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Brexit ohne Abkommen:Vorbereitet auf das Schlimmste

Straßenszene in London

Unternehmen fürchten einen harten Brexit.

(Foto: Alberto Pezzali/AP)

Die Chancen dafür, dass die EU und die britische Regierung sich noch auf ein Handelsabkommen einigen, sinken. Die Unternehmen stellen sich bereits auf einen harten Bruch ein.

Von Caspar Busse und Alexander Mühlauer, London/München

Als Benny Wunderlich vor zehn Jahren anfing, in Großbritannien zu arbeiten, war das Land noch Teil der Europäischen Union. Ein Brexit? Unvorstellbar damals. Dass sich dies innerhalb einer Dekade ändern könnte, hätte er nicht für möglich gehalten. Nun, kurz vor der Endphase der Brexit-Verhandlungen, sagt er: "Man weiß einfach nicht, was kommt." Benny Wunderlich ist Geschäftsführer der Dr. Sasse AG in Großbritannien. Das Münchner Familienunternehmen bewirtschaftet als Facility-Management-Anbieter Liegenschaften, Infrastruktureinrichtungen sowie deren technische Anlagen, mit knapp 1300 Mitarbeitern im Vereinigten Königreich. Zu den Kunden zählen das Unicredit-Gebäude in London, die Universität Oxford sowie die Flughäfen Bristol, Edinburgh und London-Luton. Jede Nacht werden im gesamten Königreich gut 2000 Busse für den öffentlichen Nahverkehr gereinigt, desinfiziert, betankt und rangiert - darunter die roten Doppeldecker in der Hauptstadt. Auch Wunderlich muss sich jetzt auf das Schlimmste vorbereiten: ein No-Deal-Szenario zum Jahreswechsel.

Unsicherheit - das ist Gift, gerade in diesen Zeiten. Der EU-Gipfel in der vergangenen Woche brachte jedenfalls keinen Durchbruch in den Brexit-Verhandlungen. Der Missmut ist auf beiden Seiten groß. Dennoch geht es weiter: Die Chefunterhändler aus London und Brüssel haben sich für diesen Montag zu einer Videokonferenz verabredet, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Die Zeit für eine Einigung wird knapp, denn zum Jahreswechsel endet die Übergangsphase, in der Großbritannien noch in Zollunion und Binnenmarkt der EU bleibt. Ohne Freihandelsabkommen würden vom 1. Januar an Zölle und Zollkontrollen eingeführt - auch zum Schaden für die deutsche Wirtschaft.

Die wirtschaftlichen Beziehungen sind eng. Im Jahr 2019 wurden Waren im Wert von fast 79 Milliarden Euro aus Deutschland in das Vereinigte Königreich exportiert. Nach Schätzungen des Deutschen Industrie und Handelskammertages (DIHK) hängen in Deutschland etwa 750 000 Arbeitsplätze davon ab. 2019 hatte der Warenhandel zwischen Großbritannien und der gesamten EU ein Volumen von 500 Milliarden Euro, und deutsche Firmen hatten daran einen besonders hohen Anteil. BMW baut auf der Insel unter anderem Fahrzeuge der Marken Mini und Rolls-Royce. Siemens Energy produziert Windkraftanlagen. Airbus lässt Tragflächen für seine Flugzeuge herstellen, die Discountketten Aldi und Lidl haben eine starke Präsenz in Großbritannien. Dazu kommt viele Mittelständler, die auch an Notfallplänen für einen ungeregelten Brexit arbeiten.

Mini von BMW

BMW produziert Fahrzeuge der Marke Mini in seinem Werk in Oxford.

