Sandra Schwedler im Interview:"Dafür fallen mir 20 Frauen ein"

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Deutschland Hamburg CCH Fussball 2 Bundesliga Saison 2016 2017 Mitgliederversammlung des; imago 26193900 Schwedler

St. Paulis Aufsichtsratschefin Sandra Schwedler.

(Foto: Oliver Ruhnke/imago)

Sandra Schwedler vom FC St. Pauli ist die einzige Aufsichtsratschefin im deutschen Fußball. Sie kämpft gegen den versteckten Sexismus - und fordert eine Frauenquote in Fußball-Gremien.

Interview von Jörg Marwedel, Hamburg

Schon einmal, von 2000 bis 2002, hatte der FC St. Pauli in Tatjana Groeteke eine Aufsichtsratsvorsitzende. Beim Stadtnachbarn Hamburger SV wirkte Katja Kraus einmal als einflussreiches Vorstandsmitglied. Nun ist Sandra Schwedler, 38, die derzeit einzige Frau im deutschen Profifußball, die einem Aufsichtsrat vorsteht - wiederum beim FC St. Pauli. Die frühere Handballerin plädiert schon lange für eine Frauenquote im deutschen Fußball. Und das möglicherweise mit Erfolg. Ende Oktober beschloss die Mitgliederversammlung am Hamburger Millerntor bei nur fünf Gegenstimmen, dass bis zum Jahr 2025 Gremien und auch das Präsidium des FC St. Pauli zur Hälfte von Frauen besetzt sein sollen. In der SZ erklärt Schwedler, warum sie sich dafür starkmacht.

SZ: Frau Schwedler, ist Ihr Klub mal wieder ein Vorreiter im deutschen Fußball?

Sandra Schwedler: So weit ist es noch nicht. Es wurde zunächst mal eine Gruppe gebildet, die sich mit diesem Thema befasst. Laut Antrag sollen wir einen vereinsöffentlichen Diskurs schaffen. Da könnte eine Antwort eine Quote sein - etwa nach der Zahl weiblicher Mitglieder im Verein.

Der Plan geht aber noch weiter.

Ja, der zweite Part im Antrag lautet, einen Plan zu entwickeln, wie es ermöglicht werden kann, dass auch auf der Geschäftsleiterebene bis 2025 die Hälfte Frauen sind. Auch hier stellen wir uns grundsätzlich die Frage, was können wir eigentlich dafür tun?

Bisher gibt es sechs Männer auf dieser Ebene. Wollen Sie Männer entlassen?

Natürlich ist es nicht die Lösung, dass wir drei Leute rausschmeißen und dafür Frauen einstellen. Im Antrag heißt es auch, unter allen arbeitsrechtlichen Voraussetzungen. Aber sich überhaupt mit einer Frauenquote zu beschäftigen, ist auch für den FC St. Pauli neu. Wir reden immer viel von dem "Anderssein", aber in der Praxis ist es nicht anders als bei anderen Klubs. Der Antrag ist offen formuliert. Er ist nicht bis zum Ende durchdekliniert.

Wie merkt man beim FC St. Pauli Sexismus?

Auch am Millerntor gibt es zum Teil dieses sehr männlich dominierte Machoverhalten. Immer diese Fragen: Wer hat dich denn mitgebracht, welcher Freund war es oder der Vater? Man wird immer gefragt, ob man Taschentücher und Bonbons dabeihat. Aber auch in den Gremien, bei Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, ist Sexismus vorhanden. Frauen und Männern werden ja immer unterschiedliche Eigenschaften zugeschrieben, das ist oftmals eher struktureller, versteckter Sexismus.

Was macht es den Frauen so besonders schwer?

Es sind diese vielen Klischees, an die wir uns gewöhnt haben. Viele Dinge halten sich noch in meiner Generation. Beispiele: Der Mann muss immer älter sein. 75 Prozent der Frauen, die heiraten, nehmen immer noch den Namen des Mannes an. Der Sexismus im Stadion ist auffälliger und lauter, aber das andere ist genauso vorhanden. Jede Frau, die irgendeinen aktiven Part hat, wird halt kritisch beäugt.

Die Frauen sind da sehr zurückhaltend, wenn es um Posten geht. Wie können Sie die denn motivieren?

Das ist eine Aufgabe von vielen Personen, also auch von Männern. In der Gesellschaft läuft bei der Erziehung vieles schief. Sei ruhig, sei still, kannst ruhig weinen, pass auf, wenn du aufs Klettergerüst gehst, wird den Mädchen gesagt. Den Jungs erzählt man: Kannst auch mal kämpfen und dreckig und laut sein. Das hat Auswirkungen. Auch deshalb überlegen Frauen dreimal mehr, ob sie für einen Posten geeignet sind. Dabei würden mir für den Aufsichtsrat und das Präsidium beim FC St. Pauli 20 Frauen einfallen.

Was hält die noch ab?

Viele wollen nicht in der Öffentlichkeit stehen. Und wenn eine das Gefühl hat, von zehn Sachen kann ich eine nicht, hält sie sich eher für nicht geeignet. Ein Mann sagt dagegen, ohne mit der Wimper zu zucken: Mach ich, auch wenn er vielleicht gar nicht qualifiziert ist.

Gibt es ein Beispiel?

Da war ein Mann, der, erst nachdem er kandidierte, den Wahlausschuss gefragt hat, wie viel Sitzungen es denn im Jahr gibt und ob Sitzungsgelder gezahlt werden. Nach der Antwort zog er zurück. Warum hat er nicht vorher gefragt?

Was spricht für die Frauenquote?

Wir brauchen sie übergangsweise, vielleicht auch auf Geschäftsleiterebene, weil sich sonst in 50 Jahren nichts ändert. Quotengegner sagen: Es geht doch um die Kompetenz. Ich sage: Die Kompetenz hat doch jahrelang keinen interessiert.

Sie wurden 2014 ja auch zum Vorsitz getragen ...

Ja, ich war sogar nicht anwesend, als ich gewählt wurde - wegen einer Südamerikareise. Aber auch ich habe nicht einfach von selbst kandidiert und, nachdem ich gefragt wurde, noch sechs Monate hin und her überlegt. Immerhin: Seit der letzten Mitgliederversammlung gibt es eine gleiche Besetzung im Wahlausschuss, drei Frauen, drei Männer.

"Nachwuchsleistungszentren gibt es momentan nur für Jungs"

2018 waren nur neun Frauen in den Aufsichtsräten der Klubs der ersten und zweiten Liga. Das sind 4,48 Prozent.

Beim FC St. Pauli gibt es mit Vizepräsidentin Christiane Hollander und mir als Aufsichtsratsvorsitzender zwei Frauen und zehn Männer.

Gibt es Verbindungen zu den Frauen anderer Klubs?

Es gibt sporadische Kontakte, aber eine bundesweite Vernetzung aufzubauen, dafür fehlt die Zeit.

Eva-Maria Federhenn, die Präsidentin von Mainz 05 werden wollte, kennen Sie aber?

Ja, als sie diesen Job anstrebte, wurde bei mir sofort angefragt, was ich dazu sage. Ob ich glaube, dass sie qualifiziert sei. Bei einem Mann hätte niemand gefragt, ob der qualifiziert ist - vor allem nicht einen anderen Mann in einer anderen Stadt. Ich glaube, Frauen stehen dreißigmal mehr im Fokus als ein männlicher Kollege. Selten geht es dabei um inhaltliche Themen.

Halten Sie es für denkbar, dass etwa in 15 Jahren eine Trainerin St. Paulis Bundesligateam betreut? Die bislang höchste Ebene im Männerfußball hat die ehemalige Nationalspielerin Inka Grings erreicht: Sie coacht den Regionalligisten SV Straelen. In Frankreich mussten die Männer des Zweitligisten Clermont Foot nach der Pfeife von Corinne Diacre tanzen.

Ich fände es total schön (lacht). Aber dafür müsste sich schon einiges ändern. Das hat mit Verbandsstrukturen zu tun, mit Ausbildung. Fußball, der von Frauen gespielt wird, war erst verboten, dann mit anderen Regeln ausgestattet. Auch jetzt wird er immer noch sträflich vernachlässigt.

Sie regen sich darüber auf, dass es Fußball und Frauenfußball heißt.

Die Unterscheidung ist nicht zulässig. Es ist keine andere Sportart, und in anderen Sportarten wird dieser Unterschied auch nicht gemacht. Ich komme ja vom Handball.

Immerhin machen die Frauen ja ihre Lizenzen inzwischen mit den Männern.

Aber bei der Ausbildung der Jungs und Mädchen ist immer noch ein großer Unterschied. Nachwuchsleistungszentren gibt es momentan nur für Jungs. Da müsste angesetzt werden.

Sissy Reith, die die Männer-Oberligamannschaft des TSV Eching trainierte, sagte, bei den Männern herrsche ein anderer Umgangston als bei den Frauen. Imke Wübbenhorst, die das Oberligateam des BV Cloppenburg trainierte, hat sich diesem Ton angeschlossen. Sie sagte spöttisch: "Ich bin Profi, ich stelle nach Schwanzlänge auf ..."

Warum stürzen sich die Medien auf Wübbenhorst? Und warum auf mich?

Weil Sie aktuell die einzige Aufsichtsratsvorsitzende im deutschen Fußball sind und Wübbenhorst damals die einzige Oberliga-Trainerin war.

Aber keiner hat gefragt, ob Imke Wübbenhorst eine gute Trainerin ist, sondern nur, wie ist das mit der Umkleidekabine. Sie wird nicht objektiv bewertet, und das passiert immer, wenn Frauen Positionen haben, auf denen man sie nicht erwartet.

Wie sind Sie eigentlich zum Fußball gekommen?

1994 haben ganz viele aus meiner Klasse über Fußball geredet, und ich dachte: Da musst du mal hin. Eine Freundin hat mich zu St. Pauli mitgenommen. Danach sagte ich meinen Eltern: Ich hätte gern eine Dauerkarte. Ich bin relativ schnell in die aktive Fanszene gerutscht, wo auch fast nur Männer waren. Ich habe aus dieser Unzufriedenheit dann eher was Politisches gemacht, als mich von irgendwelchen Sprüchen bremsen zu lassen.

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