Tottenhams neues Sturm-Duo:Wer vermisst Harry Kane?

Tottenhams neues Sturm-Duo: Hat hier jemand zu viel Darts geschaut? James Maddison (links) und Heung-min Son werfen beim Torjubel imaginäre Pfeile auf eine imaginäre Scheibe.

Hat hier jemand zu viel Darts geschaut? James Maddison (links) und Heung-min Son werfen beim Torjubel imaginäre Pfeile auf eine imaginäre Scheibe.

(Foto: Kin Cheung/AP)

Nach dem Wechsel des Stürmers zum FC Bayern haben Tottenhams neuer Spielmacher James Maddison und Heung-min Son den Klub fast im Alleingang an die Tabellenspitze geschossen. Über eine beachtliche Partnerschaft.

Von Sven Haist, London

Das Tottenham Hotspur Stadium im Norden Londons ist quasi nur einen Wurf entfernt vom Ally Pally, dem Austragungsort der Darts-WM zum Jahreswechsel. In gewisser Weise ist die Spielhalle mittlerweile zum 21. Stadion der Premier League geworden, so viele Fußballspieler und -fans befinden sich jährlich unter den Zuschauern. Der bekannteste unter ihnen ist wohl Tottenhams Spielmacher James Maddison, den der Klub im Sommer für knapp 50 Millionen Euro von Absteiger Leicester City verpflichtet hat. Seine Leidenschaft für Darts drückt Maddison seit geraumer Zeit im Torjubel aus, indem er die Wurfbewegung nachahmt. So auch nach seinem Treffer gegen den FC Fulham am Montagabend.

Gemeinsam mit seinem Sturmpartner Heung-min Son stellte er sich vor der Fantribüne auf und warf mit ihm synchron imaginäre Pfeile auf eine ebenfalls imaginäre Scheibe. Mit ein bisschen Fantasie ließ sich ausmalen, dass die Pfeile jeweils im Feld der Doppel-20 landeten, das sich ganz oben auf dem Dartboard befindet. In England wird diese Trefferfläche Tops genannt. Die Zeitung Telegraph titelte entsprechend: "Double-Top!" - und spielte damit auch auf die Tabellensituation in der Premier League an.

Denn die Spurs haben durch das ungefährdete 2:0 (1:0) über den Stadtrivalen Fulham den am vergangenen Spieltag eingenommenen Spitzenplatz verteidigt. Nach neun Spielrunden führt Topenham, wie die Anhänger ihren Klub gerade nennen, die Tabelle mit zwei Punkten vor Meister Manchester City an. Die Spurs sind genau wie der FC Arsenal noch ungeschlagen in dieser Saison. So gut stand der Klub zu diesem Saisonzeitpunkt zuletzt vor drei Jahren da. Damals trumpften Harry Kane und Son in der Offensive auf, zusammen gelangen ihnen erstaunliche 40 Tore und 24 Vorlagen.

Kane und Son setzten die Ahnenreihe kongenialer Angriffsduos fort, die bei Tottenham bis zu den Anfängen der Premier League vor drei Jahrzehnten zurückreichen. Zu jener Zeit bildeten Teddy Sheringham und Darren Anderton ein beachtliches Offensivgespann, dann stürmte Jürgen Klinsmann erfolgreich an der Seite von Sheringham. Diese Tradition ließen später Kane und Dele Alli wieder aufleben. Ihre Partnerschaft hätte Tottenham fast zur ersten Meisterschaft seit 1961 geführt.

Son ist kaum zu kontrollieren, nicht mal für tiefstehende Abwehrreihen

Nach dem Wechsel von Kane zum FC Bayern sind nun Maddison und Son dabei, in die Fußstapfen ihrer Spurs-Vorgänger zu treten. Gegen Fulham erzielten beide fast identische Tore, jeweils nach Balleroberung des Mittelfeldabräumers Pierre-Emile Höjbjerg. Zunächst traf Son (36. Minute), dann täuschte er im selben Stil später einen Schuss an, um stattdessen den Treffer von Maddison aufzulegen (54.). Weil sie sich blind verstehen, besitzen sie in England schon einen gemeinsamen Spitznamen: MaddiSon. Und beinahe hätten sie gegen Fulham auch noch ein gemeinschaftliches Tor erzielt, als sie im Strafraum gleichzeitig zum Ball gingen, sich aber mehr behinderten als ergänzten. Mit zehn Treffern und sechs Assists steht MaddiSon derzeit an der Spitze der englischen Torjägerliste - knapp vor dem Ein-Mann-Goalgetter Erling Haaland.

Dass die Abstimmung zwischen den beiden trotz der kurzen Zusammenarbeit bereits auf Anhieb funktioniert, liegt daran, dass Son der ideale Angreifer für einen Spielmacher ist. Der Koreaner eignet sich für Maddison immerzu als Anspieloption für Pässe in die Schnittstellen der gegnerischen Verteidigung. Durch seine unglaubliche Antrittsschnelligkeit und Geschmeidigkeit ist Son kaum zu kontrollieren, nicht mal für tiefstehende Abwehrreihen. Obwohl die Spurs zuletzt selten eine Spitzenmannschaft stellten, gelangen dem 31-Jährigen sagenhafte 233 Torbeteiligungen in 382 Pflichtspielen.

Ähnliche Zahlen kann Maddison in einer vergleichbaren Konstellation in Leicester vorweisen. Dort wirkte er an 96 Treffern in 203 Matches mit. Als klassische Nummer zehn - Maddison trug die "10" sowohl bei Leicester als auch jetzt bei Tottenham als Rückennummer - besitzt er fast alle Freiheiten im Offensivspiel. Wie wenig andere verfügt er über ein untrügliches Gespür, seine Mitspieler in Szene zu setzen. Diese Fähigkeit kultivierte er in seinen Leicester-City-Jahren hinter Stürmer Jamie Vardy, der Son in seiner Spielanlage ähnlich ist.

Wenn es darum gehe, über Maddison zu sprechen, könnten "wir den ganzen Tag hierbleiben", sagte Son kürzlich über seinen Kollegen. Einen solchen Spieler habe Tottenham benötigt, findet er, das Zusammenspiel mit ihm sei "eine absolute Freude". Auf die gleiche Art äußert sich Maddison, der Son als "Weltklasse-Fußballer" betrachtet - und so ein Kompliment mache er nicht oft. Gemeinsam sind sie momentan die heißesten Pfeile der Premier League.

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