Prominente:Noch ganz frisch

The Duke Of Sussex Visits Abbey Road Studios

Was er wohl alles zu erzählen hat? Prinz Harry schreibt gerade an seinen Erinnerungen.

(Foto: Getty Images)

Auch Prinz Harry verfasst jetzt seine Autobiografie und liegt damit im Trend: Memoirenschreiber werden immer jünger. Zum Glück!

Von Hilmar Klute

Irgendwann muss vermutlich jeder, der mindestens zehnmal auf dem Fernsehschirm zu sehen war, seine Erinnerungen schreiben. Sicherlich wird auch jeder Youtuber, der zwei Millionen Follower seine Freunde nennt, irgendwann seine Erinnerungen, ja vielleicht nicht schreiben, aber in die Handykamera sprechen. Zukunftsmusik kommt bekanntlich erst dann richtig zur Geltung, wenn die Zukunft eingetreten ist. Noch befinden wir uns im Zeitalter der aufgeschriebenen Erinnerung und blicken auf eine Reihe großer Vorbilder zurück. Winston Churchill, Willy Brandt, Franz Josef Strauß haben Ziegelsteine von Memoiren verfasst - Ziegelsteine, was den Umfang betrifft, innen drinnen lesen sich die Geschichten oft zart und witzig, besonders bei Brandt.

Was die drei Politiker einte: Sie waren ältere Männer, als sie begannen, das, was ihr Gedächtnis hergab, aufzuschreiben. Das Altsein galt als Voraussetzung für das lesertaugliche Sich-Erinnern. Wer alt ist, verfügt über einen guten Überblick über das, was war. Sein Gedächtnis mag zwar in der kurzzeitigen Reflexion unzuverlässig sein, aber was früher und ganz früher war, das sei wie ein Brandzeichen der Wahrhaftigkeit in sein Hirn gestempelt, sagt der Volksmund. Der alte Memoirenschreiber galt als der verlässliche Biograf. Früher.

Kürzlich hat Prinz Harry angekündigt, seine Memoiren zu schreiben. Mit 36 Jahren! Die Nachricht ist ein Leckerbissen für alle Freunde des gepflegten Kopfschüttelns: Was hat einer, der so jung ist, denn schon über das Leben zu erzählen? Die Antwort: mehr, jedenfalls deutlich mehr Wesentliches, Frisches und Weltfrisches als ein Mann von siebzig, achtzig Jahren. Der Webfehler der meisten Lebenserinnerungen, die von älteren Leuten geschrieben werden, liegt in dem Glauben, sie stünden der Wahrheit deshalb näher, weil sie alles noch einmal gründlich durch die große Waschtrommel des Gedächtnisses drehen können. Aber was kommt dabei heraus? Meistens verwaschene Erinnerungen, nachkoloriertes Gewebe, olle Klamotten. Die Lüge nistet sich wie eine irre Spinne in die nachgereichten Jugenderinnerungen ein.

Besonders eklatant war das bei einer der vorangegangen Generationen von Schauspielern zu erleben, derjenigen nämlich, die in der Weimarer Republik Singen und Sagen gelernt und im Dritten Reich weder Singen noch Sagen eingestellt hatten. Ist es eine Leser-Legende, dass in gefühlt jeder zweiten Schauspieler-Erinnerung der Satz "Ich kam zu Goebbels und Goebbels war außer sich" zu lesen war? Sicher ist es reine Bosheit. In Heinz Rühmanns Lebens-Selbstbekränzungsbuch "Das war's" steht immerhin, dass Hitler dem Rühmann einmal gestanden habe, durch dessen Kunst "erlösende Kraft" erfahren zu haben. Was immer auch damit gemeint war: Gruselig ist diese Rückblende des alten Schauspielers allemal.

Der Vorzug von im Alter vorgelegten Memoiren ist zugleich ihr Nachteil: Man kann kaum noch nachprüfen, ob das Erzählte der Wahrheit entspricht. Für den Memoirenautor kann das ein schöner - in Internetrecherche-Zeiten freilich auch trügerischer - Trost sein. Ob eine Leserin sich dagegen gerne ein fremdes Leben schönreden lässt, ist die andere Frage.

