bedeckt München 17°

Corona-Pandemie:Selbständige Frauen leiden besonders unter der Krise

Businesswoman examining document while using digital tablet model released Symbolfoto property released UUF22949

Frauen klagen einer Studie zufolge seit der Krise unter anderem deutlich häufiger über Depressions- und Angstsymptome.

(Foto: Uwe Umstätter/imago images/Westend61)

Ob Friseurgeschäft oder Café: Frauen betreiben häufig Geschäfte, die in der Krise gelitten haben. Das macht sich jetzt bemerkbar, zeigt eine Studie.

Von Felicitas Wilke

Die vergangenen dreizehn Monate beschreibt Tina Mücher als einen Mix aus vielen Gefühlen, "irgendwo zwischen 'wird schon wieder', Frustration und Wut". Sie betreibt ein Studio für Maniküre, Nageldesign und Fußpflege in der Eifel und musste es wegen der Pandemie zweimal für mehrere Wochen schließen. Inzwischen darf sie wieder Kundschaft empfangen, "aber viele Menschen sind verunsichert und kommen nicht mehr", berichtet sie. Die Einnahmen, sie dümpeln bei rund 50 Prozent des Vor-Lockdown-Niveaus vor sich hin.

Die Nagelpflegerin ist eine von 4,2 Millionen Selbständigen hierzulande und eine von rund 1,4 Millionen Frauen, die ihre eigene Chefin sind. Sie gehört zu den Menschen, die die Krise besonders hart getroffen hat: Wie eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigt, die der Süddeutschen Zeitung vorab vorliegt, gehören insbesondere Frauen zu den Verlierern der Corona-Krise. Sie haben demnach häufiger Einkommensverluste als männliche Selbständige und leiden in der Folge auch häufiger unter psychischen Problemen.

Selbständige mussten sich in der Krise mit weniger Kunden, mit Schließungen und Anträgen für staatliche Hilfe herumschlagen, die nicht immer wie erhofft wirkte. Es ist also kein Wunder, dass sie die Folgen der Pandemie schmerzhafter spüren als abhängig Beschäftigte. Das bestätigt auch die DIW-Studie, die allerdings noch auf einen weiteren Aspekt hinweist: "Die Auswirkungen von Covid-19 sind nicht geschlechtsneutral", so drückt es Johannes Seebauer, einer der Autoren der Studie, aus. Die Wissenschaftler haben auf Grundlage des Sozio-oekonomischen Panels zwischen April und Juli 2020 Personen aus insgesamt 6700 Haushalten befragt und unter anderem herausgefunden: Während rund 47 Prozent der selbständigen Männer finanzielle Einbußen hinnehmen mussten, waren es bei den weiblichen Selbständigen etwa 63 Prozent.

Der Grund dafür liegt fast schon auf der Hand, wenn man bedenkt, welche Geschäfte seit Beginn der Krise immer wieder schließen mussten. Denn Frauen schneiden häufiger als Männer anderen die Haare, behandeln Hautprobleme oder betreiben Cafés - allesamt Branchen, die als "körpernahe Dienstleistungen" oder "gastronomische Betriebe" einen für die Betroffenen unheilvollen Platz in den Corona-Maßnahmenkatalogen einnehmen. Die DIW-Forscher formulieren es so: Die geschlechterspezifischen Unterschiede bei Selbständigen seien größtenteils darauf zurückzuführen, "dass selbstständige Frauen überproportional häufig in Branchen arbeiten, die von der Covid-19-Pandemie besonders stark betroffen sind".

"Wir gelten als die Nageltanten, die es nicht so dringend braucht"

Auch Tina Mücher arbeitet als Nagelpflegerin in einer solchen Branche. Besonders ernst genommen fühlt sie sich von der Politik während der Krise bisher nicht. "Teilweise wurden wir in den Beschlüssen zunächst gar nicht genannt und mussten selbst schauen, ob wir jetzt öffnen dürfen oder nicht", sagt Mücher. Letztlich hätten die Nagelpflegerinnen zusammen mit den Kosmetikerinnen, Tattoo-Studiobetreibern und Massagestudios zu der Gruppe gehört, die zuerst schließen musste und zuletzt - mancherorts bis heute nicht - öffnen durfte. "Wir gelten als die Nageltanten, die es nicht so dringend braucht", sagt Mücher. "Dass wir jede Menge anatomisches Know-how haben und für Nagelbeißer so was wie ein Therapieersatz sind, das wird dabei nicht gesehen." Sie berichtet von einigen Kolleginnen, die ihre Selbständigkeit inzwischen aufgegeben haben und wieder in ihren ursprünglich erlernten Berufen arbeiteten, beispielsweise im Büro. Andere kämpften verzweifelt um ihre Existenz. "Es ist ein Thema zum Heulen", sagt Mücher.

Wie sehr viele Betroffene unter den Folgen der Pandemie leiden, zeigt auch die DIW-Studie. Im Vergleich zur Situation vor der Krise klagen Frauen demnach deutlich häufiger über Depressions- und Angstsymptome. Besonders betroffen sind davon selbständige Frauen - insbesondere dann, wenn sie finanzielle Verluste erleiden. Aus ihren Ergebnissen folgern die DIW-Forscher, dass es "eine verlässliche und mit wenig Aufwand zu beantragende" Unterstützung für Selbständige brauche, die auch die Lebenshaltungskosten decke. "Wenn sich selbstständige Frauen während eines systemischen Schocks durch politische Maßnahmen zu wenig unterstützt fühlen, riskiert die Gesellschaft, dass sie sich von dieser Erwerbsform abwenden", schreiben die Forscher. In den vergangenen zwei Jahrzehnten war der Anteil von Frauen an den Selbständigen von gut einem Viertel auf zuletzt 34 Prozent gestiegen.

Tina Mücher will selbständig bleiben, denn in ihre alte Branche kann sie ohnehin nicht zurück. "In der Gastronomie braucht mich gerade auch niemand", sagt sie. Immerhin hat sie ihr Studio bei sich zu Hause eingerichtet, Miete zahle sie keine, ihr Mann habe als Angestellter im öffentlichen Dienst keine Einbußen erlitten. Wie es ihr damit ging, als berufstätige Mutter von drei Kindern zwischenzeitlich nicht mehr ihr eigenes Geld verdient zu haben? Sie überlegt kurz, dann sagt sie: "Im Herbst und Winter war ich wochenlang Vollzeitlehrerin für meinen Sohn, der in die fünfte Klasse geht und im Homeschooling war. Da dachte ich fast, es hat auch Vorteile, dass ich gerade nicht arbeiten darf." Noch so ein Thema, das während der Corona-Krise eher die Frauen betrifft.

© SZ/pauw
Zur SZ-Startseite
High angle view of mother using laptop at table while father sitting with children in living room , model released, prop

SZ PlusMeinungGesellschaft
:Das Modell Kleinfamilie hat versagt

Das Ideal unserer Gesellschaft ist die Kleinfamilie. Deshalb stecken Männer und Frauen in einem System fest, dessen Schwächen die Krise offen gelegt hat - und das nicht ihnen dient, sondern der Wirtschaft.

Essay von Kathrin Werner

Lesen Sie mehr zum Thema