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Wohnungsmarkt:Eberswalde ging es nicht immer gut

Auf diese Zuzüge ist die Stadt dringend angewiesen. Zu DDR-Zeiten war Eberswalde ein wichtiges Industriezentrum, 52 000 Menschen lebten und arbeiteten dort. Es gab den Kranbau mit mehreren tausend Mitarbeitern, das größte Fleischkombinat Europas und die Chemische Fabrik. Nach der Wende erlebten die Eberswalder, was viele Ostdeutsche erlebten. "Die Treuhand hat hier die Betriebe plattgemacht, das kann man nicht anders sagen", sagt Boginski, der damals als Lehrer arbeitete. 15 000 Arbeitsplätze gingen verloren. Vor allem junge, gut ausgebildete Menschen zogen weg. Stattdessen sorgten zunehmend Auftritte von Neonazis für Schlagzeilen. 1990 erschlugen einige von ihnen den Angolaner Amadeu Antonio, Eberswalde wurde in den überregionalen Medien zum Sinnbild rechter Gewalt in Ostdeutschland.

"Das hat mich wie viele Eberswalder politisiert", sagt Boginski, der nach der Wende als Schulleiter eine Realschule aufbaute. Sie wollten die Stadt nicht Rechten überlassen. Eine besondere Rolle kam in diesen Jahren der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung (HNE) im Zentrum der Stadt zu, erzählt der Bürgermeister. Die wurde 1992 gegründet, "das Beste, was Eberswalde passieren konnte", sagt Boginski. Aus ihr heraus entstand ein Netzwerk für ein tolerantes Eberswalde, heute prägt die Studentenschaft - sehr öko, eher links - die Stadt. Der Ruf der Hochschule ist gut, die Studenten kommen sogar aus Ost- und Nordeuropa nach Brandenburg.

Trotzdem war die Stimmung noch lange nicht gut in Eberswalde. 15 Prozent der Wohnungen standen leer, als Boginski 2006 sein Amt antrat. Im Brandenburgischen Viertel im Westen der Stadt ließ die Verwaltung deshalb viele DDR-Plattenbauten abreißen. Noch heute beträgt der Leerstand zehn Prozent.

Die DDR-Plattenbauten sind unbeliebt

Wenn es also in Berlin zu wenige Wohnungen gibt und in Eberswalde zu viele - dann klingt das in der Tat nach dem perfekten Deal. Aber ganz so einfach ist es natürlich nicht. Denn junge Berliner Familien zieht es nicht in DDR-Plattenbauten, sondern in die Gründerzeithäuser im Stadtzentrum, in schicke Neubauten in Bahnhofsnähe oder in Häuser im Grünen.

"Wir haben daher in den vergangenen Jahren massiv in die Sanierung der Gründerzeithäuser investiert", sagt Boginski. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft hat noch 6000 Wohnungen in Besitz. Auch private Investoren haben Eberswalde entdeckt. "In hochwertigen Wohnungen können sie schon acht bis zehn Euro Miete abrufen." Das führt so weit, dass Eberswalde schon eine kleine Gentrifzierungsdebatte hat. Die Studenten, die bisher günstig in unsanierten Altbauten unweit der Hochschule lebten, fürchten, verdrängt zu werden. Boginski beteuert, dass es auch weiterhin Wohnungen mit einfacher Ausstattung für eine Miete von fünf bis sechs Euro pro Quadratmeter geben soll.

Für Berliner Verhältnisse sind das alles Spottpreise. Knapp zehn Euro beträgt dort inzwischen die durchschnittliche Angebotsmiete, sanierte Wohnungen in guter Lage liegen weit darüber. Ähnlich verhält es sich mit den Kaufpreisen. Ein Haus in Stadtnähe können junge Familien in Eberswalde für 170 000 bis 220 000 Euro bauen, schätzt Boginski. In Berlin liegt der Preis längst bei mehr als einer halben Million.

Dennoch braucht es natürlich mehr als billige Mieten und Häuser, damit sich junge Familien wohlfühlen. Kitaplätze zum Beispiel, gute Schulen. "Wir könnten noch viel mehr Baugebiete ausweisen, als wir es tun", sagt der Bürgermeister. "Aber wir müssen auch darauf achten, dass die Infrastruktur mitwächst."

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