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Statistiken zu Bayern gegen Barcelona:Zupacken gegen die Kurzpassfolter

Xavi! Messi! Iniesta! Wer Barça besiegen will, muss das Passspiel der wandelnden Billardbanden unterbinden. Ein Blick in die Statistik offenbart: Der FC Bayern könnte die Katalanen mit eigenen Mitteln knacken. Vier Thesen zum Halbfinale der Münchner gegen den FC Barcelona.

Von Jonas Beckenkamp

Wer als Fußballer schon einmal auf dem Trainingsplatz beim Fünf-gegen-Zwei in die Mitte musste, kennt das: Die Pässe der zahlenmäßig überlegenen Kreisgemeinschaft flitzen nur so an einem vorbei, ständig huscht der arme Verteidiger Bällen hinterher, während der Rest sich die Kugel locker zuspielt. So in etwa praktizieren auch die magischen Männer aus Barcelona ihr berühmtes Tiki-Taka. Wenn Barça Ernst macht, ist es schwer, überhaupt am Spiel teilzunehmen. Die Katalanen quälen den Gegner mit ihrer Kurzpassfolter, bis diesem die Luft wegbleibt.

All das wissen sie beim FC Bayern vor dem Halbfinale der Champions League längst, sie versuchen sich vorzubereiten auf die Spielweise der Künstlerclique von der Costa Brava. Nur: Wie lässt sich die Einschnürtaktik der Elf um Messi, Xavi und Iniesta bekämpfen?

An einer Lösung tüfteln die Münchner wohl noch, zumindest wissen sie bereits, wie es nicht geht. "Wenn wir gegen Barcelona die Abstände haben wie in der ersten Stunde, könnte es eng werden", monierte kürzlich der stets kritische Sportvorstand Matthias Sammer - nachdem die Bayern Wolfsburg mit 6:1 abgefertigt hatten wohlgemerkt. Die Botschaft kam bei der Mannschaft an. "Da müssen wir uns wieder verbessern. Gegen Barça muss man hellwach sein", erklärte Kapitän Philipp Lahm.

Ein gewisse Ähnlichkeit zur berühmten Barça-Schule ist mittlerweile durchaus festzustellen beim deutschen Meister, das beweisen auch die Statistiken. Selbst ausgemachte Experten schwärmen derzeit von der Dominanz der Münchner. "Ich schaue den Bayern sehr gern zu. Sie spielen im geordneten Block, haben gern Ballbesitz und hervorragende Fußballer", sagte ausgerechnet Barcelonas wandelnde Billardbande Andres Iniesta. Aber reicht es, Barcelona zu kopieren, um sie zu besiegen? Welche Schwächen der Katalanen könnte der Rekordmeister nutzen? Und welche feinen Unterschiede bestehen auch weiterhin zwischen beiden Mannschaften?

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  • Leichte Bayern-Vorteile in der Defensive

Zugegeben, es sind Nuancen, aber die machen bekanntlich den Unterschied aus im Spitzenfußball. Was die Abwehrarbeit betrifft, präsentieren sich beide Teams fast gleich stark. Jeweils zehn Gegentore sind ein sehr guter Wert, Barcelona kam sogar einmal mehr ohne Gegentor davon als die Bayern (insgesamt vier Mal). Feine Variationen bringt dagegen ein Blick auf Details zu Tage.

Die Katalanen agieren hinten nicht ganz so zupackend wie der FCB - sie lassen mehr Schüsse aufs Tor zu (39 zu 27), tackeln weniger (161 zu 195) und bestreiten generell weniger Zweikämpfe (928 zu 1057). Das ist insofern nachvollziehbar, als dass es schlichtweg nicht der Spielweise Barças entspricht, ständig in defensive Eins-gegen-eins-Duelle zu gelangen. Die Elf von Trainer Tito Vilanova löst Probleme in der Defensive, indem sie sie gar nicht erst entstehen lässt: durch eigenen Ballbesitz und rasantes Gegenpressing.

Das spielen zwar auch die Münchner, aber als Erfinder dieser Taktik darf Barcelona für sich beanspruchen, es noch ein wenig besser zu machen. Wegen des Fokus beider Klubs auf eigenen Ballbesitz überrascht es auch nicht, dass sich kein Akteur der ersten Halbfinal-Paarung unter den Top 10 der Spieler mit den meisten "klärenden Aktionen" der Champions League befindet - dort wimmelt es dagegen vor Dortmundern. Mit ihrer Offensivstärke haben die Bayern und ihr Gegner dies einfach nicht nötig.

