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Energie und Wirtschaft:Eine Ölkrise der anderen Art

Eine Erdölraffinerie im kalifornischen Carson. Sollte der Ölpreis weiter so niedrig bleiben oder noch weiter sinken, wird es nicht nur für die Förderunternehmen in den USA schwierig.

(Foto: DAVID MCNEW/AFP)
  • Der Welt droht die dritte große Ölkrise. Aber diesmal sind ihre Ursache nicht etwa steigende, sondern fallende Preise.
  • Dieser Preisverfall trifft die Ölindustrie auf der ganzen Welt. Besonders stark aber leiden Unternehmen in den USA und Russland.

Schon zweimal hat der Ölpreis die Welt in eine schwere Rezession gestürzt. Die erste und berühmteste Ölkrise brach im Herbst 1973 aus, als die Organisation Erdöl exportierender Staaten (Opec) den Preis für das Fass Rohöl (159 Liter) von drei auf zwölf Dollar vervierfachte, um den Westen zu einer israelfeindlichen Politik zu zwingen. Das war die Krise, die älteren Deutschen noch wegen der autofreien Sonntage in Erinnerung geblieben ist; eine Zeit außerdem, in der der Nachkriegsboom in der Bundesrepublik unwiderruflich zu Ende ging. Die zweite Krise folgte im Frühjahr 1979 nach der islamischen Revolution im Ölförderland Iran. Damals stieg der Preis von 14 auf 38 Dollar. Die Krise löste einen großen Rechtsschwenk in der amerikanischen Politik aus: Der demokratische Präsident Jimmy Carter wurde abgewählt, an seine Stelle trat der konservative Republikaner Ronald Reagan.

Jetzt droht der Welt die dritte große Ölkrise. Aber diesmal sind ihre Ursache nicht etwa steigende, sondern fallende Preise. Noch zu Jahresbeginn hatte das Fass Rohöl 61 Dollar gekostet, an diesem Montag lag der Preis nach wildem Handel bei um die 30 Dollar. "Rohöl könnte für die Märkte ein noch größeres Problem werden als der Coronavirus", sagte Adam Crisafulli von der Prognosefirma Vital Knowledge dem amerikanischen Wirtschaftssender CNBC. Das war vor einer Woche. Inzwischen wird deutlich, wie sehr sich die Ölpreis- und die Coronakrise gegenseitig verstärken. Weil die Menschen überall in den Industrieländern angehalten sind, nur noch die nötigsten Fahrten zu unternehmen, weil zum Beispiel die Fluggesellschaften ihren Betrieb dramatisch einschränken, braucht die Weltwirtschaft viel weniger Öl als erwartet. Besonders gravierend dürfte die sinkende Nachfrage aus China sein, dem bis zur Stunde größten Ölimporteur der Welt, von wo die Coronakrise ja ihren Ausgang nahm.

Das Angebot übersteigt jedenfalls die Nachfrage seit Wochen bei weitem. Jim Burkhard von der Analysefirma IHS Markit rechnet kurzfristig mit einem Überangebot von 800 Millionen bis 1,3 Milliarden Fass, wie er gegenüber Bloomberg sagte. Das wäre dann der größte Produktionsüberschuss der Geschichte. Der bisherige Rekord lag bei 300 Millionen Fass über einen Zeitraum von einem halben Jahr.

Weshalb sich die Welt über die Ölschwemme nicht freuen kann, sondern sie fürchten muss, hat auf paradoxe Weise mit den Ölpreiskrisen der Vergangenheit zu tun. Die Erfahrungen von 1973 und 1979 haben die Industrieländer gelehrt, wie riskant es ist, wenn die Volkswirtschaft auf Energie aus einer der gefährlichsten Regionen der Erde angewiesen ist. Außerdem machte der Preisanstieg Ölförderung auch zu höheren Kosten als bisher rentabel. So begann der Aufstieg des Nordseeöls, besonders aus Großbritannien und Norwegen.

In diesem Jahrtausend schließlich folgten zwei technische Neuerungen, die den Ölmarkt revolutionieren sollten: Fracking und Horizontal Drilling. Beim Fracking werden Öl und Gas aus Ölschiefer gewonnen, in dem man die fraglichen Gesteinsschichten mit Wasser und Chemikalien aufsprengt. Horizontal Drilling lässt sich am besten mit Richtbohren übersetzen: Ölbohrer können nicht mehr nur senkrecht in die Erde vordringen, sondern in alle Richtungen, wenn es sein muss, eben auch horizontal.

Die neue Technik hatte zur Folge, dass die Vereinigten Staaten innerhalb kurzer Zeit zum größten Ölförderland der Welt wurden - mit deutlichem Abstand vor Saudi-Arabien und Russland. Das ist, verglichen mit den 1970er Jahren, eine Umkehr der Verhältnisse. Amerika ist nicht mehr abhängig vom Öl aus dem Nahen Osten. Stattdessen hat die Weltmacht heute die Interessenlage eines Förderlandes, das auf einen auskömmlichen Ölpreis angewiesen ist. Dieser Preis liegt, angesichts der hohen Förderkosten von Schieferöl deutlich über dem, was Förderer aus dem Nahen Osten brauchen.

