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SSC Neapel:Trainer bei der Morgengymnastik

Nur wer das begreift, hat Neapel im Griff. Der Großreeder Achille Lauro etwa war von den 1940er- bis 1960er-Jahren Klubeigner, Präsident, Bürgermeister und Parlamentsabgeordneter, als Silvio Berlusconi, der dieses Modell später auf Mailand und den AC Milan übertragen hat, noch in kurzen Hosen zur Schule ging. Von Lauro geht die Sage, er habe seine Trainer grundsätzlich bei der Morgengymnastik empfangen, die er nackt zu absolvieren pflegte. Wozu sich vor Höflingen bedecken? Das Volk lag ihm zu Füßen, obwohl er ihm nichts weiter brachte als einen Pokal und zwei Abstiege in die Serie B. Erst mit Lauros Nachfolger Corrado Ferlaino kam Diego Armando Maradona in die Stadt und mit ihm kamen zuvor unerreichte Erfolge: die italienischen Meisterschaften 1987 und 1990, der Uefa-Cup 1989.

Im Januar war Maradona wieder mal in Neapel, im Teatro San Carlo, wo ihm jene Bühne, auf der sonst die Granden der Opernwelt auftreten, für eine bizarre Show zur Verfügung gestellt wurde. Die Eintrittskarten kosteten 300 Euro, das Establishment der Stadt war vollständig vertreten, wer draußen bleiben musste, konnte immerhin an den Leuchtsäulen der Bushaltestellen die Botschaft lesen: "Willkommen zurück, Diego." Neapel schwelgte in seiner Vergangenheit, flugs ernannte Klubpräsident De Laurentiis Maradona zum "Ehrenbotschafter" und nahm ihn mit zum Spiel nach Madrid.

In den Katakomben des Bernabéu wurde der Argentinier kurz vor Anpfiff auf die Mannschaft losgelassen, nachdem er mittags erst einmal die spanische Polizei auf den Plan gerufen hatte - Señor Maradona hatte sich im Hotel allzu lebhaft mit seiner Lebensabschnittsgefährtin gestritten. Die Spieler des SSC Neapel hingegen gaben ihm keine Widerworte, alle lauschten mucksmäuschenstill seiner wirren Ansprache, in der es viel um Ehre ging und wenig um Taktik. Verstummt war auch Trainer Maurizio Sarri, der Mann, dem Neapel zu verdanken hat, dass der SSC noch überall mitmischt, obwohl De Laurentiis systematisch stets die besten Teile der Mannschaft zu verscherbeln geruht.

Der Filmproduzent hat einen ausgeprägten Sinn für Show: Zur Saisoneröffnung lädt er gern auf ein weißes Kreuzfahrtschiff vor Capri. Er ist aber vor allem ein ausgebuffter Geschäftsmann. 2004 übernahm er den Klub nach dessen Pleite in der dritten Liga. 2011 spielte der SSC unter seiner Ägide schon wieder Champions League. Der Meistertitel wurde nie mehr erreicht, nur zwei Italien-Pokale, aber De Laurentiis schreibt als einer der wenigen in der Serie A schwarze Zahlen.

Für viel Geld hat er seine Stars verkauft - erst Edinson Cavani und Ezequiel Lavezzi an Paris St. Germain und zuletzt Gonzalo Higuaín an Juventus. Sagenhafte 36 Tore hatte der Argentinier vergangene Saison für Neapel erzielt, dann wechselte er für 90 Millionen Euro zum Erzfeind. Die ganze Stadt, der Präsident vorneweg, schmähte ihn als Verräter. Zwei Tore hat Higuaín bislang für Juventus gegen sein altes Team erzielt und sich jedes Mal den Jubel verkniffen. Aus Respekt. Einmal Napoli, immer Napoli.

Das Pokal-Halbfinale verpasste De Laurentiis

Die alte Feindschaft zu Juventus und die Neuauflage der ewigen Verschwörungstheorien bieten immerhin Sicherheiten in einer Fußballwelt, die sich gerade rasant verändert. Der AS Rom gehört den Amerikanern, Inter Mailand den Chinesen, die US Palermo wurde gerade ebenfalls an Amerikaner abgegeben und Berlusconi sucht seit Jahren Käufer für seinen AC Mailand.

Nur Juve gehört seit mehr als 90 Jahren den Agnellis, und Napoli einem Volkstribun aus dem Vorort Torre Annunziata, der nebenberuflich Ehrenpräsident der Internationalen Union der Filmproduzenten ist und das Pokal-Halbfinale nicht sah, weil er zur Oscar-Verleihung in Los Angeles weilte. Was De Laurentiis nicht davon abhielt, quasi vom roten Teppich gegen die italienischen Schiedsrichter zu wüten, wozu gibt es Internet. Der letzte große Feudalherr des Calcio garantiert, dass wenigstens in Neapel noch alle Klischees stimmen. Sein Nein zum modernen Fußball ist in jedem Fall immer großes Kino. Und der kleine Insigne gegen den großen Ronaldo, das wird ja vielleicht sogar großer Sport.

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