DFB-Team:Mentale Blockaden

DFB-Team: Thilo Kehrer und Robin Gosens während des Spiels gegen Liechtenstein.

Thilo Kehrer und Robin Gosens während des Spiels gegen Liechtenstein.

(Foto: Christof Stache/AFP)

Kein Vertrauen, viele Fehler, elementare Defizite: Hansi Flick muss direkt zu Beginn seiner Amtszeit feststellen, dass die Aufgabe, begeisternden Fußball zu spielen, schwerer werden wird, als vielleicht gedacht.

Von Philipp Selldorf, St. Gallen

Rückblickend verhielt es sich mit dem Abend in St. Gallen ähnlich wie mit dem Satz der anspruchsvollen Köchin, die ihr Menü regelmäßig unter Vorbehalt servierte. "Der Wein ist eh' das Beste", pflegte sie dann zu sagen, weil sie wieder Zweifel an ihrer im Rest der Welt unumstrittenen Kunst hatte. Über das WM-Qualifikationsspiel gegen Liechtenstein, das Deutschland 2:0 gewann, ließe sich nun in ihrem Geist sagen: Die Ehrenrunde war eh das Beste.

Nach dem Abpfiff waren die deutschen Spieler ziemlich zügig in der Kabine des Kybunpark verschwunden, und dies eindeutig nicht deshalb, weil sie noch schnell vor dem Schließen der Geschäfte im hausinternen Einkaufszentrum Schweizer Schokolade kaufen wollten - Kabinen und Supermärkte trennen im Stadion nur wenige Türen. Offensichtlich suchten die DFB-Profis Abstand zu dem Ort ihrer Untat, denn so war ihnen ihr umständliches und am Ende untaugliches Bemühen um ein standesgemäßes Resultat selbst vorgekommen: Deutschland zwei, Liechtenstein null, das klingt ja nach einer Art Kantersieg für den Verlierer.

Auf der Tribüne belustigten sich die Menschen über die Krämpfe der Deutschen, indem sie zum Beispiel Niklas Süle ein grundlegendes Kopfballtraining empfahlen und Leroy Sané einen Kompass, damit er mal ohne Irrwege ans Ziel findet. Wenn schon die Liechtensteiner spotteten, wie sollte es dann daheim in Deutschland zugehen?

Jene gar nicht so raren deutschen Fans, die in St. Gallen eingelassen worden waren, reagierten ausgesprochen wohlwollend, als die DFB-Spieler kurz danach wieder aufs Spielfeld zurückliefen. Joshua Kimmich, Jonas Hofmann, Leon Goretzka und Leroy Sané bildeten die Vorhut. Ihre Rückkehr trug demonstrative Züge, als ob einer gesagt hätte: Wir gehen jetzt da raus und zeigen uns! Aus dem Wiedersehen mit dem Publikum wurde dann eine komplette Runde - Ehrenrunde wäre wohl doch zu viel des Guten -, und die Spieler wurden nicht mit Tomaten aus dem nahen Supermarkt beworfen, sondern erhielten freundlichen Applaus. Jamal Musiala beschenkte ein Kind mit seinem Trikot, Antonio Rüdiger umarmte herzlich einen Liechtensteiner Kollegen, und auf einmal schien alles gut zu sein.

War es aber natürlich nicht, was sich schon daran ablesen ließ, dass die gegnerischen Spieler ihre Niederlage noch auf dem Rasen mit Bier und Bratwurst feierten. Zwar ist die Stadionwurst im Kybunpark wirklich hervorragend, sie gehört aber nicht unbedingt auf den Speiseplan eines Leistungssportlers. Den Liechtensteiner Spielern braucht das allerdings niemand zu erzählen, die wenigsten von ihnen erheben ernsthaft professionelle Ansprüche, manche bezeugen das durch ihr Körperformat.

