bedeckt München
vgwortpixel

Deutsch-deutsche Geschichte:Westwaren aus dem Ost-Knast

Am 1. Oktober 1989 fuhren etwa 4.000 DDR-Fluechtlinge mit dem "Zug der Freiheit" nach der bewilligten Ausreise von Prag nach Hof. Vorher hatte die Reichsbahn vermutlich von der Ausbeutung politisch Gefangener profitiert.

(Foto: AP)

Tausende Häftlinge in der DDR produzierten Waren für westliche Unternehmen - teilweise unter haarsträubenden Bedingungen. Eine neue Studie zeigt, wie hinter der Mauer für den Klassenfeind geschuftet wurde.

"Wir nähen für euch Bettwäsche." Der Kassiber steckte im Bettbezug und wurde doch entdeckt. Mehrmals sogar. Kunden vom Warenhauskonzern Quelle fanden die Nachrichten, die darüber informierten, dass Quelle Bettwäsche bezog, die in DDR-Gefängnissen produziert worden war. Eigentlich seien es nur "unpolitische, harmlose Grüße" gewesen, erinnert sich Willi Harrer, der ehemalige Vorstandschef des inzwischen aufgelösten Versandhauses Quelle. Trotzdem habe man im Vorstand lange darüber diskutiert, wie sich der Konzern verhalten solle, sagt Harrer. "Es ging damals um die Frage, ob Haftarbeit wirklich so verwerflich ist? Schließlich wurde ja auch in West-Gefängnissen gearbeitet." Harrer zufolge habe der Vorstand dann beschlossen, die DDR-Verantwortlichen diskret darauf hinzuweisen, diese Kassiber nicht mehr beizulegen. "Schließlich wollten wir nicht", so Harrer unlängst in einem Radiointerview, "dass die Kunden erfahren, dass diese Wäschestücke in der DDR genäht worden sind."

Das wollten auch andere westdeutsche Handelsketten und Unternehmen nicht. Schon gar nicht, wenn die Produkte von Häftlingen aus DDR-Gefängnissen angefertigt worden waren. Man firmierte sie um, verkaufte die Waren als "Hausmarke".

Bettwäsche, Kameras, Möbel und Beschläge, Werkzeugkästen, Strumpfhosen, Plastikgeschirr oder nur Kerzen - von Aldi über Ingvar Kamprads Ikea, Salamander, Schiesser, Beiersdorf, Underberg, Varta, Thyssen, Krupp, Linde, Mannesmann oder Siemens bis hin zur Winzergenossenschaft Deutsches Weintor reicht die Liste der Westunternehmen, die zu billigen Preisen Produkte aus dem Osten bezogen, an deren Herstellung häufig auch Häftlinge aus den DDR-Haftanstalten beteiligt waren.

Insgesamt sollen es nach dem jetzt vorgestellten Forschungsbericht allein etwa 6000 westdeutsche Firmen gewesen sein, die die Gelegenheit für günstige Wirtschaftsbeziehungen durch die Mauer nutzten. Dass sie so günstig waren, hat nicht zuletzt mit den bis zu 30 000 Häftlingen zu tun, die in den DDR-Knästen für die billig an den Westen verhökerten Ost-Produkten malochten. Willi Harrer gestand dazu unumwunden ein, dass diese Waren aus der DDR selbst im Vergleich mit fernöstlichen Billiglohnländern höhere Gewinnspannen erlaubten.

Teilweise haarsträubende Arbeitsbedingungen

Als vor zwei Jahren der schwedische Handelskonzern Ikea zugegeben hatte, dass er jahrelang Möbel verkauft hatte, die in der DDR auch von Häftlingen hergestellt worden waren, rückte das bis dato bislang wenig beachtete Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte in den Fokus der Öffentlichkeit. Nach Schätzungen des Historikers Christian Sachse von der Stasi-Unterlagen-Behörde, wurden in den 1980er-Jahren pro Jahr mindestens 200 Millionen D-Mark mit Waren umgesetzt, die allein auf der Arbeit von Häftlingen beruhten.