Ein Preis von weniger als 30 Dollar, sollte er länger bestehen bleiben, wäre daher eine Katastrophe für die amerikanische Ölbranche, was nicht ohne Konsequenzen für die Volkswirtschaft insgesamt und die Banken bleiben könnte. Die Krise zeigt sich überdeutlich in den Aktienkursen amerikanische Ölfirmen. Chevron verlor seit Jahresbeginn 40 Prozent seines Wertes, die Aktie kostete am Montag in New York 72,50 Dollar. Exxon büßte gut 50 Prozent ein und wurde bei 35 Dollar gehandelt. Noch mehr haben die Anleger kleinere Energiefirmen abgestoßen, die sich auf Fracking spezialisiert haben: Diamondback Energy zum Beispiel verlor drei Viertel ihres Wertes, Marathon Oil aus Houston knapp 70 Prozent.

Heftig getroffen ist Russland, das den Preiskrieg mit ausgelöst hat

Die Zahlen sind ein Reflex auf den Preiskrieg, der am 6. März zwischen Saudi-Arabien und Russland ausgebrochen war. Die beiden Förderländer konnten keinen gemeinsamen Beschluss über eine Kürzung der Fördermenge treffen, um den Markt zu stabilisieren. Am nächsten Handelstag, einem Montag, stürzte der Ölpreis von 42 auf knapp über 30 Dollar ab; es war der stärkste Einbruch seit dem Golfkrieg von 1991. Seither konnten sich die Opec-Mitglieder nicht auf einen Kurswechsel einigen. Im Gegenteil, Saudi-Arabien drohte den anderen Kartellmitgliedern sogar damit, die Produktion noch zu erhöhen.

Der Preisverfall trifft nicht nur amerikanische Firmen, sondern die Ölindustrie auf der ganzen Welt - von der chinesischen Sinopec bis zu saudischen Aramco. Das nach Marktwert größte Unternehmen der Welt wurde am Montag zum niedrigsten Stand seit seinem Börsengang gehandelt (27,8 Riyal, was 6,68 Euro entspricht). Der Vorteil Aramcos liegt allerdings darin, dass die Produktionskosten auf der arabischen Halbinsel immer noch konkurrenzlos niedrig sind. Dieser Umstand nährt immer wieder Gerüchte, Saudi-Arabien habe sich auf den Preiskrieg eingelassen, um die amerikanische Fracking-Industrie zu zerstören. Belege dafür gibt es nicht. Die Vereinigten Staaten sind selbst kein Mitglied der Opec geworden.

Heftig getroffen von der Krise ist Russland, das den Preiskrieg in diesem Monat mit ausgelöst hat. Die Öleinnahmen spielen für Präsident Wladimir Putin eine zentrale Rolle in seiner Wirtschaftspolitik. Nach einem Krisenszenario der russischen Zentralbank braucht die Regierung in Moskau einen Ölpreis von ungefähr 40 Dollar, um ihren Haushalt auszugleichen. Bei 25 Dollar ist eine Rezession unvermeidlich. Dabei ist noch nicht berücksichtigt, dass die Corona-Epidemie bisher in Russland sehr milde verlaufen ist, was aber nach den Erfahrungen anderer Länder kaum so bleiben dürfte. Auch Russland muss damit rechnen, dass sich die beiden Krisen gegenseitig verstärken.

In der Krise halten die Verbraucher ihr Geld zusammen

Das besondere Problem der amerikanischen Ölindustrie liegt darin, dass die Unternehmen schon deutlich geschwächt in die Krise gehen. Bereits 2008/2009 in der Finanzkrise waren die Ölpreise abgestürzt, viele kleinere Firmen mussten sich hoch verschulden, um über die Runden zu kommen. Weshalb der Ölpreiskrieg auch den Finanzsektor betrifft. Um profitabel zu sein, brauchen die Firmen, je nach Lage, heute einen Preis zwischen 23 und 75 Dollar, wie die Dallas Fed, die Landeszentralbank für Texas und den Süden des Bundesstaats New Mexico errechnet hat. Nun, da der Preis unter 30 Dollar liegt, muss es nicht unbedingt zur Firmenzusammenbrüchen im großen Maßstab kommen, wahrscheinlicher ist, dass kleine Unternehmen von den großen übernommen werden. Entlassungen werden aber unvermeidbar sein, die Ölstaaten wie Texas oder Norddakota hart treffen dürften.

Zudem entfällt ein wichtiger stabilisierender Faktor. Unter normalen Umständen könnten die Verbraucher das Geld, das sie durch billiges Benzin und Erdgas sparen, für andere Dinge verwenden und so den gesamtwirtschaftlichen Konsum stabilisieren. Heute halten sie ihr Geld zusammen, entweder weil sie, wie in weiten Teilen Europas und in einigen US-Bundesstaaten, gar keine Möglichkeit haben, es auszugeben. Oder weil sie für schlechte Zeiten vorsorgen müssen. Die ganze Gesellschaft ist im Krisenmodus.

© SZ vom 17.03.2020/vd
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Von Jan Willmroth

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