Appell der Rückversicherer:Autoversicherung soll teurer werden

Lesezeit: 3 min

Appell der Rückversicherer: Autounfälle gab es in Pandemie-Zeiten deutlich weniger.

Autounfälle gab es in Pandemie-Zeiten deutlich weniger.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

2020 und 2021 haben die Autoversicherer gut verdient, weil es weniger Unfälle gab. Jetzt ziehen die Schadenzahlen wieder an. Die Branche müsse die Preise deutlich erhöhen, wenn sie Verluste vermeiden will, warnen Rückversicherer.

Von Patrick Hagen und Friederike Krieger, Baden-Baden

Autofahrer müssen sich für 2023 auf kräftige Preiserhöhungen bei ihren Kfz-Policen einstellen. Nach Ansicht des zur Hannover Rück gehörenden Rückversicherers E+S Rück müssen die Prämien um mindestens zehn Prozent steigen, wenn die Versicherer das kommende Jahr nicht tief in den roten Zahlen beenden wollen.

Für die Verbraucher heißt das: Sie müssen Preise vergleichen, denn nicht alle Anbieter erhöhen gleich kräftig. Gerade für Autofahrer, die schon mehrere Jahre bei einem Anbieter sind, lohnt sich oft ein Wechsel. Denn die meisten Versicherer bieten Neukunden deutlich günstigere Preise an als ihren Bestandskunden. Wer einem Versicherer treu bleibt, wird dafür in der Regel bestraft. Gerade junge Fahrer werden auch über Telematik-Tarife nachdenken, glauben die Versicherer.

"Wir erwarten deutliche Tariferhöhungen in der Kfz-Haftpflicht- und Kaskoversicherung", sagte Bereichsleiter Stefan Schmuttermair beim Rückversicherertreffen in Baden-Baden. Die E+S sichert 60 Prozent bis 70 Prozent des Kfz-Versicherungsmarktes in Deutschland gegen Großschäden ab und kennt sich sehr gut aus.

In den Corona-Jahren 2020 und 2021 hatten die Kfz-Versicherer mit rund 2,8 Milliarden Euro beziehungsweise 1,5 Milliarden Euro gute Ergebnisse eingefahren - auch weil die Deutschen überwiegend zu Hause arbeiteten, weniger Auto fuhren und weniger Unfälle verursachten. Jetzt zieht die Schadenfrequenz wieder an. Hinzu kommt die Inflation, die vor allem Ersatzteile stark verteuert hat.

Zwar hatten die Kfz-Versicherer in den vergangenen Jahren schon die Tarifbeiträge im Durchschnitt leicht erhöht. Doch nach Anpassungen von Typen- und Regionalklassen und der Anrechnung von Schadenfreiheitsrabatten blieb davon nichts mehr übrig. Im Gegenteil: Die Durchschnittsbeiträge sinken seit Jahren.

Wenn die Kfz-Versicherer so weitermachen wie bisher, wird das kein gutes Ende nehmen, warnten die E+S-Manager. Für das laufende Jahr rechnet der Rückversicherer mit einem Minus von 200 Millionen Euro für alle Kfz-Versicherer.

Der Wettbewerbsdruck in der Sparte ist groß

Ohne Preiserhöhungen wird sich der Verlust 2023 auf 2 Milliarden Euro auswachsen. Um das zu verhindern und bei einer schwarzen Null zu enden, wäre zum Jahreswechsel eine Erhöhung der Preise um mindestens zehn Prozent vonnöten, rechnen sie vor. "Wir appellieren an alle Anbieter, die Marktdisziplin zu wahren, um einen Verlust zu vermeiden", sagte Schmuttermair. Es sei aber unklar, ob dem wirklich alle Gesellschaften folgen. "Alle Kfz-Versicherer werden Preiserhöhungen vornehmen, es ist nur die Frage, wie stark", sagte er. Denn der Wettbewerbsdruck in der Sparte ist groß. So bemüht sich die Allianz schon seit Jahren erfolglos, zum Marktführer HUK-Coburg aufzuschließen. Auch andere wollen Marktanteile gewinnen.

