Lohnrunde:Bahn will Streiks an Weihnachten verhindern

Lohnrunde: Ein Lokführer steigt im Hauptbahnhof von Frankfurt am Main von seiner Lokomotive, um die Fahrtrichtung zu wechseln und den Führerstand am anderen Ende des Zuges zu benutzen.

Ein Lokführer steigt im Hauptbahnhof von Frankfurt am Main von seiner Lokomotive, um die Fahrtrichtung zu wechseln und den Führerstand am anderen Ende des Zuges zu benutzen.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

Ein ungewöhnlicher Vorstoß soll Reisenden in den nächsten Wochen Zugausfälle ersparen: Die Lokführer verzichten für eine Prämie auf Arbeitskampf. Doch die Gewerkschaft reagiert verärgert.

Von Alexander Hagelüken

Martin Seiler wirkt beschwörend, als er seinen Vorschlag macht. "Noch haben wir Zeit, noch können wir das regeln", sagt der Personalvorstand der Deutschen Bahn am Freitagmittag. Seiler möchte absehbare Streiks vermeiden, die die Gewerkschaft der Lokführer (GDL) bereits angedeutet hat. Den Zugreisenden drohen nach den großen Warnstreiks bei der ersten Tarifrunde der Gewerkschaft EVG in diesem Jahr neue, massive Ausfälle.

Die GDL stellt noch höhere Forderungen als ihr Gewerkschaftsrivale - unter anderem mindestens 555 Euro mehr Gehalt im Monat und eine 35-Stunden-Woche ohne Lohnabzüge. Dass es darüber bald zu Streiks kommt, will Bahn-Manager Seiler mit einem ungewöhnlichen Vorstoß verhindern. Statt der üblichen Verhandlungen sollen von Anfang an "erfahrene Konfliktberater" mit am Tisch sitzen. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit sollen Lösungen getestet werden, ohne dass dies bekannt wird. Das Ganze wäre eine Art Schlichtung, bei der die Gewerkschaft auf Streiks verzichten soll, bis voraussichtlich nach Weihnachten ein Lohndeal gelingt. Als Finanzbonbon sollen die Bahnbeschäftigten schon vorab 1500 Euro steuerfreie Inflationsprämie erhalten.

Doch Gewerkschaftschef Claus Weselsky räumte die Anti-Streik-Initiative am Freitag erst mal ab. Die Bahn habe in den vergangenen Wochen gar nicht verhandeln wollen. "Jetzt versucht Herr Seiler die Flucht nach vorne und will Verhandlungen in der Dunkelkammer stattfinden lassen", sagte Weselsky. Er sehe die Hinzuziehung von Dritten wie Konfliktberatern als eine Eskalationsstufe. Seiler lege durch seine Inaktivität in den vergangenen Monaten den Grundstein dafür, dass es zu einem Streit komme.

Dieses erste Scharmützel in den Tarifverhandlungen lässt für die Bahn-Reisenden nichts Gutes erwarten. Denn Personalvorstand Seiler spricht von überzogenen Forderungen der Gewerkschaft "gepaart mit unverhohlenen Streikankündigungen" - die nun rund um den Verhandlungsauftakt am 9. November in die Tat umgesetzt werden können.

"Derart unerfüllbare Forderungen kennen wir von keiner anderen Gewerkschaft."

Seilers Reaktion auf die finanziellen Vorstellungen der Gewerkschaft lässt erkennen, dass es äußerst schwierige Verhandlungen werden dürften. Der Manager rechnet vor, dass die GDL-Forderungen die Personalkosten für die betreffenden Beschäftigten um 50 Prozent steigern würden: "Derart unerfüllbare Forderungen kennen wir von keiner anderen Gewerkschaft."

Nun organisiere die GDL nur zehntausend Beschäftigte, neben Lokführern noch einige andere. Das sind nur fünf Prozent aller Bahn-Mitarbeiter, weshalb sich die Zusatzkosten in Grenzen halten. Aber der Konzern will diesen Mitarbeitern natürlich nicht viel mehr zahlen als den anderen Arbeitnehmern, zumal sich die Gewerkschaften GDL und EVG in einer scharfen Konkurrenz befinden. Für rund 200 000 Beschäftigte hat die Bahn mit der EVG mindestens 410 Euro mehr Lohn im Monat und eine Inflationsprämie von knapp 3000 Euro vereinbart.

Lokführer-Boss Weselsky fordert von Anfang an deutlich mehr, als die EVG dieses Jahr verlangt hat. Konzern-Personalvorstand Seiler sagte, er sei zu überdurchschnittlichen Lohnerhöhungen bereit. Er macht in dem Forderungskatalog jedoch mehrere Knackpunkte aus. Zum einen will Weselsky, dass die Arbeitszeit für Schichtarbeiter von 38 auf eine Vier-Tage-Woche von 35 Stunden reduziert wird. Und zwar, ohne dass Mitarbeiter einen Euro Gehalt verlieren. "Das führt zu erheblichen Kosten", sagt Seiler. "Wir müssten Tausende Beschäftigte neu einstellen."

Ein weiterer Knackpunkt sei, dass die GDL Mitarbeiter der Infrastruktur organisieren wolle, für die es schon Tarifverträge mit der EVG gebe. Außerdem verlange sie unzulässigerweise von der Bahn, ein geltendes Gesetz nicht anzuwenden: dass nämlich in einer Einzelfirma des Konzerns nur der Tarifabschluss jener Gewerkschaft gilt, die dort mehr Mitglieder hat. Dieser Vorstoß soll der GDL mehr Einfluss geben.

Zur SZ-Startseite
Verdi-Mitglieder demonstrieren in Berlin vor dem Beginn der Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst

SZ PlusBezahlung
:"Beschäftigte wollen den Kühlschrank voll und die Wohnung warm"

Showdown im öffentlichen Dienst: Verdi verlangt für Polizistinnen, Lehrer und Pfleger über zehn Prozent mehr Gehalt. Wegen der Inflation sind die Verhandlungen mit den Bundesländern schwierig.

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: