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Schönheit:Essen als Bedrohung

Einer Studie der Uni Köln zufolge setzen sich bereits präpubertäre Kinder intensiv mit ihrer Figur und ihrem Gewicht auseinander, jeder vierte Erwachsene zwischen 18 und 39 Jahren hat schon mehrfach Diäten versucht. Der Kampf ist eröffnet - es ist ein Kampf gegen sich selbst. Schlimmster Feind: Kalorien. Doch statt die Ernährung langfristig umzustellen und einfach weniger zu essen, mehr Sport zu machen, Schokolade und Chips zu meiden, werden aufwändigste Ernährungspläne fraglos übernommen. Der eigenen Kompetenz scheint hier niemand mehr zu trauen, seinem Gefühl erst recht nicht. Wikinger, Paleo, No Carb, Low Carb, Clean Eating, Metabolic Balance - drunter machen wir es nicht. Nie gab es so viele Ernährungsratgeber. Und zugleich so viele Übergewichtige.

Wie ich euch sehe "Richtig: Wir Veganer machen ein Riesen-Bohei um unser Essen"
"Wie ich euch sehe" - Veganer

"Richtig: Wir Veganer machen ein Riesen-Bohei um unser Essen"

Sascha W. muss oft erklären, warum er veganen Aufstrich isst und niemals Mettwürstchen. Was er sich von Fleischessern wünscht, erklärt er in einer neuen Folge von "Wie ich euch sehe".   Von Oliver Klasen

Dabei seien 95 von 100 Büchern Unsinn, sagt Joachim Westenhöfer, Ernährungspsychologe und Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Da werde ein Prinzip wie zum Beispiel "keine Kohlenhydrate" oder "nur Fleisch" hervorgehoben und als ausschließliche Ernährungsweise empfohlen. Der Erfolg kommt zwar schnell, gerade beim Verzicht auf Kohlenhydrate. Doch er bleibt nur kurz.

Wissenschaftler beobachten, dass sich der urbane Mensch mehr denn je über sein Essverhalten definiert. Nicht nur aus Gründen der Nachhaltigkeit und Gesundheit. Sondern weil die Entscheidung, was wir essen - und vor allem, was nicht - ein Gefühl der Zugehörigkeit vermittelt. "Essen bekommt zunehmend eine soziale Funktion" sagt Ernährungsexperte Ellrott. Was früher Familie und Religion boten, bietet heute ein bestimmter Ernährungsstil. Natürlich könne man auch der Freiwilligen Feuerwehr beitreten oder einem Sportverein. "Aber Essen eignet sich in digitalen Lebenswelten weit besser, weil man mehrmals täglich coole Essensbilder und Videos als digitale Trophäen in soziale Netzwerke versenden kann."

Die Normen, an denen sich der Mensch in seinem Umfeld orientiert, gelten auch für die Einstellung zum Essen, sagt Ernährungspsychologe Westenhöfer. "Wird man nur oft genug konfrontiert mit Diäten, macht man das mit - ohne kritisch zu hinterfragen, ob es sinnvoll ist". Durch diesen Einfluss werde das Selbstvertrauen in die eigene Körperwahrnehmung beeinträchtigt. Gerade in Großstädten manifestiert sich ein Essverhalten, das geprägt ist von Verboten und Verzicht. Viele Menschen seien aufgrund von Lebensmittelskandalen verunsichert und empfänden Essen zunehmend als Bedrohung. Statt sich zu fragen "Worauf habe ich Appetit?" geht es also vor allem um die Frage "Was schadet mir am wenigsten?" Dann sei die einfachste Lösung, vermeintlich schädliche Nahrungsmittel wie Fleisch oder alles, was Gluten oder Lactose enthält, einfach wegzulassen.

Entsprechend rapide nehmen gefühlte Allergien und eingebildete Unverträglichkeiten zu. Ärzte wissen, dass die meisten Menschen, die glutenfreie Lebensmittel einfordern, sie nicht brauchen. An Zöliakie, also der Unverträglichkeit von Gluten, das in Weizen und anderem Getreide vorhanden ist, leiden in Deutschland nur 0,9 Prozent. Ernährungsstudien zufolge vertragen die meisten Menschen in Deutschland auch Lactose sehr gut: Nach einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) haben etwa 80 Prozent der Konsumenten lactosefreier Produkte gar keine Milchzuckerunverträglichkeit. Dennoch hat sich der Anteil der Menschen, die angeben, Lactose nicht zu vertragen, in den vergangenen drei Jahren verdoppelt. Der Grund, so vermuten Experten: die erhöhte mediale Aufmerksamkeit.

Das Internet und seine Meinungsführer sagen uns also nicht nur, dass wir zu dick sind, wenn sich unsere Schenkel berühren. Sondern auch, dass Milchzucker böse ist. Leider vergessen die meisten, das zu überprüfen - und den gesunden Menschenverstand dazu zu benutzen. So wie die Frau, die mittags einen Salat isst, nach dem Essen gern noch einen Latte macchiato zu sich nimmt - und sich dann wundert, wenn das gärende Gemisch den Bauch bläht. Besorgtes Hineinhorchen, dann die Diagnose: Lactoseintoleranz, kein Zweifel. Höchste Zeit für die nächste Ernährungsumstellung.

Wir müssen wieder lernen, uns selbst zu vertrauen. Solange wir unser Selbstbild von Fitness-Trackern, -Gurus und -Influencern abhängig machen, haben wir weitaus mehr zu verlieren als ein paar Kilos: unseren gesunden Menschenverstand.

Ernährung Die essgestörte Gesellschaft

Foodamentalismus

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