Leroy Sanés Paradoxon: Er ist in einer Person der schlechteste und beste deutsche Spieler

Hansi Flick lobte später den Gegner, er habe "gut verteidigt". Diese Aussage des neuen Bundestrainers war nicht falsch, aber ohne den Hinweis, dass die Deutschen schlecht angegriffen hatten, war sie auch nicht richtig. Immer wieder konnte man meinen, der Drittligist SV Meppen hätte sich womöglich geschickter angestellt als die DFB-Stars vom FC Bayern oder FC Chelsea, die trotz circa 94 Prozent Ballbesitz erstaunlich selten torgefährlich wurden.

Leroy Sané stellte in dieser paradoxen Situation seinen eigenen Widerspruch dar. Er war in einer Person der schlechteste und der beste deutsche Spieler. Einerseits reihte er einen Fehler an den nächsten und ein Misslingen ans andere, andererseits gab er nicht nach und kämpfte sich ins Spiel, bis er sich schließlich das Tor zum 2:0 (77.) abgerungen hatte. "Leroy hat nachgesetzt, ist ins 1:1 gegangen und hatte in der zweiten Halbzeit einige Aktionen", lobte Hansi Flick.

Es war wahrlich kein vergnügliches Debüt für den neuen Trainer, der sich so sehr auf den Abend gefreut und nun einige Mühe hatte, das krause Geschehen überzeugend zu analysieren. "Was man merkt, ist, dass die Mannschaft nicht so das Vertrauen hat, dass sie Tore erzielen kann", sprach Flick einen Satz, der tief blicken lässt in die elementaren Defizite, die sich bei dieser Mannschaft festgesetzt haben. "All-In-Mentalität" hatte Flick für seine Regierungszeit versprochen, doch dazu bedarf es erst einmal der Beseitigung der mentalen Beklemmungen. "Nichts hat wirklich funktioniert", befand der Ersatz-Kapitän Kimmich, weder Flanken oder Kombinationen, noch Alleingänge, Chip-Bälle oder Gewaltschüsse.

Einem Fragesteller, der "Feuer und Leidenschaft" vermisst hatte, entgegnete Ilkay Gündogan, der vollständig im Strafraum versammelte Gegner habe gar keinen Platz "für die beiden Grundtugenden angeboten. Heute waren andere Dinge gefragt". Zutaten wie Geduld und Präzision etwa, die den richtigen Pass oder die kreative Lösung ermöglichen. "Aber das haben wir heute nicht gut gemacht", urteilte Gündogan.

Flick versprach hoffentlich nicht zu viel, als er erklärte, sich "nicht wegen einem Spiel aus dem Takt bringen" zu lassen. Die deutsche Elf hat zwar keine ansehnliche Arbeit abgeliefert, aber ein Ergebnis, mit dem sie arbeiten kann. "Wir freuen uns jetzt über die drei Punkte", hat Gündogan gesagt und es ernst gemeint. Am Sonntag geht es in Stuttgart gegen den bisher unbesiegten Tabellenführer Armenien mit seinem aus Dortmunder Zeiten wohlbekannten Anführer Henrikh Mkhitaryan. Auf den lädierten Robin Gosens wird Flick dann verzichten müssen, zu allem Überfluss gab es also auch noch einen Verletzten in St. Gallen.

Zuspruch ist der deutschen Mannschaft dennoch gewiss, das Stadion wird so voll sein, wie es zurzeit sein kann. Von der Erfolgsmeldung "ausverkauft" kann dennoch keine Rede sein - der DFB hat die 18 000 Eintrittskarten verschenkt. Den Gratis-Gästen soll mehr geboten werden als dem zahlenden Publikum in der Schweiz: Gegen einen besseren Gegner werde die Nationalelf ihr wahres Können zeigen, prophezeite Marco Reus, der in St. Gallen per Einwechslung nach zwei Jahren Absenz ebenso unbemerkt sein ungefähr 19. DFB-Comeback absolvierte wie der 18-jährige Florian Wirtz seinen Einstand. Zumindest diese beiden werden den Abend nicht nur wegen der Ehrenrunde in guter Erinnerung behalten.

© SZ/mok/jkn
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