Deutsche Nationalelf:"Wir Trainer sind natürlich auch nicht blind"

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Nationalmannschaft - Abschlusstraining

Bundestrainer Hansi Flick hat wenig Zeit auf dem Trainingsplatz, um seine Ideen umzusetzen.

(Foto: Tom Weller/dpa)

Vor dem Spiel um Platz eins der Quali-Gruppe gegen Armenien verteidigt Bundestrainer Hansi Flick seine Mannschaft gegen Kritik - und stellt sein Verhältnis zu Leroy Sané klar.

Von Tim Brack

Es dürfte Hansi Flick gelegen kommen, dass es so manche lose Parallele gibt zwischen dem Zustand des FC Bayern im Winter 2019 und der deutschen Fußball-Nationalmannschaft im Spätsommer 2021. Beide Teams hatten oder haben ihre innere Überzeugung verlegt. In München orchestrierte Flick als Nachfolger von Niko Kovac eine beeindruckende Suchaktion, in der auch alle Titel einer Saison gefunden wurden. Mit der Nationalelf steht der ehemalige Bayern- und aktuelle Bundestrainer dagegen noch ganz am Anfang - das hat auch das Spiel gegen Liechtenstein gezeigt.

Beim 2:0-Sieg in St. Gallen krankte das deutsche Team vor allem an mangelnder Durchschlagskraft. Auch mit den Bayern erlebte Flick - wenn auch auf einem deutlich höheren Niveau - einst einen wenig glanzvollen Start, ein schnödes 2:0 in der Champions League gegen Olympiakos Piräus kündigte nichts von dem anstehenden Titelregen an. Flicks zweites Spiel als Münchner Cheftrainer war dann gleich ein Topspiel, gegen Borussia Dortmund. Wieder so eine lose Parallele. Denn auch als Bundestrainer steht für Flick in seiner zweiten Prüfung ein sogenanntes Spitzenspiel an.

Zugegeben, Armenien würde womöglich nicht jedem Fußball-Beobachter bei dieser Ankündigung einfallen und Vergleiche mit dem BVB verbieten sich natürlich völlig zu Recht. Doch die armenische Mannschaft um den ehemaligen Dortmunder Henrikh Mkhitaryan führt die deutsche WM-Qualifikationsgruppe mit zehn Punkten an, das DFB-Team liegt einen Zähler dahinter. In Stuttgart will Flick die Kräfteverhältnisse wieder den eigenen Ansprüchen entsprechend ordnen (Sonntag, 20.45 Uhr im SZ-Liveticker).

Linksverteidiger Robin Gosens (Kapselverletzung) wird "nicht spielen können, aber er ist auf dem Weg der Besserung", sagte Flick auf der Pressekonferenz vor dem Spiel. Fraglich ist zudem Kai Havertz (grippaler Infekt). Kapitän Manuel Neuer steht für das Vorhaben wieder zur Verfügung, kündigte Flick an. Doch die Torhüterposition war gegen Liechtenstein ja nicht das Problem.

Die Kritik an der offensiven Darbietung seiner Mannschaft veranlasste Flick zu einer Klarstellung, die Ansätze einer Grundsatzrede erkennen ließ. "Ich möchte zuerst eines sagen, was mir wichtig ist: Wir Trainer sind natürlich auch nicht blind." Er sei zwar "nicht dazu da, um Dinge schönzureden, und wir können - was die Torausbeute betrifft - auch nicht zufrieden sein", sagte der 56-Jährige. Aber für ihn als Trainer seien "oft andere Dinge entscheidend". Und außerdem: "Es braucht ein bisschen Zeit, um neue Ideen und die Spielphilosophie zu implementieren."

Flick stellt sein Verhältnis zu Leroy Sané klar

Die Zeit und vor allem die Geduld sind in der Nationalmannschaft, die von Millionen Sofa-Bundestrainern kritisch beäugt wird, vielleicht noch knapper bemessen als im Verein. Flick ist dennoch davon überzeugt, dass seine Spieler seine Ideen schnell umsetzen können - trotz der wenigen Einheiten auf dem Rasen. Als Ersatz helfen unter anderem Videoanalysen. Bei einer solchen Vorführung nach dem Liechtensteinspiel hatte Leroy Sané in einer Szene die Hauptrolle, verriet Flick. Der Angreifer hatte sich darin den gerade verlorenen Ball selbst zurückgeholt. Die Grundtugend des Nachsetzens gehört zur Basis der Flick'schen Spielweise.

Anlass für die Hervorhebung des Angreifers in der Pressekonferenz war eine Frage nach dessen Leistungsschwankungen. Flick nutzte die Gelegenheit, um sein Verhältnis zum Bayern-Spieler klarzustellen. "Es heißt immer, Leroy und ich hätten in München Probleme gehabt: Das ist Unsinn", sagte der Bundestrainer und lobte den 25-Jährigen für seine Leistung gegen Liechtenstein: "Der Wille ist da, nachzusetzen, sich reinzuhauen. Da kann man einiges erkennen. Später hat er dann sein Tor geschossen. Wenn er so spielt, ist alles gesagt, dann sind wir super happy."

Zufrieden ist Flick bei all den Baustellen auch mit der Teamchemie. "Ich sehe auch, dass die Mannschaft ein sehr gutes Miteinander hat. Und das ist für mich erst mal das Entscheidende", sagte der Bundestrainer. Ob die gute Stimmung eine Basis für einen Sieg gegen Armenien sein kann, muss sich im Stuttgarter Stadion zeigen. Dann schauen 18 000 Fans zu, die Freikarten vom DFB erhalten haben. In die Startelf dürften dann auch Leon Goretzka und Serge Gnabry rücken. Beide standen auch in Flicks zweitem Pflichtspiel als Bayern-Trainer von Beginn an auf dem Platz. Nur eine lose Parallele. Bayern besiegte Dortmund damals 4:0.

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