EnBW-Affäre um Mappus und Notheis:"Er kann Angela mit seinen Truppen töten"

Dirk Notheis, Chef der Bank Morgan Stanley, hat sich beim EnBW-Milliardendeal blamiert. Er schickte dem damaligen Ministerpräsidenten Mappus E-Mails, die tief blicken lassen. Insider vermuten, dass er seinen Job bald los ist.

Roman Deininger, Alexander Hagelüken und Markus Zydra

Als Dirk Notheis 2009 Deutschland-Chef der US-Bank Morgan Stanley wurde, hagelte es Lob satt. "Wir sind mit der Wahl sehr glücklich", flötete der Aufsichtsrats-Vorsitzende Lutz Raettig. "Notheis ist die richtige Person, um das Geschäft für Morgan Stanley weiter auszubauen." Inzwischen häufen sich die Anzeichen, dass Raettig mit seiner Einschätzung von damals eher unglücklich ist. Es werden immer neue E-Mails öffentlich, die Notheis' Rolle beim milliardenschweren Rückkauf des Energiekonzerns EnBW durch das Land Baden-Württemberg 2010, nun ja: unmöglich erscheinen lassen.

Zeitung: Mappus liess sich bei EnBW-Geschaeft von Banker steuern

Peinliche E-Mails an Mappus: Der Chef von Morgan Stanley, Dirk Notheis, steht im Landtag in Stuttgart bei einer Sitzung des EnBW-Untersuchungsausschusses im Plenarsaal.

(Foto: dapd)

"Du solltest nach Aufforderung durch mich Folgendes ausführen ...", diktiert Notheis dem damaligen Ministerpräsidenten Stefan Mappus (CDU) vor einer Kaufverhandlung - ganz so, als führe er ihn wie einen Tanzbären durch die Manege. Banker Notheis fädelte den 4,8 Milliarden Euro teuren Aktienkauf für seinen Parteifreund Mappus ein, für den er offenbar das Regieren mitbesorgte: "Wenn Du Finanzminister Stächele am Montagmorgen in den Griff bekommst, dann würde ich ihn doch nicht vorab informieren", weist er den Landesvater an. Notheis tauft Angela Merkel in den Mails "Mutti" und erklärt Mappus' Einfluss auf die Kanzlerin der Bundesrepublik so: Weil der Baden-Württemberger drei von zehn Delegierten auf einem CDU-Bundesparteitag stelle, "kann er Angela mit seinen Truppen töten".

Solche Interna lassen deutsche Finanzmanager sprachlos zurück. Wobei sie ihre Sprache schnell wiederfinden: "Notheis hat sich diskreditiert bis zum Umfallen. Welcher Vorstand möchte denn mit so einem noch Geschäfte machen?", fragt ein führender Investmentbanker. Allein die bisher publik gewordenen E-Mails seien an Unprofessionalität kaum zu überbieten: "Das wird ihn den Kopf kosten." Soll heißen: den gut dotierten Job. "Morgan Stanley wird ihn entlassen oder woanders hinschieben", urteilt ein anderer Frankfurter Banker. "So macht man Geschäfte nicht. Und wenn es dann auch noch rauskommt, umso schlimmer." Die Affäre schade nicht nur den Geschäften von Morgan Stanley, sondern der ganzen Branche.

Investmentbanker zehren von ihrem Ruf, vor allem zweierlei zu sein: gerissen - und diskret. Der geheime Milliardendeal um Zehntausende Arbeitsplätze, der dem Publikum den Atem raubt: Das ist ihr Ding, das viel Geld bringt. Im Fall des Kaufs von 45 Prozent der EnBWAktien verdiente Deutschland-Chef Notheis für seine Bank ein Honorar von knapp 13 Millionen Euro.

