Fußball in der Ukraine:"Es gibt jetzt einen Klub: die Nationalmannschaft"

Lesezeit: 3 min

Früher war der ukrainische Fußball gespalten - nun soll er die Einheit und Widerstandsfähigkeit des Landes symbolisieren. Wie ernst es damit ist, bekommt auch der frühere Bayern-Profi Anatolij Timoschtschuk zu spüren.

Von Johannes Aumüller

Wenn es nach seinen ursprünglichen Plänen gegangen wäre, dann würde sich Oleksandr Petrakow in diesen Tagen an einem anderen Ort aufhalten. Als der russische Angriffskrieg begann, so berichtete es der ukrainische Fußball-Nationaltrainer kürzlich, habe er sich als Freiwilliger für den Kriegsdienst melden wollen. "Ich bin 64, aber ich fand es normal, das zu tun. Ich denke, ich könnte zwei oder drei Feinde ausschalten", sagte er dem Guardian. Doch ein Mitglied der ukrainischen Regierung habe ihm klargemacht, dass das nichts für ihn sei. Er habe nun mal keine militärische Erfahrung und könnte wohl besser woanders beschäftigt werden.

Statt im Kriegseinsatz in der Ukraine befindet sich Petrakow am Mittwochabend also in einem Fußballstadion in Mönchengladbach und ringt nach dem Abpfiff sichtlich um Worte. "Beim Singen der Nationalhymne hatte ich Tränen in den Augen", sagte er: "Es ist großartig, dass unsere Nation vereint ist."

Zum ersten Mal seit Kriegsbeginn hat Petrakows Mannschaft wieder ein Spiel bestritten. Und dieses 2:1 gegen Borussia Mönchengladbach ist nicht nur ein Abend gewesen, an dem Solidaritätsadressen und 600 000 Euro Hilfsgelder für die Ukraine eingesammelt wurden. Sondern er hat vor allem auch demonstriert, welche Symbolkraft dem Fußball zukommen soll. Tausende ukrainische Fans saßen auf der Tribüne, unten siegte die Mannschaft; man habe gezeigt, "dass wir als Land noch lange nicht verloren sind", sagte Petrakow. Und zugleich sollte dieses Spiel der Auftakt für einen Auftrag sein: die Qualifikation für die Fußball-WM in Katar. Anfang Juni ist die Playoff-Runde, zunächst geht es gegen Schottland, bei einem Sieg kurz danach gegen Wales.

"Die Soldaten bitten uns, alles für die WM-Qualifikation zu tun"

Nationaltrainer Petrakow selbst hat noch vor wenigen Wochen gesagt, dass er nicht über Fußball und die WM nachdenken wolle, solange in seinem Heimatland noch Menschen sterben. Das würden die Menschen auch nicht verstehen, um welchen Fußball es da gehen soll. Nun dauert der russische Angriffskrieg weiter an, und wahrscheinlich verstehen immer noch viele Menschen nicht, um welchen Fußball es da geht. Aber die Beteiligten betonen nun ausdauernd, welch bedeutende Funktion die "Schowto-blakytni" (die Gelb-Blauen) in den nächsten Wochen übernehmen sollen.

"Viele Menschen in der Ukraine lieben Fußball, darunter auch viele Soldaten, mit denen wir Kontakt haben", sagt der Mittelfeldspieler Taras Stepanenko von Schachtjor Donezk, "und die bitten uns, alles zu tun, damit wir uns für die WM 2022 qualifizieren." Der frühere ukrainische National- und Bundesligaangreifer Andrej Woronin sprach ins Mönchengladbacher Stadionmikrofon, es sei "sehr wichtig für unsere Nationalmannschaft und für unser Land, dass wir (die WM-Qualifikation) auch schaffen".

Fußball in der Ukraine: Ihm kommt nun die Aufgabe zu, den großen WM-Wunsch umzusetzen: Ukraines Nationaltrainer Oleksandr Petrakow.

Ihm kommt nun die Aufgabe zu, den großen WM-Wunsch umzusetzen: Ukraines Nationaltrainer Oleksandr Petrakow.

(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Nun wird dem Fußball in geschundenen Ländern oft eine solche Rolle zugewiesen. Aber in der Ukraine geschieht das vor einem speziellen Hintergrund. Dort war der Fußball traditionell nämlich tief gespalten. Viele rivalisierende Oligarchen mischten mit, und die politischen Konfrontationslinien des Landes spiegelten sich in ihm. Der Hauptstadtklub Dynamo Kiew und Schachtjor Donezk aus dem Ostteil des Landes, die seit 1992/93 alle ukrainischen Meisterschaften unter sich aufgeteilt haben und auch das Gros der Nationalelf stellen, galten als die populären Repräsentanten zweier stark unterschiedlicher Landesteile.

Timoschtschuk schweigt zum Angriffskrieg, also wurde er lebenslang gesperrt

Das änderte sich zwar schon etwas nach der russischen Invasion 2014; der Klub Schachtjor etwa ließ sich danach in Kiew nieder. Aber nun soll sich das Ganze noch weiter entwickeln und sollen der Fußball und die Nationalmannschaft das Symbol der nationalen Einheit sein. "Es gibt jetzt einen Klub", sagte kürzlich Angreifer Roman Jaremtschuk, der selbst bei Benfica Lissabon spielt: "die Nationalmannschaft".

Wie klar der Fußball sich positioniert, bekam jüngst auch Anatolij Timoschtschuk zu spüren. Der frühere Profi des FC Bayern war über Jahre neben Andrej Schewtschenko die zentrale Figur des ukrainischen Fußballs, mit 144 Einsätzen ist er der Rekordnationalspieler seines Landes. Inzwischen jedoch arbeitet er im Trainerstab bei Zenit Sankt Petersburg, dem Klub, der jüngst die russische Meisterschaft für sich entschied und über seinen Mehrheitseigner Gazprom quasi ein russischer Staatsklub ist. Zum Angriffskrieg des Kremls schwieg Timoschtschuk bisher, und deswegen sperrte ihn der ukrainische Verband lebenslang.

Nationaltrainer Petrakow kommt nun die Aufgabe zu, den großen WM-Wunsch auch umzusetzen - und die Sache wird schwierig. Nur ein paar im Ausland unter Vertrag stehende Top-Kräfte wie Oleksandr Sintschenko (Manchester City) hatten zuletzt regelmäßig Spielpraxis, weil der Ligabetrieb in der Ukraine seit Ende Februar ruht. Deswegen bat Petrakow die Spieler der ukrainischen Klubs nun zu einem Trainingslager und drei Testkicks; wobei das erstaunlicherweise kurz Ärger gab mit Dynamo Kiews Präsidenten, der seine Kicker erst später ziehen lassen wollte.

Noch gravierender ist die Belastung, Fußball zu spielen, während gleichzeitig die Verwandten in der Ukraine in Gefahr sind. Auch der Trainer selbst brachte das am Mittwoch zum Ausdruck, als er von den Kriegstagen berichtete, die er in Kiew erlebte. "Es ist eigentlich gar nicht zu beschreiben, wie schlimm das alles ist", sagte er.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusTischtennisprofi Ovtcharov im Gespräch
:"Wir mussten klar Stellung beziehen"

Nach zwölf Jahren hat der deutsche Nationalspieler Dimitrij Ovtcharov seinen russischen Klub Orenburg verlassen. Der gebürtige Kiewer über den Wechsel nach Neu-Ulm, den Schock des Krieges und Konsequenzen für russische Sportler.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB