Lebensmittelallergie Allergisch auf Nüsse, Beeren, was auch immer? Von wegen!

Verschiedene Lebensmittel, auf die Menschen allergisch reagieren können. Können.

(Foto: Jessica Ruscello/Unsplash.com)
  • Allergologen aus Harvard zeigen in einer Studie, dass nur etwa vier Prozent der Bevölkerung von einer Lebensmittelallergie betroffen sind. Die Auswertung basiert auf 2,7 Millionen Patientenakten.
  • In Erhebungen jedoch geben zwischen 20 und 30 Prozent der Bevölkerung an, unter Lebensmittelallergien zu leiden.
  • Streng unterschieden werden muss zwischen Allergien und Unverträglichkeiten.
Von Werner Bartens

Entspannt zu essen, gleicht manchmal einem Hindernisparcours. Einer ist allergisch auf Nüsse, die andere vermutet Sellerie in der Suppe, den sie nicht verträgt. Ist jenes Restaurant also geeignet und auf welche Empfindlichkeiten müssen Gastgeber achten, wenn sie bewirten? In Erhebungen geben zwischen 20 und 30 Prozent der Bevölkerung an, unter Lebensmittelallergien zu leiden. Ärzte ahnen, dass diese Zahlen deutlich zu hoch gegriffen sind.

Jetzt haben Allergologen aus Harvard versucht, das Ausmaß von Nahrungsmittelallergien zu bestimmen. Im Journal of Allergy and Clinical Immunology zeigen sie, dass der Anteil der Menschen mit Allergien auf Speisen 3,6 Prozent beträgt. Die Ärzte hatten elektronische Krankenakten von mehr als 2,7 Millionen Patienten ausgewertet.

Vorteil Daumenlutschen

Trost für alle Eltern: Kinder, die häufig die Finger in den Mund stecken, entwickeln offenbar seltener Allergien. Von Berit Uhlmann mehr ...

"Berichte aus jüngster Zeit lassen vermuten, dass Lebensmittelallergien im vergangenen Jahrzehnt zugenommen haben, doch viele Untersuchungen basieren auf subjektiven Angaben", sagt Li Zhou von der Universität Harvard. "Krankenakten bieten hingegen einen Schatz an Informationen und helfen zu verstehen, wie häufig Allergien tatsächlich sind und um welche Lebensmittel es geht." Da die Patienten aus diversen Kliniken im Großraum Boston stammten, halten die Ärzte die Daten für repräsentativ und vermuten, dass knapp vier Prozent der Bevölkerung eine Lebensmittelallergie haben.

Das Ärzteteam erhob die Häufigkeit von Allergien, Intoleranzen, Unverträglichkeiten und sogar Abneigungen gegenüber Speisen. Eine Allergie geht mit immunologischen Reaktionen einher, der Körper reagiert überschießend auf Substanzen, die eigentlich harmlos sind, und bildet Antikörper - meist vom Typ IgE - gegen die vermeintliche Gefahrenquelle. Quaddeln auf der Haut, Jucken und Schleimhautschwellungen können die Folge sein.

"Das Problem der Lebensmittelallergie wird sicher eher über- als unterschätzt"

Unverträglichkeiten provozieren hingegen keine Reaktion des Abwehrsystems; bestimmte Lebensmittel lösen Bauchweh oder Unwohlsein aus. In der aktuellen Studie waren die häufigsten Allergieauslöser Meeresfrüchte mit 0,9 Prozent gefolgt von Obst und Gemüse (0,7 Prozent), Milchprodukten und Erdnüssen (jeweils 0,5 Prozent). Frauen litten häufiger als Männer unter Allergien.

Der Deutsche Allergie- und Asthmabund schätzt, dass sieben Prozent der Bevölkerung an einer behandlungsbedürftigen Lebensmittelallergie leiden. In der Studie der Harvard-Mediziner wird eine einschlägige Veröffentlichung aus dem Jahr 2014 zitiert, wonach fünf Prozent der Erwachsenen und acht Prozent der Kinder allergisch auf manche Nahrungsmittel reagieren. Doch Grundlage für diese Behauptung sind oft subjektive Angaben und Studien mit einer zu kleinen oder einseitigen Auswahl an Probanden.

"Das Problem der Lebensmittelallergie wird sicher eher über- als unterschätzt", sagt die Ernährungsexpertin Sibylle Koletzko vom Haunerschen Kinderspital der Uni München. "Die Diagnose ist schwierig, auch die IgE-Tests sind nicht beweisend." Der tatsächliche Anteil der Essens-Allergiker sei deshalb kaum anzugeben, "es gibt Übertreibungen und Unterdiagnosen, aber jene, die nichts angeben, könnten auch etwas haben, was sich bei ihnen in Magendarmproblemen äußert und darin, dass diese Menschen instinktiv bestimmte Speisen meiden."

Dennoch sollte nicht bei jeder Unpässlichkeit gleich ein Lebensmittel in Verdacht geraten. So wissen Ärzte, dass die meisten Menschen, die glutenfreie Lebensmittel einfordern - Umfragen zufolge bis zu zehn Prozent -, sie nicht brauchen. An der Zöliakie, bei der sich Antikörper gegen Gluten bilden, das in Weizen und anderem Getreide vorhanden ist, leiden in Deutschland nur 0,9 Prozent.

Die essgestörte Gesellschaft

Strenge Ernährungsregeln dienen immer mehr Menschen als eine Art Ersatzreligion. Die Einteilung in gute und böse Lebensmittel gibt Halt in einer unübersichtlich gewordenen Gesellschaft. Von Kathrin Burger mehr...