Tarifkonflikt:Verhandlungen von GDL und Deutscher Bahn gescheitert 

Tarifkonflikt: Die GDL hatte auch im November, Dezember und Ende Januar gestreikt.

Die GDL hatte auch im November, Dezember und Ende Januar gestreikt.

(Foto: Bernd Thissen/picture alliance/dpa)

Reisende müssen sich auf neue Streiks im Fernverkehr einstellen. Größter Streitpunkt in der Tarifrunde sind kürzere Arbeitszeiten. Beide Seiten überziehen sich mit Vorwürfen.

Von Alexander Hagelüken

Während diese Woche überall in Deutschland im Nahverkehr Busse und Bahnen ausfallen, drohen nun auch im Fernverkehr der Deutschen Bahn neue, heftige Streiks. Die Lokführergewerkschaft GDL hat die Gespräche nach Angaben der Deutschen Bahn platzen lassen. Ursprünglich wollten beide Seiten bis Sonntag über einen Kompromiss in der Lohnrunde verhandeln.

Größter Streitpunkt in der GDL-Tarifrunde ist eine mögliche Arbeitszeitverkürzung. Gewerkschaftschef Claus Weselsky fordert, dass Schichtarbeiter künftig 35 statt 38 Stunden arbeiten sollen, ohne dabei auf Gehalt verzichten zu müssen. Dies soll Lokführer und andere Mitarbeiter entlasten und den Beruf attraktiver machen. Die Bahn hat zwar eine Verkürzung der Arbeitszeit angeboten, aber nicht in so starkem Umfang mit vollem Lohnausgleich. Nach ihren Angaben müsste sie bei einer Umsetzung der GDL-Forderung zehn Prozent mehr Leute einstellen. Diese bekomme sie wegen der Personalknappheit aber nicht, weshalb es dann zu Zugausfällen kommen werde.

"Wir waren bereit, Schritte bei der Arbeitszeitverkürzung zu gehen, die weit über unser letztes Angebot hinausgehen", sagte Bahn-Personalvorstand Martin Seiler. "Es ist unfassbar, dass die Lokführergewerkschaft trotzdem vom Tisch aufsteht und damit für die Kunden weitere Streiks drohen." Nach Angaben der Bahn beharrt die GDL dogmatisch auf einer 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich.

Montag will die GDL Details bekannt geben

Die Gewerkschaft hatte den Zugverkehr Ende Januar landesweit für fünf Tage lahmgelegt. Dies war bereits der vierte Streik seit Beginn der Tarifrunde im November, aber der längste - und einer der längsten Arbeitskämpfe der Lokführer in Deutschland überhaupt. Danach hatten beide Seiten geheime Verhandlungen vereinbart, die eigentlich bis zu diesem Wochenende gehen sollten und während derer sie sich nicht äußern wollten.

Nun machen sich beide Seiten schwere Vorwürfe. Die Gewerkschaft äußerte sich mit Hinweis auf die vereinbarte Schweigeperiode nicht zum Stand der Verhandlungen. Sie warf der Bahn aber vor, das Scheitern der Gespräche an die Bild-Zeitung durchgestochen zu haben, die zuerst berichtet hatte. "Wie allseits bekannt, gibt die GDL der Bild seit Jahren keinerlei Interviews oder Hintergrundinformationen", erklärte die Gewerkschaft, die dem Blatt tendenziöse Berichterstattung vorwirft.

Angesichts der gespannten Stimmung zwischen beiden Seiten sind neue Streiks wahrscheinlich. Wann diese Aktionen beginnen könnten, ist völlig unklar. Da die GDL für Montag eine Pressekonferenz ankündigt hat, auf der sie sich erstmals zum Stand der Verhandlungen äußern will, dürfte es bis dahin nicht zu Streikankündigungen kommen. Allerdings zeichnet sich die Gewerkschaft durch eine gewisse Unberechenbarkeit aus.

Die Bahn äußerte sich nicht zu den Vorwürfen, sondern nur zum Stand der Verhandlungen. Sie hatte zuletzt offiziell eine Lohnerhöhung von rund 13 Prozent angeboten, verteilt auf knapp drei Jahre, plus Inflationsprämie. Außerdem sollten Beschäftigte von 2026 an ihre Arbeitszeit von 38 auf 37 Stunden reduzieren können und dabei das Gleiche verdienen wie vorher. Lediglich auf die letzte Stufe der Lohnerhöhung sollten sie dabei verzichten müssen, sodass diese in ihrem Fall gut zehn Prozent betragen hätte.

In den geheimen Gesprächen ging die Bahn nach ihren Angaben "weit" über das letzte offizielle Angebot hinaus, wobei sie keine Einzelheiten nennt. Die GDL habe sich jedoch in den vergangenen vier Wochen keinen Millimeter bewegt. Dem Vernehmen nach fordert sie, die Arbeitszeit jedes Jahr um eine Stunde abzusenken, bis die 35 Stunden erreicht sind. Dabei soll es keine Lohneinbußen geben.

Die Bahn erklärte, ohne Kompromisse könne es keine Lösung geben. "Wir sind an die absolute Grenze dessen gegangen, was finanziell und personell möglich ist. Mehr lassen Demografie und Fachkräftemangel nicht zu, sonst bleiben Züge stehen." Allein in den kommenden zehn Jahren würden mehr als 60 Prozent der Belegschaft die Bahn alters- und fluktuationsbedingt verlassen. Ein Drittel des Zugpersonals in den Einzel-Betrieben, für die die GDL verhandelt, sei 55 Jahre und älter. "Der Arbeitsmarkt ist historisch eng, jeder neue Lokführer muss mühsam gefunden und aufwendig ausgebildet werden."

Auch die von beiden Seiten eingeschalteten Vermittler, der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther und der frühere Innenminister Thomas de Maizière (beide CDU), brachten keinen Kompromiss zustande. Beide hatten in früheren Tarifrunden von Bahngewerkschaften erfolgreich vermittelt. Nach dem Platzen der Verhandlungen stehen die Zeichen nun auf Streik. Die Ankündigung dazu könnte schon am Montag auf der Pressekonferenz der GDL kommen.

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