USA:Abtreibung auf Firmenkosten

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USA: In vielen Städten in den USA gehen Menschen auf die Straße, um für ein Recht auf freie Entscheidung über den eigenen Körper zu protestieren.

In vielen Städten in den USA gehen Menschen auf die Straße, um für ein Recht auf freie Entscheidung über den eigenen Körper zu protestieren.

(Foto: MIKE SEGAR/REUTERS)

In den USA könnte das Recht auf Abtreibung kippen. Unternehmen wie Amazon wollen ihren Mitarbeiterinnen nun helfen, doch zu einem Schwangerschaftsabbruch zu kommen. Aus der Politik gibt es Widerstand.

Von Kathrin Werner

Amazon-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter in den USA dürfen zwar keine Betriebsräte gründen. Und auch an Covid sollten sie besser nicht erkranken, denn da hat der Konzern gerade die bezahlten Krankentage gestrichen. Doch einen neuen Mitarbeitervorteil bekommen sie ab sofort: Schwangerschaftsabbrüche auf Firmenkosten.

Der Onlinehändler will seinen Angestellten in den USA künftig die Reisekosten erstatten, wenn sie ihre Abtreibung nicht in einem Umkreis von 100 Meilen um ihren Wohnort herum durchführen lassen können. Die betriebliche Krankenversicherung erstattet bis zu 4000 Dollar für Reise und Unterkunft. Die Änderung ist offenbar eine Reaktion auf die drohende Einschränkung des Zugangs zu Schwangerschaftsabbrüchen in vielen US-Bundesstaaten.

Der Oberste Gerichtshof der USA soll bis Ende Juni über einen Fall entscheiden, bei dem es um das Grundsatzurteil Roe vs. Wade aus dem Jahr 1973 geht, das Schwangerschaftsabbrüche landesweit legalisierte. Nach einer bereits vorab durchgestochenen Meinung eines Richters sieht es so aus, als würde der Supreme Court dieses Recht kippen. Die Mehrheit der Amerikaner befürwortet das Recht auf Abtreibung, konservative Politiker könnten sich trotzdem durchsetzen.

Wenn Roe vs. Wade nicht mehr gilt, fallen Regeln über den Zugang zu Abtreibungen unter das Recht der jeweiligen Bundesstaaten. 26 von ihnen planen derzeit, Abtreibungen weitgehend zu verbieten, wenn sie das Recht dazu bekommen. Frauen, die in einem dieser Staaten leben und eine Schwangerschaft abbrechen wollen, müssten dann in einen abtreibungsfreundlichen Staat reisen. Das kostet Zeit und Geld - beides etwas, das besonders ärmere Frauen nicht haben.

US-Unternehmen wollen ihren Mitarbeiterinnen deshalb zur Seite springen - was sich schon deshalb lohnt, weil die meisten Frauen, die eine Abtreibung wünschen, sich von Abtreibungsverboten nicht aufhalten lassen und dann oft auf illegale und gefährlichere Methoden und Anbieter ausweichen, wenn sie die Reisekosten nicht aufbringen können. Dann fallen sie vielleicht krank aus, was nicht im Interesse der Arbeitgeber ist - genauso wie ungewollte Kinder. Außerdem gibt es in den USA gerade eine große Kündigungswelle und viele Arbeitgeber überlegen sich sogenannte Benefits, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu halten und neue zu gewinnen - Abtreibung auf Firmenkosten ist nur einer davon.

Republikaner Rubio nennt US-Konzerne "ein Instrument anti-amerikanischer Ideologien"

Amazon ist nicht das erste Unternehmen, das die Reisekosten für Schwangerschaftsabbrüche übernimmt. Die Bank Citigroup hat eine entsprechende neue Regel bereits im März angekündigt. Apple-Chef Tim Cook hat im September verkündet, dass die Krankenversicherung des Unternehmens die Kosten für Mitarbeiterinnen in Texas übernimmt, die von dem "Texas Heartbeat Act" betroffen sind, der Abtreibungen nach sechs Wochen verbietet. Auch die IT-Firmen HP Enterprise und Salesforce, die Bewertungsseite Yelp, die Datingplattform Match, zu der Tinder gehört, und die Klamottenfirma Levi's haben ähnliche Regeln. Die Fahrdienstanbieter Uber und Lyft wollen Fahrten für Kundinnen anbieten, die für eine Abtreibung in einen anderen Bundesstaat wollen und haben sich verpflichtet, Anwaltskosten von Fahrern zu übernehmen, die für den Transport einer Kundin zu einer Abtreibungsklinik außerhalb des Bundesstaates verurteilt werden.

USA: Diese Demonstranten vor dem Supreme Court sind für ein Recht auf Abtreibungen.

Diese Demonstranten vor dem Supreme Court sind für ein Recht auf Abtreibungen.

(Foto: JIM WATSON/AFP)

Widerstand gegen die Abtreibungs-Unterstützung der Arbeitgeber gibt es bereits. Der texanische Abgeordnete Briscoe Cain will Städten und Gemeinden Geschäfte mit Citigroup verbieten. Und der republikanische Politiker Marco Rubio aus Florida will ein Gesetz voranbringen, dass es Unternehmen verbietet, die Kosten für die Abtreibungsunterstützung von der Steuer abzusetzen. "Unser Steuerrecht sollte familienfreundlich sein und eine Kultur des Lebens fördern", sagte Rubio. "Stattdessen finden unsere Unternehmen zu oft Schlupflöcher, um die Ermordung ungeborener Babys oder schreckliche ,medizinische' Behandlungen an Kindern zu subventionieren. Mein Gesetzentwurf würde dafür sorgen, dass dies nicht passiert." Rubio war einst der Lieblingskandidat der amerikanischen Unternehmenswelt und sammelte viele Spenden ein. Die alte Liebe ist allerdings abgekühlt. Zuletzt nannte Rubio Corporate America "ein Instrument anti-amerikanischer Ideologien".

Auch die Politik rund um Schwangerschaftsabbrüche der Unternehmen selbst ist nicht ohne Widersprüche. 13 amerikanische Unternehmen, darunter Amazon, Citi, Walmart, Google und Coca-Cola, haben nach Informationen der linken Nachrichtenwebsite Popular Information zusammen 15,2 Millionen Dollar an politische Komitees wie das National Republican Senatorial Committee gespendet, die gegen die Abtreibung sind. Um sich Freunde auf allen Seiten des politischen Spektrums zu machen, spenden die meisten US-Unternehmen sowohl an demokratische als auch an republikanische Politiker und Initiativen.

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