6:0 der DFB-Elf gegen Armenien:Schwungvoll, schnell, einfallsreich

World Cup - UEFA Qualifiers - Group J - Germany v Armenia

Der Jubel muss raus: Leon Goretzka lässt den Doppeltorschützen Serge Gnabry hochleben.

(Foto: Kai Pfaffenbach/Reuters)

Im zweiten Spiel unter Bundestrainer Hansi Flick gelingt der erste überzeugende Sieg. Beim 6:0 gegen Armenien stimmt nicht nur die Anzahl der Tore - sondern auch die ästhetische Note.

Von Philipp Selldorf, Stuttgart

Prachtvolle Torerfolge gab es im Stuttgarter Stadion schon vor dem Anpfiff des WM-Qualifikationsspiels gegen Armenien zu sehen. Der DFB erinnerte noch mal an den verstorbenen Gerd Müller und führte auf den Videowänden ein paar Zeugnisse seines großen Werks vor; die am Mittelkreis formierte deutsche Nationalelf sah ehrfürchtig zu. Eingedenk des jüngsten Auftritts beim mühselig erarbeiteten 2:0 gegen Liechtenstein hatte sich womöglich der eine oder andere gedacht, dass man einen zweiten Müller auch heute noch gut gebrauchen könnte. Zumal da der andere Müller, Thomas, in Zivil auf der Tribüne saß, mit Rücksicht auf die zwickenden Adduktoren.

Nun, am Sonntagabend gab es dann keinen Grund, den einen oder den anderen Müller herbeizuwünschen. Hansi Flick feierte mit seiner neuen Mannschaft im zweiten Spiel den ersten sehenswerten Erfolg. Beim 6:0 gegen Armenien stimmte nicht nur die Zahl der Treffer, sondern auch die ästhetische Note. Deutschland präsentierte sich, wie der Trainer und die zunehmend kritisch gestimmte Nation sich das wünschten: schwungvoll und schnell, einfallsreich und spielfreudig. "Heute war die Chancenverwertung viel besser. Wir waren gut vor dem Tor, wir hätten noch mehr machen können", sagte der zweifache Torschütze Serge Gnabry bei RTL. Auch der Bundestrainer zeigte sich angetan. "Es war der nächste Schritt, den wir gemacht haben", urteilte Flick: "Wir haben eine enorme Qualität, das hat man heute gesehen." Außer dankbarem Beifall der 18 000 Besucher gab es zur Belohnung die Beförderung auf Platz eins in Gruppe J.

In der vergleichenden Betrachtung zur Partie gegen Liechtenstein ergab sich schon nach wenigen Minuten ein verblüffender Effekt. Das Spielfeld in Stuttgart wirkte ungefähr doppelt so groß wie die Fläche, auf der die beiden Mannschaften in St. Gallen zugange gewesen waren. Die optische Täuschung war dem Widersacher zu verdanken.

Armenien betrat im Bewusstsein eines Tabellenführers den Rasen und hatte offensichtlich nicht vor, nach dem Vorbild des neuen deutschen Angstgegners Liechtenstein lediglich den Schaden zu begrenzen. Die Männer in den orangegelben Uniformen hatten scheinbar den Plan gefasst, den angeblich mental lädierten Favoriten in dessen Wohnzimmer zu überfallen. Der erste Angriff des Spiels rollte in beachtlicher Geschwindigkeit auf Manuel Neuer zu, der anstelle von Bernd Leno wieder im Tor stand, aber nicht eingreifen musste. Der Ex-Dortmunder Henrikh Mkhitaryan setzte den Schuss deutlich über das Tor.

Aufregende Momente gibt es gegen Armenien im Minutentakt

Für die Deutschen war dieser Angriff ein Warnschuss, vor allem aber war er ein schönes Signal. Der Gegner war gekommen, um mitzuspielen, und nicht, um wie die Amateure aus dem Fürstentum eine menschliche Mauer im eigenen Strafraum zu errichten. Der Mut der Armenier erwies sich somit als Übermut. Mit dem Platz, den sie durch ihren Vorwärtsdrang gewährten, luden sie die deutsche Mannschaft dazu ein, die Lust am Spiel wiederzuentdecken, nach der sie sich zuletzt oft vergeblich gesehnt hatte. Wäre es nicht so kitschig, könnte man vom Wind des Wandels und der Freiheit sprechen, der durch das sommerlich temperierte Stuttgarter Stadion wehte.

Hansi Flick hatte die halbe Elf getauscht, außer Neuer rückten auch Jonas Hofmann als Rechtsverteidiger, Antonio Rüdiger, Leon Goretzka, Serge Gnabry und Marco Reus in die Startmannschaft. Letzter erweckte den Eindruck, als hätte ihn Flick bei Manager Oliver Bierhoff bestellt: Reus spielte im Zentrum des offensiven Mittelfelds wie ein teuer eingekaufter Zugang, immer wieder fielen seine Ruhe, sein Timing und sein Geschick angenehm auf.

Diesmal brauchten die Deutschen keinen Anlauf, um ihr Spiel zu finden. Aufregende Momente gab es im Minutentakt. Einem packenden Alleingang von Gnabry im Hans-Peter-Briegel-Stil (4. Minute) folgte ein Eckstoß, den Thilo Kehrer auf die Latte setzte (5.), und dann fiel auch schon das 1:0 durch Gnabry, den Goretzka meisterlich freigespielt hatte. Zehn Minuten später zelebrierte derselbe Gnabry erneut seinen patentierten Maler-Jubel, diesmal hatte Reus den Ball aufgelegt. Wie so oft an diesem Abend hatte aber auch der außerordentlich unternehmungslustige Leroy Sané seinen Anteil an der Beute verdient.

Während die Armenier zusehends verzweifelten am überlegenen Gegner, der einfach nicht aufhören wollte, die Jagd auf weitere Tore fortzusetzen, hatten die vom DFB mit Gratiskarten bescherten Zuschauer bis zum Schluss Spaß an ihrem Präsent.

Reus (35.), Werner (44.), Hofmann mit einem bemerkenswerten Blattschuss (52.) und der eingewechselte Neuling Karim Adeyemi (90.) erhöhten das Konto, zwischendurch inszenierte Rüdiger mit einer allzu knappen Rückgabe ein spannendes Sprintduell zwischen dem Hoffenheimer Sargis Adamyan und Neuer. Der deutsche Torwart war schneller. Ein Tor hätte man den Armeniern eigentlich schon überlassen dürfen - sie waren der dankbare Gegner, den sich die Deutschen gewünscht hatten.

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