  • Bayern investiert mehr, Barcelona kontrolliert den Ball

Die Feinheiten in der Offensivgestaltung offenbaren sich vor allem bei näherer Untersuchung der Vorgehensweise im Angriff. Mit 22 gegenüber 18 erzielten Treffern liegen die Bayern grundsätzlich im Vorteil. Auch die Statistiken der Schüsse aufs Tor (66 zu 56) und neben den Kasten (73 zu 57) fallen zugunsten der Deutschen aus, zudem zeigt sich eine deutliche Überlegenheit der Münchner bei Flanken (220 zu 132). Die Zahlen sprechen dafür, dass Heynckes' Männer vorne auf vielfältigere Weise arbeiten müssen, um Erfolg zu haben.

Die Spanier gewinnen dagegen den Vergleich der sogenannten Dribbling-Quote. Sie trauen sich öfter in Duelle und gehen auch meist als Sieger hervor (98 zu 74 erfolgreiche Dribblings). Dieser Wert schlägt sich auch in Prozentzahlen nieder: Bei der Dribbling-Quote liegt Barça mit 53,8 Prozent klar vor dem Gegner (41,1 Prozent). Messi, Xavi, Iniesta sind schließlich die Meister der Körpertäuschung.

  • Pass-Zirkus Barcelona

Beim Thema Zuspiele stößt man auf das Herzstück der Barça-Maschine. Barcelona zelebriert das Passspiel wie keine andere Elf auf diesem Planeten. Beinahe jeder Profi verfügt über überragendes Spielverständnis und riesiges Antizipationsvermögen. In Zahlen heißt das: Messi & Co. spielen mit Abstand die meisten erfolgreichen Pässe aller CL-Teams. In dieser Kategorie liegen sie dementsprechend auch weit vor den Bayern (7221 zu 4665). Ähnlich sieht es bei der Passgenauigkeit aus - erstaunliche 90,9 Prozent aller Zuspiele Barcelonas gelangen auch zum Mitspieler (Bayern kommt auf gute 86,1 Prozent).

Mit 29 Torschussvorlagen ist Xavi der beste Zulieferer des Wettbewerbs, Bayerns Bester ist der verletzte Toni Kroos (21). Überhaupt, Xavi. Was der kleine Kreiselkönig trotz einiger Ermüdungserscheinungen in dieser Saison leistet, ist wieder einmal außergewöhnlich. Er führt mit riesigem Vorsprung die Rangliste der Männer mit den meisten Pässen an (1228). Wer denkt, das sei es bei Barcelona gewesen, der irrt: Auf Platz zwei liegt in dieser Statistik Iniesta (758), Dritter ist Defensiv-Allrounder Sergio Busquets (689). Außerdem in den Top 10 der gesamten Champions League: Jordi Alba, Dani Alves und Messi. Münchner finden sich in dieser illustren Zehnerrunde nicht.

  • Barcelona spielt körperloser

Es mag ein Nebenaspekt sein, aber auch in Sachen Disziplin schneiden die Katalanen etwas besser ab. Gefoult wurden beide Teams gleich oft (153), doch bei den begangenen Regelwidrigkeiten erweisen sich die Münchner als deutlich entschlossenere Grobiane. 138 Mal bremsten die Bayern ihre Gegner unsanft, Barça kam dagegen mit gerade einmal 88 Fouls aus. Dass die Profis des FC Bayern viel öfter gelbe Karten sahen, beweist nicht nur der Ausfall des gesperrten Mario Mandzukic - auch in der Gesamtaddition der Verwarnungen sieht Barcelona besser aus (19 zu 24).

Die weniger aggressive Marschroute entspricht klar der Philosophie der Vilanova-Elf, schließlich braucht es kaum Grätschen oder andere Zweikampf-Zwickereien, wenn der Ball ständig in den eigenen Reihen kreist. Trotzdem bleibt den Bayern eine Hoffnung: Bei Barcelona fällt hinten Javier Mascherano verletzt aus, auch Kapitän Carles Puyol ist noch angeschlagen - damit könnten ausgerechnet jene beiden fehlen, die das Barça-Spiel ein wenig robuster machen.

  • Fazit: Bayern braucht eine Großtat, um Barças Routine zu durchbrechen

Bayern gegen Barcelona - das ist nicht nur das Duell zwischen der Münchner Offensiv-Schlagkraft und der katalanischen Freude am Passspiel, es ist auch das Aufeinandertreffen sehr ähnlicher Spielsysteme. Aus den Zahlen lässt sich insgesamt nicht sagen, wer die bessere Mannschaft ist und wie das Spiel ausgehen wird. Eines lässt sich jedoch recht sicher prognostizieren: So kläglich wie beim letzten Duell im Jahr 2009 unter Jürgen Klinsmann werden die Bayern diesmal nicht untergehen. Damals verlor die Mannschaft im Champions-League-Viertelfinale mit 0:4 und 1:1. Die Münchner sind individuell, taktisch und physisch viel stärker als damals. Sollte Heynckes Wege finden, um Barça die Lust am Spiel zu nehmen, bestehen sogar gute Siegchancen. Nur im Training Fünf-gegen-Zwei zu üben dürfte allerdings dafür nicht reichen.

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