Wada-Entscheidung Die Betrüger haben gewonnen

2014 in Sotschi verweigerte nicht nur einer der fünf Ringe bei der Eröffnungsfeier den korrekten Dienst

(Foto: Tatyana Zenkovich/dpa)
  • Mit der Entscheidung, die russische Anti-Doping-Agentur wieder zuzulassen, beweist die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada ihre Schwäche.
  • Selbst ihre Vizepräsidentin sagt: "Wir haben alle sauberen Athleten im Stich gelassen."
  • Der Anti-Doping-Bewegung droht ein Vakuum.
Von Thomas Kistner und Johannes Knuth

Manchmal hilft es, ein paar Schritte von einer Sache zurückzutreten, man blickt dann auf das ganze Bild. Man sieht dann auf die Winterspiele 2010, ins Olympische Dorf von Vancouver. Ein Kronzeuge vertraut sich der Welt-Anti-Doping-Agentur an, Witalij Stepanow, er arbeitet bei der russischen Anti-Doping-Agentur. Stepanow berichtet den Wada-Leuten, wie russische Athleten dopen und wie seine Agentur, die Rusada, die den Betrug doch aufdecken soll, stattdessen den Athleten hilft, nicht aufzufliegen. Der junge Russe, das ist schnell klar, hat die Ermittler zu einem Betrugsnest geführt, das seit Jahren aktiv ist: in Dutzenden Sportarten.

Stepanow beliefert die Wada fortan mit Beweisen, schreibt Hunderte Mails, vier Jahre lang. Bald bindet er seine Frau Julija ein, die als Leichtathletin gedopt hat, bei einer Kontrolle auffliegt und von ihrem Verband fallengelassen wird. Die Anlaufstelle der Stepanows ist jetzt Jack Robertson, der Chefermittler der Wada. Robertson war von 1991 bis 2011 Agent der amerikanischen Drogenbehörde, er spürte mexikanischen Kartellen nach. Aber ein mächtiges Sportkartell auszuhebeln, ohne die Kraft der staatlichen Justiz im Rücken, das ist viel schwerer. Wenn er bei der Wada mehr Mitarbeiter anfordert, sagt man ihm: Sorry, kein Geld; so erzählt es Robertson später in einem Interview. Der Amerikaner sieht nur einen Ausweg: Er schickt die Stepanows zur ARD. Die veröffentlicht 2014 ihre erste Dokumentation über den russischen Dopingsumpf. Erst jetzt gerät die Lawine ins Rollen.

Die Wada hat sich selbst abgeschafft

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Auch kein schlechter Plot für ein Filmprojekt: dass der Chefermittler der Welt-Anti-Doping-Agentur seine Organisation hintergeht, damit der größte bekannte Dopingskandal des 21. Jahrhunderts nicht im Dickicht der Vertuschung versickert.

Nada-Vorstand Mortsiefer empfiehlt den Athleten, vor ordentliche Gerichte zu ziehen

Acht Jahre nach der ersten Kontaktaufnahme in Vancouver ist Russland nun in den Schoß der Sportfamilie zurückgekehrt. Die Wada erklärte die Rusada, Stepanows einstigen Arbeitgeber, am Donnerstag wieder für regelkonform. Und das, obwohl die russische Sportführung zwei Bedingungen nicht erfüllt hat, die ihr die Wada auftrug, als sie die Rusada vor drei Jahren suspendierte: Sie müsse anerkennen, dass 1000 Athleten von dem staatlich gestützten Dopingsystem profitierten, wie von Sonderermittler Richard McLaren beschrieben. Und sie müsse Zutritt zur Datenbank des Moskauer Labors gewähren. Athletenvertreter, Anti-Doping-Organisationen und Politiker hatten die Wada zuletzt massiv davor gewarnt, diese Bedingungen aufzuweichen. Umsonst. "Wir haben alle sauberen Athleten im Stich gelassen", gestand Linda Helleland, die Vizepräsidentin der Wada. Sie hatte als eine von zwei Vertretern gegen die Begnadigung gestimmt, neun stimmten dafür.

