Rückkehr Russlands:Willkommen in der Bananenrepublik Weltsport

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Rückkehr Russlands: "Play True", zu deutsch "Spiele ehrlich", titelte die Wada noch beim jährlichen Symposium im März diesen Jahres. Nach der Ehrlichkeit in der russischen Sportpolitk sucht man jedoch vergeblich.

"Play True", zu deutsch "Spiele ehrlich", titelte die Wada noch beim jährlichen Symposium im März diesen Jahres. Nach der Ehrlichkeit in der russischen Sportpolitk sucht man jedoch vergeblich.

(Foto: Fabrice Coffrini/AFP)

Russland hat systematisch betrogen - und soll nun mit eigener Anti-Doping-Agentur wieder Teil der Sportwelt sein. Die Begründung dafür: keine. Es regieren Vetternwirtschaft und Alibi-Justiz.

Kommentar von Thomas Kistner

Folgendes Szenario: Ein Drogenkartell fliegt auf; es hat aber beste Drähte zur Regierung, die Haupttäter werden milde bestraft. Sie müssen weder echte Reue zeigen noch ihre Leute zügeln, die jeden bedrohen, der auspacken will. Auch werden ständig neue Vorwürfe ruchbar. Aber die Regierung gliedert das Kartell flott wieder ins soziale Leben ein, trotz heftigster Proteste in der Bevölkerung, deren Schutz zu betreiben sie vorgibt. Wenn so etwas passiert, ist meist von einer Bananenrepublik die Rede, von Vettern- und Willkürherrschaft. Rechtsstaatlich empfindende Menschen gehen auf Distanz.

Gerade entlarvt sich der Weltsport einmal mehr als so eine Bananenrepublik, als Autokratie mit eingebauter Alibi-Justiz: Am Donnerstag will - oder muss, auf Weisung von oben? - die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada Russland (beziehungsweise die russische Anti-Doping-Agentur Rusada) zurück in den Schoß der Sportfamilie führen. Und das, ohne den neuen Vertrauensschub vernünftig begründen zu können - dafür unter Missachtung der Tatsache, dass nun auch die Schweizer Bundesjustiz ermittelt: Russische Geheimdienstler sollen hinter einer Cyberattacke auf den Wada-Sitz in Lausanne stecken. Na und? Befragt, ob dieser Sachverhalt nicht den neuen Kuschelkurs torpedieren müsse, erzählt die Wada, dass die Ermittlung ja noch liefe, weshalb man "keinen Kommentar" abgebe. Aber: "Wir haben keinen Grund zu glauben, dass der angebliche Cyber-Angriff erfolgreich war." Na bitte: War die Attacke russischer Spione auf die Daten der Weltsport-Athleten erfolglos, ist doch alles in Butter, oder? Willkommen in unserem Sport!

Die Wada steht wieder dort, wo sie bei Ausbruch der russischen Staatsdoping- Affäre stand: Fest an der Seite der Sportfunktionäre. Damals 2015, als sie erste, alarmierende Hinweise erhielt, schickte sie diese sogar nach Russland weiter - und gefährdete die Whistleblower massiv. Als Medien die Causa dann enthüllten, geriet die Wada unter existenziellen Druck. Sie wechselte sogar auf die Athletenseite und legte sich mit dem allmächtigen IOC und dessen Russland-naher Führung an. Aber natürlich war dieser Adrenalinschub nur temporär, längst ist die Courage verpufft und die Wada wieder im Grundmodus: als Wurmfortsatz der Sportindustrie.

Richtig, offiziell soll sie das Strukturproblem des Sports bekämpfen: Doping. Nur ist die Wada so beschaffen, dass sie vor allem die globale Industrie Spitzensport vor wirtschaftlichem Schaden bewahrt: als Blendwerk, das Fahndung und Aufklärung simuliert, um die Kundschaft in Ruhe zu wiegen. Denn die Sportindustrie hat eine fragile Geschäftsbasis: Integrität - die Glaubwürdigkeit ihrer Helden und der Leistungen, die sie vollbringen.

Russland darf zurück in die Sportfamilie? Logisch! Der Kampf gegen Doping ist eh eine Farce

Das Publikum weiß inzwischen, dass es immer bessere, nicht nachweisbare Pharmaka mit diabolischer Effizienz gibt. Da hilft es, wenn ab und zu eine indische Gewichtheberin oder ein vietnamesischer Schütze geschnappt werden. Wenn aber, siehe Russland, ein filmreifes Staatsdoping vorliegt, mit hunderten Sündern, mit betrugsverseuchten Winterspielen wie in Sotschi 2014 - dann braucht es tollkühne Hinweisgeber und entschlossene Medien, um all das offenzulegen. Was es dafür nachweislich nicht braucht, ist: die Wada.

Die Wada-Offensive pro Russland hat innere Logik, dort sitzen Leute aus dem Milieu an der Spitze. Wada-Chef Craig Reedie ist IOC-Mitglied, das sagt alles. Im Sport herrschen Zustände, von denen die restliche Wirtschaft nur träumen kann. Es ist, als würden im Diesel-Skandal nicht deutsche und US-Gerichte entscheiden, sondern eine Jury aus Konzernjuristen und Autolobbyisten, ausgesucht von den Betroffenen selbst. Warum das im Sport und nur dort so ist? Weil der Autonomie besitzt. Er besitzt sie trotz absurd anschwellender Skandaldichte bis heute.

Travis Tygart, der Mann, der den Superdoper (und Landsmann) Lance Armstrong zur Strecke gebracht hat, lacht nur herzhaft, wenn das Wort Wada fällt. So sollten es auch die Politiker und Governance-Experten halten, die nun wieder schockiert auf die neueste Verbrüderung der Sportkamarilla blicken. Denn die ewigen Selbstreinigungsrituale der Branche sind nur noch zum Lachen, von lächerlich schlichter Logik. Der Sport als Bananenrepublik: Das kann sich gar nicht ändern, solange die Politik das Sportkartell in seiner Autonomie belässt.

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