Erinnerungen sind wie Backwaren - sie müssen frisch unter die Leute

Miley Cyrus veröffentlichte ihre Autobiografie "Miles to Go" mit 17, Justin Bieber legte den ersten Teil seiner Memoiren mit 16 vor. Bevor sich auch hier wieder die Lippen verächtlich kräuseln: Natürlich mit sechzehn, wann denn sonst? Er ist schließlich ein Teeniestar. Will die Welt denn ernsthaft Memoiren von vierzigjährigen ehemaligen Teeniestars lesen? Natürlich möchte man vorzugsweise von einem jungen Mann, dessen Gehirn noch fabelhaft durchblutet wird, erfahren, wie aus dem Kind ein so toller und talentierter junger Mann geworden ist. Eigentlich hätten doch alle, die jung berühmt geworden sind, im Zustand dieser Jugend ihre Erinnerungen aufschreiben sollen. Boris Becker, 17 Jahre alt, kurz nach seinem Wimbledon-Sieg! Der Junge war damals so grundgeliebt und allseits verehrt, dass er sich einen ausgezeichneten Co-Autor hätte aussuchen können. Martin Walser hätte das bestimmt gerne gemacht, vielleicht sogar Eckhard Henscheid oder Peter Handke. Als Becker seine Memoiren später mit Mitte vierzig zusammen mit Christian Schommers schrieb, lockte das Buch keinen alten Balljungen hinterm Ofen hervor.

Erinnerungen sind wie Backwaren. Sobald sie aus dem Ofen sind, müssen sie unter die Leute. Dem zu seiner Zeit berühmten Arzt Johann Heinrich Jung brannte die eigene Kindheit und Jugend als Schneidersohn so sehr auf den Nägeln, dass er sich für seine Autobiografie extra ein Alter Ego ausdachte, den Schneidersohn Heinrich Stilling, der zufällig am gleichen Tag wie sein Schöpfer geboren wird: am 12. September 1740. Jung war 37 Jahre alt, als Goethe ihm das Manuskript entriss, dieses dem Verleger Jacob Decker in die Hand gab und Jung derart berühmt werden ließ, dass sich der junge Memoirenschreiber kurzerhand Jung-Stilling nannte.

Nun aber: Prinz Harry! Wenn der Sohn des ewigen Thronfolgers seine Erinnerungen ankündigt, ist schon die Lunte gelegt, die von der Schicksalsprinzessin Diana bis hin zur eigenen Verdammnis, immer nur bestenfalls neben dem Thron stehen zu können, reichen dürfte. Prinz Harrys Erinnerungen werden natürlich unser aller Erinnerungen sein. So jung wie er sind wir allemal: An Diana erinnern wir uns, als wäre es gestern gewesen, die glücklose Ehe mit Charles hat uns alle mitgenommen, und der schreckliche Unfalltod in Paris war ein Ereignis, bei dem jeder heute noch weiß, wo er sich aufgehalten hatte, als die schreckliche Nachricht in die Welt trat.

An diesem Beispiel kann man sehr schön sehen, wie relativ das Alter ist. Harry mag jung sein, aber er schleppt, das rührt von seiner dynastischen Abstammung her, ganze Epochen mit sich herum. Deshalb schreibt er das Buch ja auch nicht, er sagt es selbst: als geborener Prinz, sondern "als Mann, der ich wurde". Es wird eine Emanzipationsgeschichte, so viel darf also schon verraten werden. Wird es aber auch eine ehrliche Geschichte, die Erzählung einer reinen Seele sozusagen? Ist die Jugend überhaupt eine Garantin für Aufrichtigkeit und akribische Wahrheitsbewirtschaftung?

Um den schmalen Grat zwischen autobiografischer Redlichkeit und narzisstischer Trommelei zumindest per Daumen auszuloten, empfiehlt sich ein Blick in die Autobiografie, die der Dichter und Maler Roland Topor 1975 vorgelegt hat, damals war Topor 38 Jahre alt, ein Jahr älter als der Duke of Sussex. Topor schreibt in seinen "Memoiren eines alten Arschlochs" tatsächlich von einem Mann namens Topor. Aber dieser Topor im Buch ist sozusagen die Hochstaplervariante des echten, auch nicht für seine Bescheidenheit berühmten Untergangsmalers. Er rühmt sich, jeden berühmten Menschen der Zeitgeschichte gekannt und beeinflusst zu haben. Hesses Steppenwolf Harry Hallers Vorbild sei er gewesen: Topor! Und die Monroe habe sich nur deswegen das Leben genommen, weil sie festgestellt habe, dass in ihrem Appartement gefälschte Topors hingen.

Topors "Topor" tut das, wofür sich jeder Autobiograf schämen muss: Er findet sich rundherum großartig. Jeder, der das Buch liest, weiß, dass sich alle Memoirenschreiber großartig finden, egal ob sie jung oder alt sind, Prinzen auf dem Weg zum Mann, alte Arschlöcher, kurz: alle Leute, die glauben, ihre Erinnerungen seien es wert, mit der ganzen Welt geteilt zu werden.

© SZ/chrm/from
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:"Ich schreibe das nicht als Prinz, als der ich geboren bin, sondern als Mann, der ich geworden bin"

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