Frei übersetzt sagte Frau Helleland: Wir, die oberste Kontrollbehörde des Sports, haben uns abgeschafft.

Und nun? Die Wada, das muss man dazu wissen, stand seit ihrer Gründung 1999 fest an der Seite der Sportverbände, vor allem des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Sie trat oft wie ein Manager auf, der nur so viel vom Chemieproblem zeigte - ein paar Einzeltäter hier und da -, dass das Publikum nicht zu sehr an den Hochglanzbildern des Sports zweifelte. Ein staatlich gelenktes Betrugsnetz gefährdet dieses Geschäftsmodell, zumal wenn ein Land dahinter steckt, das im Weltsport als Sponsor auftritt, Großereignisse ausrichtet, Funktionäre in Spitzenpositionen hievt. Craig Reedie, bis heute Wada-Präsident und IOC-Mitglied in Personalunion, schrieb noch 2015 einen Brief an den damaligen Sportminister Witalij Mutko: Die Wada, so Reedie, werde die Freundschaft zu Russland nicht gefährden.

Das erklärt auch, warum sich Wada und IOC lange die Beweise zuschoben, auf denen sie seit 2010 hockten: die Belege der Stepanows. Warum sie zudem die belastenden Medienberichte über (den späteren Kronzeugen) Grigorij Rodtschenkow ignorierte. Der wurde von Wada und IOC dennoch zum Leiter des Olympialabors in Sotschi befördert, wo er 2014 einen filmreifen Betrug mittrug: Dopingkuren für russische Athleten, angereichert mit Alkohol, damit der Stoff besser wirkt (Whiskey für Männer, Martini für Frauen). Verseuchte Dopingproben wurden im Labor durch saubere ersetzt, mit Hilfe des Geheimdiensts. Die Wada reagierte spät und suspendierte die Rusada. Sehr zum Missfallen des IOC übrigens, das mitten in der Affäre Hunderte russische Athleten zu seinen Spielen einlud, 2016 und 2018. Und nach den Winterspielen im Februar wünschte sich Thomas Bach, der deutsche IOC-Präsident, einen "Schlussstrich". Der Widerstand der Wada hielt bis zu dieser Woche. Dann weichten die Regelhüter ihre Bedingungen auf, für die Regelbrecher.

Lars Mortsiefer, Vorstand der Nationalen Anti-Doping-Agentur Nada, plädiert im Gespräch mit der SZ jetzt für einen Kurswechsel: "um zu zeigen dass es nicht nur Protest ist, den wir machen, sondern dass wir auch etwas tun". Man habe sich für Oktober mit anderen Agenturen verabredet, aus Europa und den USA, Japan, Australien, Neuseeland. Mit denen wolle man "klare Maßgaben" entwickeln. Vielleicht, sagt Mortsiefer, müssten Athleten auch vor ein ordentliches Gericht ziehen, Schadensersatz fordern, der ihnen durch nicht bestrafte Betrüger entstehen könnte, und durch den laxen Umgang der Regelhüter mit Governance-Fragen. Das sei "das letzte Mittel, das ich sehe", sagt Mortsiefer: "Auch wenn der Sport autonom ist, ist er kein rechtsfreier Raum."

Der Anti-Doping-Bewegung droht fürs Erste etwas anderes: ein Vakuum durch Verwerfungen in der schwer angeknockten Wada. Das kommt wiederum dem IOC gelegen, das sich zuletzt eine eigene Anti-Doping-Einheit aufgebaut hat. Die operiert natürlich "unabhängig" vom Sport. Gut, bis auf die Finanzierung und auf den Vorstand, wo stramme Gefolgsleute von Bach sitzen: IOC-Vize Ugur Erdener etwa, oder Kirsty Coventry, die Vorsitzende der lammfrommen IOC-Athletenkommission aus Simbabwe. So ist das die Botschaft, die nach dieser Woche bleibt: Der Sport hält lieber die Familie zusammen, anstatt Betrüger konsequent zu verfolgen. Man kennt das, aus den üblichen Parallelgesellschaften. Darauf einen Whiskey, für die Männer. Und Martini für die Frauen!

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