Gerissen und geschickt ist der 43-Jährige Notheis in jedem Fall, er hat für seine Bank viel gemacht: Er brachte die Postbank mit an die Börse, verkaufte die angeschlagene österreichische Gewerkschaftsholding Bawag an einen Finanzinvestor, beriet die Bundesregierung bei der Verstaatlichung der Hypo Real Estate. Als diskret kann er aber nach Bekanntwerden der Mails nicht mehr gelten - und damit wird er "nicht zu halten sein", wie ein Banker sagt. Erstaunt beobachtet die Öffentlichkeit ein Schauspiel, dass es in der Zwischenwelt von Wirtschaft und Politik selten gibt. "Wenn ein Führender der Investmentbanker-Gilde so offen und frivol einen deutschen Ministerpräsidenten vor sich hertreiben kann", sei alles möglich, sagte Ex-WestLB-Chef Ludwig Poullain im Handelsblatt. Den Mails zufolge entwarf Notheis für Mappus ein Skript, wie er die umstrittene staatliche Übernahme eines Energiekonzerns der Öffentlichkeit schmackhaft machen sollte. Es sind die Details, die nun auffallen. Wie der Banker dem Politiker rät: "Du solltest idealerweise einen renommierten Volkswirt haben, der das ganze Gut findet. Es sollte jemand sein, der Dir einen Gefallen schuldet." Wer Koch ist und wer Kellner, das scheint hier klar - der Ministerpräsident sieht wie ein Laufbursche aus. Natürlich trägt zu diesem Eindruck auch der persönliche Ton zwischen zwei Menschen bei, die sich lange kennen.

Notheis nannte den Kaufpreis "mehr als üppig"

Notheis, Arztsohn aus katholisch-bürgerlichem Elternhaus, diskutiert schon als kleiner Junge gern mit den Großen über Politik. Ein Freund des Vaters verpasst ihm den Spitznamen "Bundeskanzler". Da ist er sieben. Mit zwölf klebt er in seiner Heimatstadt Ettlingen Wahlplakate für den Kanzlerkandidaten Franz Josef Strauß. Mit 26 wird er Landeschef der Jungen Union. Im Vorstand sitzt damals auch Stefan Mappus.

Mappus liess sich bei EnBW-Geschaeft von Banker steuern

Muss vor den Untersuchungsausschuss: der ehemalige Ministerpräsident von Baden-Wuerttemberg, Stefan Mappus (CDU).

(Foto: dapd)

Notheis habe Mappus immer gefördert, berichten Weggefährten, vielleicht weil er erkannt habe, dass ihm selbst die landespolitische Bühne zu eng werden könnte. Notheis gilt als feinsinnig und vorausschauend, Mappus als robust und impulsiv. Am Ende wurde Notheis Banker - und warf das ganze Gewicht der CDU-Nachwuchstruppe in die Waagschale, um Mappus einen Job als Staatssekretär zu verschaffen. Der damalige Ministerpräsident Erwin Teufel soll ob dieser "Erpressung" gewütet haben, behaupten einige in der CDU. Als Mappus Ende 2010 EnBW kauft, ist Notheis sein Vize im Landesvorstand der CDU.

Der Morgan-Stanley-Mann hat immer die Nähe zur Politik gepflegt und daraus Geschäfte angebahnt, doch diesmal könnte es ihm zum Verhängnis werden. Wenn Aufsichtsratschef Raettig vorher von dem EnBW-Auftrag gewusst hätte, hätte er ihn nicht gebilligt, heißt es - weil er die politische Verbindung zu Mappus kannte. Umstritten ist auch die Art, wie Notheis den Politiker abhielt, das lukrative Mandat an mehrere Banken zu vergeben ("Du musst das alles ablehnen!").

Und dann ist da noch die Notheis-Bemerkung in einer Mail, der Kaufpreis von 4,8 Milliarden für die EnBW sei "mehr als üppig". Das wirkt seltsam, weil es doch sein Job gewesen wäre, fürs Land Baden-Württemberg einen günstigen Kaufpreis vom bisherigen Eigentümer zu erzielen, dem französischen Energiekonzern EdF. Dessen Chef Henri Proglio ist pikanterweise der Bruder des französischen Statthalters von Morgan Stanley. Ein Geschäft unter zu vielen Freunden? Die neue grün-rote Landesregierung in Stuttgart kann Notheis' Mail als Beleg für ihre Klage verwenden: Dass der Kaufpreis viel zu hoch gewesen sei - weshalb EdF bitteschön bis zu zwei Milliarden Euro zurückerstatten soll.

In der Bankenstadt Frankfurt trat Dirk Notheis wie ein Strippenzieher auf: schnell, beredt, wendig, ein schwäbisches Gscheitle. Seit dem Bekanntwerden des EnBW-Deals und der Kritik daran ist er nicht ganz der alte. Zurückhaltend, gedrückt, so schildern ihn Beobachter. Bisher hat Dirk Notheis auf der Überholspur Karriere gemacht, jetzt muss er womöglich die Ausfahrt nehmen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: