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Thomas Müller beim FC Bayern:So wertvoll und frisch und gedankenschnell wie heute ist Müller vielleicht noch nie gewesen

Als sich in der zweiten Halbzeit die Münchner Herrlichkeit erschöpfte und Corentin Tolisso beim Versuch, Javi Martínez' Fehlpass einzufangen, die rote Karte verdiente, war es wieder Müller, dem Flick zu Dank verpflichtet war. Eigentlich hätte er Müller nach dessen Pokaleinsatz am Donnerstag ja rausnehmen müssen, sagte Flick, "aber er war neben Lewy unser wichtigster Mann und wusste, wie er nach der roten Karte das Zentrum verteidigte".

So wertvoll und frisch und gedankenschnell wie heute ist der 31-jährige Müller vielleicht noch nie gewesen, doch das hat im Herbst 2019 nicht mal der 30-jährige Müller ahnen können. Damals hat sich niemand beschwert über Joachim Löws Entscheid, den Angreifer aus der Nationalelf zu verabschieden, nun ist die Debatte um die abgebrochene Karriere zum Dauerthema geworden. Alte Helden wie Stefan Effenberg und Lothar Matthäus werden nicht müde, Löw im Befehlston Müllers Rückkehr nahezulegen. Flick beteiligt sich nicht an der Kampagne, aber er kann es seinem früheren Chef nicht ersparen, mit jedem lobenden Wort ebenfalls ein Votum abzugeben; am Samstag waren es so viele lobende Worte, dass die Analyse einer Schwärmerei glich: Wie Müller das Spiel verlagere, wie er die Räume sehe, wie geschickt er sich verhalte, wie er dieses und jenes einfach immer goldrichtig mache.

Müller trägt nichts Essentielles zu der Diskussion bei, aber genießen tut er sie schon. "Darüber", über seine Länderspielkarriere, "wurde sich schon viel unterhalten", teilte er lächelnd mit, "dass ich mich in einer guten Verfassung befinde, das sieht jeder." Er kann warten. Er muss nicht zur nächsten Länderspielrunde im November eingeladen werden, er muss bloß im Frühsommer 2021 der gleiche tragende Hauptdarsteller beim FC Bayern sein, der er jetzt ist. Erst dann würde er Löw vor eine Grundsatzentscheidung stellen.

An der nötigen Kraft, im Juni beim großen Länderturnier mitzumachen, wird's dem offenbar unverletzlichen Hochleistungsmüller kaum mangeln. Die vielen Beschwerden über die Belastungen in der Corona-Situation könne er "nicht nachvollziehen", sagt er: "Unser Programm, des pack ma' scho'."

© SZ vom 19.10.2020/sonn

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