(Foto: BMW/dpa)

Im Vergleich zu anderen deutschen Unternehmen, die in Großbritannien aktiv sind, ist man bei Sasse aber noch relativ entspannt. "Wir sind hier Dienstleister und beziehen kaum Waren aus der EU", sagt Wunderlich. Dennoch hatte er lange Zeit "Bauchschmerzen": Gut 25 Prozent seiner Mitarbeiter kommen aus Osteuropa, viele von ihnen haben noch immer Angst, dass sie Probleme mit ihrem Bleiberecht nach dem Brexit bekommen. Deshalb hat Wunderlich bereits angefangen, seine Reinigungskräfte aus Rumänien, Bulgarien und Polen dabei zu unterstützen, den für EU-Bürger nötigen Aufenthaltsstatus zu beantragen. Das Bleiberecht ist, anders als die künftigen Handelsbeziehungen zwischen der EU und Großbritannien, immerhin geregelt.

Wird kein Abkommen geschlossen, gelten für den Handel zwischen der EU und Großbritannien von 2021 an die Regeln der Welthandelsorganisation WTO. Es könnten auf viele Waren Zölle erhoben werden. Ob das dann auch wirklich so kommt, ist aber nicht sicher. Gabriel Felbermayr, Chef des Instituts für Weltwirtschaft (IfW), geht etwa davon aus, dass bei einem harten Brexit nur ausgewählte Branchen wie die Autoindustrie leiden würden, weil deren Produkte mit Einfuhrzöllen von zehn Prozent belegt werden. Bei vielen anderen Gütern könnte Premier Boris Johnson dagegen wohl auf Zölle verzichten und keine neuen Handelsbarrieren aufbauen. "Dann hätten wir den Brexit und keiner würde es merken, zumindest nicht bei den Exporten nach Großbritannien", sagte Felbermayr. Es gebe derzeit noch keine Infrastruktur für eine lückenlose Erhebung von Zöllen. Er ist auch deshalb nicht sehr optimistisch, dass es noch zu einem Abkommen kommen werde: "Die Zeit ist schon so weit fortgeschritten, dass es keine gute Einigung mehr geben kann." Sollten aber mittelfristig Zölle eingeführt werden, erwartet er, dass die deutschen Unternehmen Produktionskapazitäten auf der Insel aufbauen, um diese zu umgehen.

Nach einer Studie des Ifo-Instituts und des Forschungsnetzes Econ-Pol Europe wird der Brexit ohnehin die britischen Unternehmen am stärksten belasten. Der Grund: Die britische Wirtschaft importiert viele Zwischenprodukte aus der EU und hat zudem oft nur wenige Zulieferer, die Abhängigkeit sei hoch. Andererseits gebe es nur wenige Produkte, bei denen die EU derzeit von Lieferungen aus dem Vereinigten Königreich abhängig sei, diese könnten schnell durch Produzenten innerhalb der EU ersetzt werden. "Unsere Ergebnisse zeigen, wie wichtig es ist, ein Handelsabkommen zu erreichen, das die Unsicherheit in den Handelsbeziehungen verringert und damit die Kosten für die Beteiligten minimiert", sagt Lisandra Flach, Leiterin des Ifo-Zentrums für Außenwirtschaft.

Sasse-Manager Wunderlich tauscht sich regelmäßig mit seinem Chef Eberhard Sasse, der auch die Industrie- und Handelskammer (IHK) für München und Oberbayern führt, über den Stand der Dinge aus. Die Tochtergesellschaft in Großbritannien trägt etwa elf Prozent zum Gesamtumsatz des Unternehmens bei, gut 26 Millionen Pfund (umgerechnet etwa 28,7 Millionen Euro). Wegen der Corona-Krise rechnet Wunderlich in diesem Jahr mit einem Umsatzminus von etwa zwei Millionen Pfund. Der Hauptgrund dafür sind die Flughäfen, wo das Geschäft massiv eingebrochen ist: weniger Passagiere, weniger Umsatz. Andererseits ist die Nachfrage nach Reinigungsdienstleistungen in der Corona-Krise stark gestiegen. Oder wie Wunderlich sagt: "Reinigung ist jetzt überall das A und O." Er ist sich sicher, dass die Briten auch nach dem Brexit "German Quality" zu schätzen wissen.

© SZ
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