Virginie Viard "Die rechte und die linke Hand" von Karl Lagerfeld

Lagerfeld und seine engste Mitarbeiterin im Herbst 2018.

(Foto: Getty Images)
  • Wenige Stunden, nachdem am Dienstag der Tod von Karl Lagerfeld bekannt geworden war, gab Chanel bekannt, dass Virginie Viard künftig die Kollektionen verantworten wird.
  • Sie war Lagerfelds engste Mitarbeiterin und wurde von ihm zuletzt behutsam ins Rampenlicht geschoben.
  • Die Personalie ist nicht glamourös, aber sehr klug ausgesucht - nicht nur, weil das Haus seit dem Tod von Coco Chanel erstmals wieder von einer Frau geleitet wird.
Von Tanja Rest

Die ganz großen Namen waren im Gespräch - und jeder, der sie in all den Jahren weitertratschte, gab natürlich vor, es aus sicherer Quelle oder gar vom Meister selbst erfahren zu haben: Phoebe Philo, hieß es also, bis 2018 umjubelte Designerin bei Céline, sei die designierte Nachfolgerin. Oder Alber Elbaz, der Lanvin groß gemacht hat und schon länger ohne Job ist. Oder Hedi Slimane, der bei Dior Homme das superschmale Jackett erfunden hat, in das sich Lagerfeld dann legendärerweise hineinhungerte - "er soll im Atelier schon eingetroffen sein ...!" Am Ende wussten alle nichts. Wenige Stunden, nachdem am Dienstag der Tod von Karl Lagerfeld vermeldet worden war, gab Chanels CEO Alain Wertheimer bekannt, dass dessen engste Mitarbeiterin in Zukunft die Kollektionen verantworten werde - "damit das Erbe von Gabrielle Chanel und Karl Lagerfeld weiterleben kann".

Seitdem rätseln nicht nur Außenstehende: Wer ist Virginie Viard?

Rückblickend hat Lagerfeld sie bereits behutsam ins Rampenlicht geschoben. Im Oktober in Paris sowie bei der Métiers d'Art-Show im Dezember in New York nahm sie an seiner Seite die Ovationen entgegen; im Januar bei der Haute Couture, als der Designer längst schwer krank war, trat sie dann schon alleine vors Publikum. 30 Jahre lang war Viard "die rechte und die linke Hand" Karl Lagerfelds, wie dieser selbst sagte, sie interpretierte seine Skizzen, beaufsichtigte die Ateliers, half bei den Anproben und beim Casting - und doch wusste man nahezu nichts über sie. Das war durchaus so gewollt. Es darf nur eine Sonne geben am Chanel-Firmament, und das war seit 1983 nun mal der große Karl. Jetzt ist sie an der Reihe.

Karl Lagerfeld

Das Vermächtnis des Modezaren

Virginie Viard ist als Tochter eines Chirurgen in Lyon geboren worden; nicht mal ihr exaktes Alter ist bekannt, sie dürfte Mitte fünfzig sein. In Lyon besuchte sie die Modeschule und arbeitete zunächst als Kostümbildnerin - die Kostüme in Krzysztof Kieślowskis "Drei Farben: Blau" sind von ihr. Auf Empfehlung des Protokollchefs von Fürst Rainier von Monaco kam sie 1987 zu Chanel und begann als Praktikantin in der Haute Couture. Im Atelier galt sie bald als "Geheimwaffe" und engste Vertraute von Karl Lagerfeld. Sie waren im ständigen Austausch und telefonierten täglich. "Ich versuche, es ihm recht zu machen, aber ich mag es auch, ihn zu überraschen", sagte sie in einem ihrer seltenen Interviews. Viard lebt mit ihrem Partner zusammen, einem Musikproduzenten, der gemeinsame Sohn lief vor vier Jahren über den Chanel-Laufsteg.

Seit dem Tod von Coco Chanel wird das Haus erstmals wieder von einer Frau geleitet

Es ist keine glamouröse Personalie und doch sehr klug ausgesucht - nicht nur, weil das Haus seit dem Tod von Coco Chanel erstmals wieder von einer Frau geleitet wird. Viard kennt das Chanelgetriebe mit seinen Tausend ineinandergreifenden Rädchen auswendig, sie hat die Coco-Bildsprache verinnerlicht und wird sie mutmaßlich weiterführen, mit ein paar (überfälligen) Modernisierungen hier und da. Ein völlig neuer Look wäre kontraproduktiv, der Konzern hat 2017 satte 9,6 Milliarden Dollar umgesetzt, und der weltweite Bedarf an Tweedjacken mit gefranstem Saum und dem berühmten Doppel-C scheint ungebrochen. Der Job ist auch ohne Relaunch komplex genug: Viard muss jedes Jahr zwei Couture-, zwei Prêt-à-porter- und zwei Zwischenkollektionen entwerfen sowie das Métiers d'Arts-Defilee, das stets in einer anderen Metropole gezeigt wird und die Handwerkskunst der firmeneigenen Ateliers zelebriert. Dazu kommen unzählige PR-Termine. Designer sind schon unter weniger Arbeit und Erwartungsdruck zusammengebrochen.

Viards eigener Stil ist übrigens eine Mischung aus Chanel mit viel Denim- und eher rockigen Lederteilen, hohe Absätze mag sie schon gar nicht. "Ich bin ohnehin groß und mag es nicht, wenn man mich anschaut." Das dürfte schwierig werden: Wenn am 5. März im Pariser Grand Palais die nächste Chanel-Kollektion vorgeführt wird, werden alle Augen diesmal nur auf sie gerichtet sein.

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