Stark steigende Preise in der Autoversicherung könnten Telematiktarife wieder attraktiv machen, erwartet E+S-Chef Michael Pickel. Bei diesen Verträgen lassen Autofahrer ihren Fahrstil vom Versicherer überwachen. Fahren sie risikoarm, gewährt der Versicherer einen Rabatt auf die Prämie. Zurzeit fristen die Verträge noch ein Nischendasein in Deutschland: E+S-Experte Schmuttermair schätzt, dass sie unter fünf Prozent des Marktes ausmachen. Er sieht hier für die Zukunft allerdings deutlich mehr Potenzial. "Mittelfristig trauen wir Telematik-Verträgen einen Marktanteil von etwas mehr als zehn Prozent zu."

Telematik-Lösungen sind für die Versicherer ein wichtiges Thema. Es geht dabei um den Umgang mit großen Mengen von Daten und darum, wie sie in Zukunft ihre Tarife berechnen. "Wir gehen davon aus, dass Daten dabei in Zukunft wichtiger sein werden als bislang", sagt Schmuttermair. Die Daten aus den Telematikverträgen können dabei helfen, besser zu verstehen, wie Schäden entstehen und wie sie sich vermeiden lassen.

Nach einer kurzen Phase, in der einige Versicherer wie HUK-Coburg und Allianz die Verträge sehr aktiv beworben haben, ist es zuletzt still geworden um die Telematik. "Wir sehen aktuell etwas Zurückhaltung im Markt", sagte Schmuttermair. Er vermutet, dass einige Versicherer inzwischen genug dieser Policen im Bestand haben, um Schlüsse aus den Daten zu ziehen, und sie den Verkauf erst einmal nicht weiter fördern. Telematikverträge müssen mit einigem Aufwand an den Kunden gebracht werden, von alleine verkaufen sie sich kaum.

Aber eine scharfe Preiswende bei den traditionellen Kfz-Policen könnte die Verträge wieder attraktiver machen. Die E+S Rück ist darauf vorbereitet und hat eine Lösung entwickelt für Versicherer, die den Aufwand für die komplexe Telematik-Struktur scheuen, und die Dienstleistung lieber beim Rückversicherer einkaufen.

Ein Hauptthema bei dem Treffen in Baden-Baden ist die stark gestiegene Inflation. Erstversicherer wie Signal-Iduna oder R+V, die Geschäfte mit Endkunden machen, verhandeln hier mit ihren Rückversicherern über die Preise und Bedingungen für den Schutz vor Großrisiken im Jahr 2023. Die Inflation und hohe Naturkatastrophenschäden, zuletzt durch Hurrikan "Ian" in Florida, haben global die Preisforderungen der Rückversicherer stark nach oben getrieben. Auch die E+S Rück hält höhere Preise für nötig - nicht nur in der Autoversicherung.

Am stärksten dürften die Preise in der Sachversicherung steigen, darunter für Wohn- oder Industriegebäude. Durch die explodierenden Baukosten wird ein Wiederaufbau von Gebäuden nach einem Brand deutlich teurer, das mache spürbare Preiserhöhungen nötig, sagte E+S-Experte Jonas Krotzek. In der Haftpflichtversicherung spüren die Versicherer und Rückversicherer die Folgen der Inflation noch nicht direkt, sondern erst mit Verzögerung. Auswirkungen gibt es aber auch hier. So werden Personenschäden deutlich teurer.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusFuturist Peter Schwartz
:"Putin hat sich massiv verschätzt"

Peter Schwartz sagte einst den Zusammenbruch der Sowjetunion voraus. Derzeit sind die Einschätzungen des Zukunftsforschers zum Angriffskrieg Russlands ebenso gefragt wie die zu Virtual Reality oder Kryptowährungen.

Lesen Sie mehr zum Thema