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Brexit:Großbritanniens Lebensader

Brexit

Lastwagen in Richtung Europa stehen am Hafen von Dover. Bis zum französischen Calais brauchen Fähren nur 90 Minuten.

(Foto: Gareth Fuller/dpa)

Ohne Brexit-Deal müssten Laster an der Grenze wieder kontrolliert werden. Der wichtigste britische Fährhafen in Dover würde kollabieren. Nirgends zeigt sich deutlicher, was beim EU-Ausstieg auf dem Spiel steht.

Schaumkronen tanzen im Ärmelkanal auf den Wellen. Am Horizont trennt eine dunkle Linie den grauen Himmel vom grün-grauen Wasser. Diese Linie ist die französische Küste, gut 30 Kilometer entfernt von diesem Aussichtspunkt auf den Kreidefelsen von Dover. Direkt am Fuß der weißen Klippen befindet sich der Hafen: Drei mächtige Fähren haben angelegt. Der Wind trägt unverständliche Lautsprecherdurchsagen herbei. Von einem Schiff fahren Lastwagen herunter und auf eine Hochstraße, die in einem großen Bogen raus aus dem Gelände führt. Andere Straßen führen rein in den Hafen, zu Parkplätzen vor den Kais. Von hier oben wirkt Europas belebtester Fährhafen wie eine Miniatureisenbahn, nur dass statt Zügen Laster auf vorgegebenen Bahnen herumzuckeln. Autos sind kaum zu sehen.

Bis zu sechzigmal am Tag kommt eine Fähre aus dem französischen Calais oder Dünkirchen an, bis zu sechzigmal legt eine ab. Neben Autos transportieren die Schiffe der Reedereien P&O Ferries und DFDS Seaways an Spitzentagen 10 000 Lastwagen. Das sind mehr Laster, als alle anderen britischen Häfen - und der Betreiber der Züge durch den Ärmelkanal-Tunnel - zusammen abfertigen.

Die Lastwagen bringen Zulieferteile in Fabriken, die oft bloß Vorräte für wenige Produktionsstunden lagern. Just-in-time-Fertigung heißt dieses Prinzip. Oder sie bringen Obst und Gemüse, Bier und Wein für die Supermärkte. Wie eng die Wirtschaft des Königreichs mit der im Rest Europas verflochten ist, zeigt sich nirgendwo besser als im Port of Dover. Der Hafen ist die Lebensader, die Großbritannien mit dem Festland verbindet.

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Doch der Brexit könnte diese Lebensader verstopfen. Es ist ungewiss, ob das britische Parlament in anderthalb Wochen für den Austrittsvertrag stimmt, auf den sich London und Brüssel nach quälend langen Verhandlungen geeinigt haben. Zahlreiche Brexit-Enthusiasten bei den regierenden Konservativen finden, dass Premierministerin Theresa May der EU viel zu sehr entgegengekommen sei. Bei einer Ablehnung besteht die Gefahr, dass Großbritannien die Union am 29. März 2019 ohne Scheidungsvertrag verlässt. Dann würde die vereinbarte Übergangsphase wegfallen, in der sich für Firmen und Bürger fast nichts ändern soll. Stattdessen würden Zölle eingeführt, Grenzbeamte müssten Laster überprüfen. An den Häfen drohten Chaos und Staus. Fabriken würden die Zulieferteile ausgehen, Supermärkte könnten Regale nicht wieder auffüllen.

Und selbst wenn das Parlament den Vertrag absegnet, müssen Spediteure und Hafenbetreiber, die Manager in Supermärkten und Fabriken weiter bangen. Dank der Übergangsphase bliebe zwar bis Ende 2020 oder vielleicht sogar bis 2022 alles wie gehabt. Aber ob danach Kontrollen vermieden werden können, hängt vom Handelsvertrag ab, den Brüssel und London während dieser Zeit abschließen wollen.

Tim Reardon wird die Arbeit daher nicht so schnell ausgehen. Der 47-Jährige ist "Head of EU Exit" beim Hafenbetreiber in Dover, also der Brexit-Beauftragte. Sein Schreibtisch steht im fünften Stock eines Bürogebäudes auf dem Hafengelände. Er schreitet ans Fenster und zeigt auf eine Fähre. "Sehen Sie den Lastwagen mit dem weißen Auflieger, der gerade herunterfährt?", fragt er und blickt auf seine Armbanduhr. "Lassen Sie uns schauen, wie lange er bis zum Ausgang braucht." Der Laster, der dem Logo auf dem Anhänger zufolge der lettischen Spedition Kreiss gehört, fährt auf die Hochstraße im Hafen, vor ihm und hinter ihm andere Lastwagen.

Eines der Gespanne hat den Namen einer ungarischen Spedition auf die Seite gedruckt, dann kommen Laster aus Litauen und den Niederlanden - eine Parade der europäischen Logistikbranche. "Hier, der Lastwagen hat ein Fahrgeschäft für einen Jahrmarkt geladen", sagt Reardon. Schließlich fährt das Kreiss-Gespann vorbei. Als es aus dem Sichtfeld verschwindet, kurz vor dem Ausgang des Hafens, schaut der Manager wieder auf seine Uhr. "Dreieinhalb Minuten von der Fähre", sagt er zufrieden. Reardon weist gen Meer: "Und da ist bereits das nächste Schiff." Alles geht so schnell, weil die Laster nach dem Anlegen einfach wegfahren können. Die Pässe werden immer schon am Abfahrtshafen geprüft. Das ist nötig, weil Großbritannien nicht Mitglied des Schengen-Raums ist.