Nach seinen überschlägigen Berechnungen schufteten in 250 Ostbetrieben Häftlinge, unter ihnen auch viele politische Gefangene. Eingesetzt wurden sie freilich nicht nur für den Billigexport von Knastware in den Westen. Die DDR-Häftlinge schufteten auch im Braunkohle-Tagebau oder bei Gleisarbeiten. Darum will nun auch die Deutsche Bahn eine Studie erarbeiten lassen, die den Einsatz von Strafgefangenen und den Häftlingstransport zu DDR-Zeiten bei der Deutschen Reichsbahn "umfassend" aufarbeiten soll. Laut Sachse profitierte auch die Reichsbahn von der Ausbeutung politisch Gefangener. Zwischen 1951 und 1989 leisteten demnach jährlich mehr als 1200 Häftlinge Zwangsarbeit bei der Deutschen Reichsbahn. Für Bahn-Chef Rüdiger Grube ist die Aufarbeitung dieses bisher weitgehend unbekannten Kapitels ein unbedingtes Muss. Es müsse, so Grube, "konsequent durchleuchtet und dokumentiert werden".

Zwangsarbeit Wie West-Firmen von der DDR-Zwangsarbeit profitierten

Deutsch-deutsche Geschichte

Wie West-Firmen von der DDR-Zwangsarbeit profitierten

Eine Studie leuchtet ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte aus: die Zwangsarbeit von politischen Häftlingen in den Gefängnissen der DDR. Von der haben auch westliche Unternehmen wie Ikea, Aldi, Quelle und Siemens profitiert.   Von Karl-Heinz Büschemann

Staub, Hitze, Eiseskälte, hohe Normen, schlechte Bezahlungen, menschenverachtende Behandlung, gesundheitsvernichtende Arbeitsbedingungen -immer mehr Einzelheiten über die Arbeit in den Betrieben und den angegliederten Straflagern kommen nun ans Licht. Zum Beispiel aus dem Chemischen Kombinat Bitterfeld. In den Werken Chlor I bis III wurden schon seit 1920 auf der Basis von Chlor Kunststoffe hergestellt. Dabei kommen auch große Mengen von Quecksilber zum Einsatz. Ihre Dämpfe vergifteten die Luft in den Räumen, in denen zu DDR-Zeiten Häftlinge arbeiteten. Auch der Zustand von Anlagen und Bauten waren katastrophal. Dennoch musste dort weitergearbeitet werden - der Planerfüllung wegen. Schätzungen gehen davon aus, dass die mehr als 500 in Bitterfeld eingesetzten Häftlinge unter teilweise haarsträubenden Bedingungen wie der Chlorproduktion zu Beginn der Achtzigerjahre knapp 800 Millionen Ostmark Umsatz pro Jahr erwirtschafteten - mit allen Folgen für ihre Gesundheit.

Streit um die knappe Ressource "Strafgefangener"

Für die DDR-Oberen war Häftlingsarbeit über Jahrzehnte hinweg eine unverzichtbare Größe der Planwirtschaft. Der ständige Mangel an Arbeitskräften, niedrige Produktivität und Abwanderung von Beschäftigten in die Verwaltung machten den Einsatz von billigen Häftlingen unabdingbar. Jedes Jahr meldeten die Generaldirektoren der Kombinate ihre Kontingente an Strafgefangenen an. Ohne sie waren die Planzahlen nicht mehr zu erfüllen. Umso schwerer trafen die Unternehmen Entlassungen und Amnestien. Nicht zuletzt auch der Häftlingsfreikauf aus der Bundesrepublik, die Zehntausenden den Weg in die Freiheit, der DDR aber Milliarden an D-Mark einbrachten. So entstand bisweilen ein geharnischter Streit um die knappe Ressource "Strafgefangener". Einig war man sich nur in dem Ziel, das Letzte aus den Strafgefangenen herauszuholen.

Um das Thema Häftlingsarbeit in der DDR wird abseits aller ökonomischen Hintergründe heftig und bisweilen verbissen gestritten. Opferverbände unterstellen den aus Gewinnsucht handelnden westdeutschen Firmen eine Mitschuld an den Häftlingsschicksalen in der DDR. Für die Verbände war die Pflicht zur Arbeit im Knast schlichtweg "Zwangsarbeit" - gerade für die politischen Häftlinge, von denen es zwischen 1951 bis 1989 etwa 280 000 gab. Unmenschliche Arbeitsbedingungen in den Gefängnissen und Betrieben sowie die ständige Verletzung von Menschenrechten stünden dafür. Darum müsse der Aufarbeitung der Geschehnisse auch eine Entschädigung folgen, an denen sich westdeutsche Konzerne beteiligen sollten. Aus den Unternehmen ist dazu kaum etwas zu hören. Die Politik aber hat nun reagiert. Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) kündigte am Montag eine Erhöhung der Opferrente - derzeit maximal 250 Euro im Monat - für politische Häftlinge in der DDR an. Sie soll Anfang 2015 um 20 Prozent steigen.