bedroht. Züchter suchen verzweifelt nach Ersatz. Selbst bei Äpfeln, dem liebsten Obst der Deutschen, bleibt die Diversität auf der Strecke. 20 000 Apfelsorten wurden einst weltweit gezählt, im Supermarkt bekommen Kunden heute höchstens noch sechs Sorten angeboten. Die Folge: Alte Sorten werden nicht mehr gehegt, sie verschwinden für immer und mit ihnen geht auch ihr einzigartiger Geschmack verloren.

Mit der Vielfalt geht auch der Genuss verloren

Der Verlust der Pflanzenvielfalt ist deshalb auch ein Verlust von Genuss und Lebensart. Wer sich wehmütig an Omas Tomatensauce mit Früchten aus dem eigenen Garten erinnert und deren unvergleichlichen Geschmack, bildet sich den Wohlgeschmack vermutlich nicht nur ein. Wer jemals alte fruchtige Tomatensorten gekostet hat, erkennt sofort den Unterschied zu einer industriell angebauten Gewächshaustomate. Das hat seinen Grund. Denn entscheidend für Hersteller und Handel ist nicht der Geschmack der Tomate, sondern ihre Wirtschaftlichkeit. Die Früchte müssen reichlich und schnell wachsen, gut aussehen und lange lagerfähig sein.

Vor einem massiven Rückgang der Artenvielfalt warnt auch die Welternährungsorganisation FAO. 75 Prozent der pflanzengenetischen Vielfalt sind nach ihren Angaben seit Anfang des 20. Jahrhunderts verloren gegangen. Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Durch die Landflucht in vielen Gegenden dieser Erde verschwinden altes Wissen und alte Sorten. Hinzu kommt, dass sich in manchen Regionen die Anbaubedingungen durch den Klimawandel so stark ändern, dass traditionell angebaute Pflanzen nicht mehr gedeihen. Eine weitaus größere Bedrohung für die Vielfalt von Nahrungsmitteln geht jedoch von wirtschaftlichen Interessen und politischer Ignoranz aus.

Die frühe Globalisierungswelle hat die Speisepläne bereichert

Die Globalisierung spielt dabei eine zentrale Rolle, im positiven wie negativen Sinn. Große Seefahrer und Entdecker wie Christoph Kolumbus brachten in den vergangenen Jahrhunderten unbekannte Früchte und Pflanzen aus allen Erdteilen nach Europa. Diese frühe Welle der Globalisierung bereicherte die Speisepläne in ganz Europa. An den Umgang mit so exotischen Früchten wie Kakao oder Kaffee mussten sich die Europäer zwar erst gewöhnen, dafür schätzten sie diese dann umso mehr.

Als die ersten Kartoffeln Mitte des 16. Jahrhunderts aus Südamerika ankamen, wurden sie zunächst wegen ihrer hübschen Blüten in Blumengärten gepflanzt. Bis zur Erkenntnis, dass man sie auch essen kann, vergingen noch einmal fast hundert Jahre. Danach war der Siegeszug der unscheinbaren Knolle nicht mehr aufzuhalten. Ohne sie wäre das folgende Bevölkerungswachstum in Europa kaum möglich gewesen. Einzelne Sorten wurden von den Bauern weiterentwickelt und den jeweiligen Standortbedingungen angepasst. Auch in Europa entwickelte sich so eine breites Spektrum an Kartoffeln.

In der durchrationalisierten Landwirtschaft ist für Abwechslung kein Platz

Heute ist von diesem Reichtum nicht mehr viel übrig. Die Globalisierung der Neuzeit hat den Speiseplan ärmer gemacht. Für ein abwechslungsreiches Angebot bleibt in einer durchrationalisierten Landwirtschaft kein Platz mehr. Weizen und Mais etwa sind international gehandelte Rohstoffe, die von möglichst einheitlicher Qualität sein müssen.

Kartoffelbauern wollen robuste Pflanzen, die in Kombination mit Pflanzenschutzmitteln und künstlichem Dünger hohe Erträge liefern. Abnehmer, zum Beispiel Hersteller von Chips, legen Wert auf große Kartoffeln mit einem bestimmten Stärkegehalt. Das soll eine reibungslose Verarbeitung garantieren. Was aus der Norm fällt, ist unerwünscht, der Geschmack spielt kaum eine Rolle. So kann kostengünstig produziert werden, ein wichtiges Kriterium auch für Lebensmittelhersteller, deren Kundschaft gern billig einkauft.

Was von der früheren genetischen Pflanzenvielfalt noch übrig ist, verschwindet in fest verschlossenen Tresoren. Einer davon steht auf dem Weg von Norwegen zum Nordpol, auf Spitzbergen. Der Svalbard Global Seed Vault gleicht einer in den Berg gebauten Festung aus Stahlbeton. Angeblich soll sie sogar Atomkriegen und Erdbeben standhalten. Svalbard ist eine Art Arche Noah für die wichtigsten Nahrungsmittelpflanzen der Welt. 4,5 Millionen Samenproben werden hier aufbewahrt. Auch in anderen Ländern gibt es solche Einrichtungen. Die Millenium Seed Bank in Großbritannien konzentriert sich vor allem auf vom Aussterben bedrohte Wildpflanzen. Im deutschen Gatersleben lagert das Leibniz-Institut 150 000 verschiedene Kulturpflanzenmuster, darunter viele Heilkräuter. Die einstiege Vielfalt der Natur, hier wird sie fein säuberlich erfasst und katalogisiert - und vor dem Untergang bewahrt.

Die Welternährung liegt in den Händen von sechs Konzernen

Gerettet ist die Pflanzenvielfalt damit noch lange nicht. Entscheidend ist, diesen Schätzen einen Platz in der Natur einzuräumen, bevor sie ganz in Vergessenheit geraten - ein Kraftakt, doch ein lohnender. Alte Sorten versprechen nicht nur eine Entdeckungsreise in längst vergessene Geschmackswelten. Manche ihrer Eigenschaften könnten in der Zukunft sogar überlebenswichtig werden, etwa Resistenzen gegen Krankheiten oder ein geringer Wasserverbrauch.

Diese Aufgabe lässt sich nur mit vereinten Kräften bewältigen. Geradezu alarmierend ist es deshalb, dass der Saatgutmarkt zunehmend unter den Machteinfluss großer Unternehmen gerät. Nur sechs Agrarkonzerne kontrollieren mittlerweile fast drei Viertel der wichtigsten Nahrungsmittelpflanzen. Damit liegt die Welternährung in ihren Händen - eine gefährliche Abhängigkeit, die sich durch die geplante Fusion von Bayer und dem US-Konzern Monsanto weiter verschärfen wird.

Gen-Pflanzen versprechen besonders hohe Erträge

Dass Agrarkonzerne kein Interesse daran haben, möglichst viele Sorten zu pflegen und anzubieten, kann man ihnen nicht zum Vorwurf machen; es ist nicht ihre Aufgabe. Sie verdienen am meisten, in dem sie einige wenige Hochleistungssorten anbieten, samt den passenden Pestiziden und Düngemitteln. Besonders hohe Erträge versprechen gentechnisch-veränderte Pflanzen, weil sich darauf Patente anmelden lassen, die hohe Linzenzgebühren einbringen. Dabei ist das Patentieren von Pflanzen eigentlich verboten, auch in der Europäische Union.

Doch das Verbot lässt sich leicht umgehen, wenn moderne Technologien im Spiel sind. Immer mehr Firmen deklarieren so Pflanzen als eigene Erfindung. Ein absurder Anspruch, angesichts der gewaltigen Vorarbeit durch die Evolution. Millionen Jahre hat es gedauert, bis die ersten Gräser wuchsen. Unzählige Generationen von Bauern züchteten daraus den ersten Weizen.

Es gilt zu retten, was noch zu retten ist

Der Politik ist vorzuhalten, dass sie diesem Treiben zu lange tatenlos zugeschaut hat. Gegen die Konzentration in der Branche hätte sie längst einschreiten müssen, wie auch gegen den groben Missbrauch des Patentrechts. Die Artenvielfalt und der Erhalt der Ernährungsgrundlage verlangen einen besonderen Schutz. Doch eine industriefreundliche Politik hat genau das in den vergangen Jahrzehnten immer schwieriger gemacht. Damit nicht genug: unsinnige Gesetze behindern diejenigen, die sich für die Artenvielfalt einsetzen.

Nun gilt es zu retten, was noch zu retten ist. Die Landwirtschaft muss wieder bunter werden. Gelingen wird das nur, wenn sich der Artenschutz auch für die Erzeuger lohnt. Das Geld dafür wäre vorhanden. Die Landwirtschaft ist einer der größten Subventionsempfänger in der EU, die Mittel müssten nur gezielt eingesetzt werden.

Vor allem aber müssen Politik und Gesetzgeber dem Artenschutz endlich die Bedeutung einräumen, die ihm zusteht. Die genetische Vielfalt der Pflanzenwelt ist ein Erbe, das der ganzen Menschheit zusteht und das nicht in die Verantwortung mächtiger Konzerne gehört. Der Schutz der Vielfalt ist ein wertvolles Gut, das alle etwas angeht.

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Quelle:
SZ vom 10.09.2016/vit
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