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Triathlon:Stefan Schumacher bekämpft als Triathlet die Vergangenheit

Nürtingen (dpa) - Stefan Schumacher sitzt neben dem Freibadkiosk auf einem dieser typischen weißen Plastikstühle, trinkt Kaffee und frühstückt eine Butterbrezel. Immer wieder zupft er an seinem dicken Neoprenanzug.

Sein Zeitplan ist bereits nicht mehr einzuhalten und beim Rasieren gab es nur kaltes Wasser. Aber Schumacher kämpft. Wie oft in seinem Leben. In diesem Fall eben gegen die schlechte Laune und das Wetter.

Denn der Sommer ist an diesem Tag im Mai noch mindestens so weit weg wie die durchschnittlichen Temperaturen in der Kleinstadt Nürtingen zwischen Stuttgart und Reutlingen von jenen auf Hawaii. Die wird Schumacher im Oktober dann über Stunden aushalten müssen. Der ehemalige Träger des Gelben Trikots der Tour de France und überführte Doper ist kein Radprofi mehr. Er ist Triathlet. Und er hat sich in seinem ersten Wettkampf für den legendären Ironman qualifiziert.

Also: Training. "Ohne diese Geschichte wäre ich jetzt nicht im Freibad in Nürtingen", sagt Schumacher zwischen zwei Bissen. Es ist ein einfacher Satz, er fällt beiläufig und ist irgendwie wohl auch als Scherz gemeint. Er bezieht ihn nicht auf jenen sechsten Platz in Südamerika im Dezember, der ihm ein Ticket für den wohl härtesten sportlichen Wettkampf der Welt brachte. Der 38-Jährige, der eine Woche nach seinem Geburtstag am 28. Juli beim Ironman in Hamburg über die 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,195 Kilometer Laufen antreten will, denkt in diesem Moment an seinen Betrug, den Regelbruch, der sich über Jahre hinzog und der ihn am Ende die besten Jahre seiner Karriere gekostet hat.

2007 holte er in Stuttgart WM-Bronze im Straßenrennen, gewann zwei Etappen bei der Tour de France, war zeitweise der Gesamtführende und: Der deutsche Hoffnungsträger im Radsport. Ausgebildet unter anderem im Team Telekom fuhr er schließlich für die darauf folgende große deutsche Equipe, das Team Gerolsteiner.

Aber Schumacher dopte. Seit Jahren. 2009 kam es raus. Erst leugnete er, viel später gab er alles zu. Epo, Wachstumshormone und Kortikosteroide. Zu diesem Zeitpunkt, 2013, war seine zweijährige Doping-Sperre zwar bereits abgelaufen, aber die Delle in seiner Karriere war nicht mehr auszubeulen. Der meistens glatzköpfige Sportler mit der tiefen Stimme kämpfte also und mühte sich um eine Rückkehr in die Top-Teams und auf die große Bühne. Vergeblich.

Einmal, so erzählt er, habe man ihm einen Start beim Giro d'Italia in Aussicht gestellt. Doch daraus wurde nichts, er war nicht erwünscht. "Einem (Alberto) Contador wurde da der rosa Teppich ausgerollt. Der war 2010 positiv. Und ich darf nicht mal fahren? Ich wollte gar nicht gewinnen, ich wollte einfach nur dahin", erzählt er. "Das war Mobbing für mich, Diskriminierung. Das hat mich extrem getroffen."

Schumacher fühlte sich unfair behandelt, war sauer. Diese Wut und das Unverständnis darüber, wieso andere überführte Doper wieder oder weiter für große Teams und bei großen Rundfahrten antreten duften, er aber nicht, trägt Schumacher noch heute in sich. "Mein Ziel war immer, im Radsport oder im Sport noch einmal einen anderen Schlusspunkt zu setzen wie das, was 2008 war. Das ist, was mich antreibt", sagt Schumacher, der mit seiner hochschwangeren Frau Ina und seinem drei Jahre alten Sohn in einem Reihenhaus seiner Heimatstadt lebt. "Damit auch mein Kleiner irgendwann mal sagen kann, mein Vater war Profisportler und hatte Erfolge. Da war auch mal was Schlechtes. Aber dass da eben noch mehr war. Dass es nicht alles dominiert."

Denn, dessen ist sich Schumacher bewusst: Für die Öffentlichkeit ist er vor allem und in erster Linie ein Dopingsünder. Auch bei Elternabenden im Kindergarten muss er sich das Vertrauen erst mal erarbeiten. "Die Leute haben das nicht im Kopf - das war vor elf Jahren. Für die meisten ist das gefühlt erst drei oder vier Jahre her", sagt Schumacher und hat eine große Bitte. "Für mich ist wichtig, dass das drin steht: Elf Jahre sauber."

Kein Doping mehr seit der Sperre, in den Jahren für kleinere Teams wie zuletzt für Kuwait-Cartucho.es? "Ich stand sicher unter enormer Beobachtung. Aber belegen kann ich das nicht. Es ist einfach so", sagt Schumacher, der inzwischen wieder präzise seinen Aufenthaltsort angeben muss, um für die Kontrolleure der Nationalen Anti-Doping-Agentur NADA auffindbar zu sein. Getestet worden ist Schumacher seit der Qualifikation für den Ironman nach eigenen Angaben zwei Mal.

Wenn möglich will er sich in Zukunft in der Doping-Prävention engagieren. Und er will sich dafür einsetzen, dass die Diskussionen anders geführt werden. "Diese Heuchelei ist den Sportlern gegenüber nicht gerechtfertigt. Die stehen unter einem massiven Druck", sagt er. "Die Krux ist: Spitzen- und Profisport zielt immer darauf ab, über Grenzen zu gehen oder Grenzen zu verschieben. Und dann gibt es eine Linie, die müssen alle einhalten. Das funktioniert halt nicht."

Durch seine Geschichte glaubt er, junge Sportler vom gleichen Fehler abhalten zu können: "Nicht aus gesundheitlichen Gründen. Aber was es bedeutet, erwischt zu werden. Das Leben mit der Lüge. Das ist der ganze Profisport nicht wehrt." Seine Frau Ina hat zu ihm gehalten, nachdem er auch sie über Jahre angelogen hatte. Andere haben nicht so viel Glück.

Der Triathlon ist jetzt seine Chance. Seinen Sportartenwechsel hat er nicht groß rumerzählt, nichts in den sozialen Netzwerken dazu gepostet oder sonst wie für Aufmerksamkeit gesorgt. Schumacher wollte erst etwas erreichen - und landete dann im Dezember in Argentinien mit 7 Stunden, 48 Minuten und 40 Sekunden auf dem sechsten Platz. Die Qualifikation für den Ironman war geschafft, im ersten Anlauf. Seither arbeitet er daran, seine Schwächen im Wasser und beim Laufen zu verkleinern. Auf dem Rad macht ihm ohnehin kaum einer was vor. Je härter die Bedingungen für diesen Teil, desto besser für ihn.

Denn Schumacher will noch einmal einen raushauen. Sportlich für Schlagzeilen sorgen. Vielleicht nicht gleich bei der Hawaii-Premiere, aber doch bald. "2018 und 2019 - wenn es da nicht klappt, dann lass ich es. Dann brauch ich es nicht auf Profi-Niveau machen, dann lässt sich auch nichts damit verdienen", sagt er. "Das ist seit 2008 das erste Mal, dass ich bei einem solchen Topevent wieder dabei sein kann. Ich bin sehr glücklich, dass ich das gemacht habe."