Frauen in Führungspositionen:Deutschland ist abgehängt

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Frauen in Führungspositionen: Mehr als die Hälfte der 160 an der Frankfurter Börse notierten Unternehmen hat noch immer keine einzige Frau im Vorstand.

Mehr als die Hälfte der 160 an der Frankfurter Börse notierten Unternehmen hat noch immer keine einzige Frau im Vorstand.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Mehr als die Hälfte der deutschen Börsenunternehmen hat noch immer keine einzige Frau im Vorstand. Je länger sie warten, desto schwieriger wird es - denn Frauen ziehen Frauen an.

Von Kathrin Werner

Diese Zahlen kann man auf die eine oder die andere Art und Weise betrachten. Positiv könnte man sagen: Die Konkurrenz um Vorständinnen nimmt zu, besonders die großen Unternehmen geben sich Mühe und nehmen sogar Geld in die Hand, um Topmanagerinnen von außen anzuwerben oder im eigenen Unternehmen bis auf die höchsten Posten zu befördern.

Jeder fünfte Vorstandsposten im Dax ist heute mit einer Frau besetzt, wie die deutsch-schwedische Allbright-Stiftung gezählt hat, die sich auf die Förderung von Frauen in Vorstandsposten spezialisiert. Erstmals gibt es Börsenunternehmen, in denen die Macht gleichmäßig zwischen Männern und Frauen verteilt ist.

Negativ dagegen könnte man sagen: Mehr als die Hälfte der 160 größten an der Frankfurter Börse notierten Unternehmen hat noch immer keine einzige Frau im Vorstand. Auch sie wollen ihre Produkte an Frauen verkaufen, halten es aber nicht für notwendig, sie ins oberste Management zu holen. Der Frauenanteil in den 160 Vorständen konnte im vergangenen Jahr nur einen mickrigen Zuwachs um 0,8 Prozentpunkte verzeichnen, er lag am 1. September 2022 bei 14,2 Prozent. Noch immer sind also mehr als 85 Prozent der Vorstandsmitglieder: Männer.

Wer jetzt schon hinterherhängt, droht den Anschluss komplett zu verlieren, warnt Wiebke Ankersen, die Geschäftsführerin der Allbright-Stiftung. "Frauen gehen am liebsten dahin, wo schon andere Frauen sind. Da ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie Teams vorfinden, die in diverser Zusammenarbeit geübt sind, einfach viel höher." In einem sehr homogenen Vorstandsteam unter bis zu sechs oder sieben Männern die einzige Frau zu sein, sei eine Anstrengung, die man sich gerne erspart, wenn es geht. "Und es geht eben heute, weil es immer mehr Alternativen dazu gibt."

Um Namen zu nennen: Es ist einfacher, als Frau in den Vorstand von Fresenius Medical Care berufen zu werden, der sich schon jetzt aus drei Frauen und drei Männern zusammensetzt und von einer Frau geführt wird, als bei Hello Fresh oder Munich Re, wo man allein unter Schlipsträgern wäre. 62 der 99 deutschen Vorständinnen sind in ihrem Vorstandsteam die einzige Frau.

"Die meisten Managerinnen wollen einfach gute Arbeit leisten"

Am mangelnden Willen läge es bei den deutschen Börsenkonzernen gemeinhin nicht, sagt Ankersen. "Die meisten Unternehmen wollen ja inzwischen Frauen im Vorstand. Wenn die erste Frau dann da ist, sind sie trotzdem oft überrascht, dass das tatsächlich eine Veränderung bedeutet." Die deutschen Vorstände sind sehr homogen, sehr männlich und auch bei Alter, Herkunft und Ausbildung sehr einheitlich. Meist haben sie BWL an einer der zwei großen Eliteunis studiert und kennen einander schon über Ecken. "Die verstehen sich ohne viele Worte, weil sie alle sehr ähnlich sozialisiert sind", sagt Ankersen. "Frauen sind anders sozialisiert und verhalten sich oft auch anders." Das sei einerseits der Kern der Diversitätsbemühungen. Denn es gehe dabei ja nicht nur um Gerechtigkeit, sondern in erster Linie um Ergebnisse: Gemischte Teams arbeiten besser, weil sie anders und kontroverser miteinander diskutieren und Althergebrachtes eher hinterfragen, wie zum Beispiel eine groß angelegte Studie der Unternehmensberatung McKinsey belegt.

Doch das ist eben auch anstrengend, sagt Ankersen. "Je mehr Teams an Zusammenarbeit mit Frauen gewöhnt sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen dort einfach Managerinnen sein können und nicht ständig Pionierarbeit leisten müssen."

30 Prozent gelte als die magische Grenze: Wenn die unterrepräsentierte Gruppe in einem Team diesen Anteil erreicht, ändert sich die Teamkultur und die Personen repräsentieren dann nicht ständig ihre Gruppe, sondern dürfen Individuen sein. "Die meisten Managerinnen wollen einfach gute Arbeit leisten und sich nicht ständig noch zusätzlich mit den männlich geprägten Strukturen beschäftigen müssen."

Deshalb dürfte es den drei großen Dax-Unternehmen, die erstmals im September 2022 ein ausgewogenes Verhältnis von Männern und Frauen im Vorstand hatten, also Continental, Fresenius Medical Care und Siemens Healthineers, leichter fallen, neue Managerinnen anzuwerben. Für ausgewogen hält die Allbright-Stiftung einen Frauenanteil von mindestens 40 Prozent. Von diesem sind drei weitere deutsche Konzerne nur wenig entfernt: Beiersdorf, Deutsche Telekom und Mercedes-Benz.

Die Mehrzahl der neu berufenen Vorständinnen wählten Dax-Unternehmen. Den kleinen und mittleren Unternehmen an der Börse gelingt es dagegen nicht so gut wie den Dax-Unternehmen, Frauen für ihr Topmanagement zu gewinnen. Bei den MDax- und SDax-Unternehmen ist nur jeder zehnte Vorstand eine Frau. 74 von 81 Unternehmen ohne Frauen im Vorstand sind in MDax und SDax notiert. Allerdings ist eine Verbesserung absehbar: Die MDax- und SDax-Unternehmen haben die Berufung von insgesamt 14 neuen Vorständinnen bis Ende Januar 2023 angekündigt.

Wie hart die Konkurrenz um Topmanagerinnen ist, zeigt sich auch an den Gehältern. So bekamen laut einer Analyse der Technischen Universität München und der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) die weiblichen Vorstandsmitglieder im vergangenen Jahr mit durchschnittlich 3,6 Millionen Euro sogar etwas mehr als ihre männlichen Kollegen mit 3,5 Millionen - Vorstandsvorsitzende nicht eingerechnet. Zählt man die Chefs mit, liegen die Männer vorn. Auch der Topverdiener in den deutschen Börsenunternehmen ist ein Mann: 19,4 Millionen Euro bekam Steve Angel, der Linde-Chef, im Jahr 2021.

Noch eine weitere Studie passt ins Bild: Frauen in Führungspositionen verlassen ihre Unternehmen so häufig wie nie zuvor - und deutlich häufiger als Männer. Das geht aus dem Bericht "Women in the Workplace" von McKinsey und der Managerinnen-Organisation Lean In hervor, für den 22 000 Frauen und 18 000 Männer befragt wurden. Für Frauen werde immer wichtiger, in Unternehmen zu arbeiten, die Karriereförderung, Flexibilität, Wohlbefinden der Mitarbeiter sowie Vielfalt, Gleichberechtigung und Diversität in den Vordergrund stellen. Wenn das nicht so ist, gehen sie - und noch öfter, wenn sie jünger als 30 Jahre alt sind. "Um es klar zu sagen: Frauen sagen nicht, dass sie nicht arbeiten wollen", sagt Lareina Yee von McKinsey beim Fernsehsender CNBC. "Sie trennen sich von Unternehmen, weil sie zuversichtlich sind, dass sie auch woanders eine Aufstiegschance bekommen. So etwas haben wir bisher noch nicht gesehen haben."

International ist Deutschland abgehängt

Wenn man die 40 größten Börsenunternehmen der Länder miteinander vergleicht, in Deutschland sind dies also die Dax-Konzerne, liegen weiterhin die USA deutlich vorn, dort sind 31 Prozent der Posten von Frauen besetzt. Es folgen Großbritannien mit 27,9 Prozent und Schweden mit 26,5 Prozent. Mit einem Anteil von 20,2 Prozent hinkt Deutschland deutlich hinterher, schlechter stand am 1. September 2022 nur Polen da mit 16,1 Prozent.

Sieben Dax-Konzernen ist es noch immer nicht gelungen, auch nur eine einzige Frau in den Vorstand zu holen: Hello Fresh, Linde, MTU, Munich Re, Porsche Automobil Holding, Sartorius und Symrise. Die Möglichkeit aufzuholen haben die großen deutschen Unternehmen allerdings: In jedem Jahr werden rund 100 Vorstandsposten in den 160 Börsenunternehmen neu besetzt. Mit dem durchschnittlichen Veränderungstempo der vergangenen fünf Jahre würde es allerdings noch 26 Jahre dauern, bis ein Frauenanteil von 50 Prozent in den 160 Vorständen der Börsenunternehmen erreicht wäre.

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